Moskau ist anders – Petersburg auch: Unsere Autorin Daria Boll-Palievskaya ist dem Charme von St. Petersburg erlegen

image_pdfimage_print

„Entschuldigung, wie kommen wir am besten zur italienischen Renaissance?“

„Sie möchten die alten Italiener sehen? Wie ich Sie dafür beneide, junge Frau!“, der adrett gekleidete ältere Herr steht von seinem Stuhl höflich auf und redet auf mich leise ein. „Nehmen Sie aber unbedingt den Weg über den englischen Saal, allerdings hat „Dame in Blau“ vom großen Thomas Gainsborough uns kurz verlassen, sie ist nach Japan gereist“.

So ein Dialog mit einem Museumsaufseher kann Ihnen nur in einer einzigen Stadt der Welt passieren. Und zwar in Petersburg. Die Petersburger sind in ihrer ausgesprochenen Höflichkeit und Liebe zu ihrer Stadt einmalig in ganz Russland. Hier wird jede Taxifahrt zu einer Sehenswürdigkeitsbesichtigung. Denn jeder Taxifahrer erzählt seinen Gästen ungefragt alles, was er über die Häuser und Denkmäler weiß, an denen Sie vorbeifahren. Dazu gibt er noch seine Tipps zum besten Aufenthalt in Petersburg. „Sehen Sie diese Terrasse da, am Newskij! Eigentlich ist es verboten, solch große Balkone zu bauen, aber man hat die alten Skizzen und Fotos gefunden und die Terrasse genau so aufgebaut. Jetzt kann man dort wunderbar sitzen und Kaffee trinken. Übrigens, wissen Sie, wo man den besten Kaffee in der Stadt bekommt…?“

Versuchen Sie mal in Moskau einen Passanten nach einer Straße zu fragen. Keine Chance! Die ewig gehetzten Moskauer werden etwas wie „Kann ich nicht sagen“ murmeln und an Ihnen vorbeirennen. „Moskau glaubt den Tränen nicht“, besagt das russische Sprichwort. Hier kämpf man mit harten Bandagen und hat keine Zeit, sich mit dummen Touristen zu beschäftigen. Der Petersburger dagegen würde Sie quasi bis zur von Ihnen gesuchten Straße begleiten und unterwegs noch ihre Geschichte erzählen.

An Touristenmassen ist man hier gewohnt. Gefühlte Millionen Chinesen, Spanier, Italiener, Amerikaner (erstaunlicherweise sehr wenig Deutsche, zumindest im Sommer 2017) durchstreifen diese großartige Stadt. Sie sind auch auf die Hilfe der Einheimischen mehr oder weniger angewiesen, denn nirgends ist auch nur ein Wort auf Englisch zu lesen. Alle Straßenschilder sind auf Kyrillisch. Es ist ein Paradox: in Moskau, wo sich nur wenige Touristen hin trauen, werden sogar die Stationen in der Metro auf Englisch angekündigt, geschweige denn, dass im ganzen Stadtkern die Straßenschilder auch in englischer Sprache angebracht sind. In St. Petersburg dagegen, das vom Tourismus lebt, wird das Finden einer Metrostation für einen Angereisten zu einer Herausforderung, denn der die Metro bezeichnende Buchstabe „M“ ist sehr klein und unscheinbar. Das Erwerben eines Fahrscheins entpuppt sich dann als eine kaum lösbare Aufgabe, und ist in seiner Undurchsichtigkeit nur mit dem deutschen Tarifsystem der öffentlichen Verkehrsmittel zu vergleichen.

Aber das alles schreckt die Menschen aus der ganzen Welt nicht davon ab, St. Petersburg sehen zu wollen. Und tatsächlich, wer einmal nachts das Wunder der „singenden Brücken“ an der Newa erlebt hat, der würde alle Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, um dieses Spektakel noch einmal erleben zu dürfen.  So viele Schnellbote durchqueren den Fluss, um ihren Passagieren kurz nach 1 Uhr den Blick auf hochziehende Brücken zu gönnen, dass man diesen Andrang mit einem Moskauer Stau zu Stoßzeiten vergleichen kann. Kurz nach zwei Uhr nachts werden Sie an einem der Newakanäle wieder am Ufer abgesetzt. Der Weg zum Hotel führt durch den Newskij Prospekt – die Hauptader von Petersburg, und man hat das Gefühl, dass die ganze Stadt noch auf den Beinen ist – es ist hier fast genau so voll wie noch vor einigen Stunden. Die Lokale jedenfalls scheinen hier nie zu schließen, und man kann sich auch mitten in der Nacht einen Kaffee in einer internationalen Kette oder ein typisch russisches Gericht in einer kleinen Kneipe schmecken lassen. Hier und da spielen Straßenmusiker, besser gesagt Straßenbands. Sie spielen keine internationalen Hits, nein. Sie spielen den alten Leningrader Rock, auf denen die Petersburger immer noch sehr stolz sind.

In dieser Stadt gab es schon immer ein bisschen mehr Freiheit als anderswo in Russland.

Venedig des Nordens, Stadt der Brücken, Wiege der Revolution – Petersburg hat viele Namen. Seine Sehenswürdigkeiten sind unzählig, seine Atmosphäre einmalig. Man verläuft sich in langen Spaziergängen und hat beim Anblick eines runden Platzes das Gefühl, in Paris oder Rom gelandet zu sein. Man findet den Weg zu einem Kanal und, ja, man ist wieder in… Venedig? Aber nein, man ist immer noch in Russland – in St. Petersburg, ehemaligem Leningrad, ehemaligem Petrograd und wieder Petersburg.

Endlich kommt man im Hotel an. Die Rezeptionistin ist ganz besorgt, sind wir doch in den Regen gekommen? Sie hat uns ja gewarnt, wir hätten die Regenschirme mitnehmen sollen. Am besten kauft man einfach einen „Wegwerfregenmantel“ für 150 Rubel und packt ihn in die Tasche. Das Wetter ist das beherrschende Thema in dieser Stadt. Kein Wunder, dass Peter der Große allen reichen Eigentümer befohlen hatte, ihre Häuser in kräftigen Farben zu streichen, um die Stadt ein wenig aufzuhellen. Denn das Klima hier ist alles andere als einladend. Heftige Winde, hohe Feuchtigkeit und wenig sonnige Tage, sagt man, machen das Leben in St. Petersburg schwer. Doch für diejenigen, die nur kurz in diese Stadt kommen, ist das nicht so wichtig. Ob beim Regen oder in der Sonne, St. Petersburg ist immer eine Reise wert.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin