Moskau droht Armenien mit Gashebel: EU-Kurs wird zur Preisfrage

Russland verschärft den Ton gegenüber Armenien. Sollte Eriwan seinen Kurs in Richtung Europäische Union fortsetzen, stellt Moskau nun offen das seit 2013 geltende Abkommen über zollfreie Lieferungen von Erdgas, Erdölprodukten und Rohdiamanten infrage. Armeniens Premier Nikol Paschinjan reagiert demonstrativ gelassen – und verweist die Entscheidung über EU oder Eurasische Wirtschaftsunion an die Bürger seines Landes.

Der politische Konflikt zwischen Russland und Armenien verlagert sich zunehmend auf das Feld der Energieversorgung. Nach Angaben der russischen Außenamtssprecherin Maria Sacharowa hat die russische Botschaft in Eriwan ein Schreiben von Energieminister Sergej Ziwiljow an die armenische Seite übergeben. Darin wird Armenien vor den Folgen einer weiteren Annäherung an die EU gewarnt. Konkret geht es um die Möglichkeit, ein bilaterales Abkommen aus dem Jahr 2013 einseitig auszusetzen oder ganz zu kündigen. Dieses Abkommen sichert Armenien zollfreie Lieferungen von russischem Gas, Erdölprodukten und Rohdiamanten.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer sich auf den Weg in die EU macht, kann nach russischer Lesart nicht zugleich von Sonderkonditionen profitieren, die im Rahmen enger postsowjetischer Wirtschaftsverflechtungen gewährt wurden. Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte bereits darauf hingewiesen, die Vorzugspreise für Gas kämen „nicht aus dem Nichts“, sondern würden letztlich auf Kosten Russlands ermöglicht.

Für Armenien ist die Drohung keineswegs symbolisch. Das Land deckt seinen Gasbedarf nahezu vollständig mit russischen Lieferungen. Laut Kommersant lieferte Gazprom 2025 rund 2,7 Milliarden Kubikmeter Gas nach Armenien; hinzu kamen knapp 476 Millionen Kubikmeter aus Iran im Rahmen eines Tauschgeschäfts „Gas gegen Strom“. Der russische Gaspreis für Armenien liegt derzeit deutlich unter europäischen Marktpreisen. Kommersant verweist auf einen Preis von 177 Dollar je 1.000 Kubikmeter, während der Spotpreis am niederländischen TTF-Hub am 26. Mai bei rund 584 Dollar lag.

Armeniens Regierung reagierte zunächst widersprüchlich. Das Infrastrukturministerium erklärte am Mittwoch, ein solches Schreiben nicht erhalten zu haben. Später bestätigte das armenische Außenministerium jedoch gegenüber Interfax den Eingang eines russischen Schreibens und kündigte an, es zu prüfen und gegebenenfalls zu beantworten.

Premier Nikol Paschinjan ließ sich von der Drohung öffentlich nicht beeindrucken. Es sei „unlogisch“, Armenien mit hohen Preisen zu schrecken, sagte er. Sollte Armenien europäisch integriert werden, werde das Land aus seiner Sicht deutlich mehr Geld haben, sodass höhere Preise nicht mehr so schwer wögen. Zudem verwies Paschinjan auf den Aufbau eines eigenen armenischen militärisch-industriellen Komplexes: Armenien verkaufe inzwischen selbst Waffen an entwickelte Länder.

Noch grundsätzlicher wurde Paschinjan bei einem Treffen mit Wählern im Dorf Garni. Dort erklärte er, nicht er, sondern das armenische Volk müsse entscheiden, ob das Land seinen Platz in der Eurasischen Wirtschaftsunion oder in der Europäischen Union sehe. „Der Stärkere wird entscheiden. Wer ist dieser Stärkere? Der Bürger Armeniens“, sagte Paschinjan sinngemäß.

Damit wird der Konflikt auch innenpolitisch brisant. Armenien steht vor Parlamentswahlen, bei denen Paschinjans Partei „Zivilvertrag“ von prorussischen Oppositionskräften herausgefordert wird. Moscow Times ordnet den russischen Druck ausdrücklich in diesen Wahlkontext ein und verweist zugleich auf die seit 2023 stark verschlechterten Beziehungen zwischen Moskau und Eriwan. Damals hatte Aserbaidschan die Kontrolle über Bergkarabach zurückerlangt; Armenien warf Russland und den russischen Friedenstruppen vor, den aserbaidschanischen Militäreinsatz nicht verhindert zu haben.

Die russische Warnung trifft Armenien allerdings nicht nur beim Gas. Auch der Import von Erdölprodukten wäre betroffen. Nach Kommersant importiert Armenien jährlich rund 0,9 bis 1 Million Tonnen Erdölprodukte zollfrei aus Russland. Zwar hat Eriwan seine Lieferquellen in den vergangenen Jahren diversifiziert, etwa durch Benzin aus Rumänien, Ägypten und Bulgarien sowie erste Lieferungen aus Aserbaidschan seit Dezember 2025. Doch Analysten erwarten, dass alternative Lieferungen teurer und logistisch schwieriger wären.

Auch bei Rohdiamanten geht es um mehr als Handelsstatistik. Fast die Hälfte der nach Armenien eingeführten Steine stammt laut Kommersant aus Russland. Armenien verfügt zwar über eine eigene, aber eher kleine Diamantschleiferei und betreibt vor allem Reexport von Diamant- und Brillantwaren, darunter auch russische Ware. Zwischen Moskau und Eriwan gibt es seit längerem Streit über Regeln in diesem Bereich.

Im Kern geht es um Armeniens geopolitischen Kurs. Im Dezember 2025 unterzeichneten Armenien und die EU eine Agenda für strategische Partnerschaft. Präsident Wladimir Putin hatte Paschinjan zuvor bereits darauf hingewiesen, dass eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion und der EU unmöglich sei. Moscow Times zitiert zudem die russische Linie, wonach Moskau Armeniens EU-Ambitionen beim Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion in Kasachstan thematisieren will.

Für Moskau ist das armenische Beispiel heikel: Ein langjähriger Verbündeter, Gastgeber einer russischen Militärbasis und Mitglied postsowjetischer Integrationsstrukturen, sucht sichtbar nach Alternativen. Für Eriwan wiederum ist Russland nach Bergkarabach nicht mehr der unbestrittene Sicherheitsgarant früherer Jahre. Die neue russische Drohung zeigt nun, dass Moskau bereit ist, wirtschaftliche Privilegien offen als politisches Druckmittel einzusetzen.

Damit wird Armeniens europäischer Kurs nicht nur zur Frage von Diplomatie, Sicherheit und Identität, sondern ganz konkret zur Preisfrage: Was kostet geopolitische Neuorientierung – und wer ist bereit, diese Rechnung zu bezahlen?

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