Millionenspiel mit Chodorkowski

Michail Chodorkowski macht auch Dich reich – das ist die Botschaft der neuesten Internet-Abzocke, die inzwischen viele User in ihren elektronischen Briefkästen finden.

Das Vorgehen erinnert allerdings auffällig an die altbekannte Nigeria-Connection: Da liegen auf einer ausländischen Bank riesige Geldbeträge – hier 100,5 Mio Dollar im Londoner HSBC Geldinstitut – die jedoch ohne die tätige Mithilfe ausgerechnet des Angeschriebenen nicht bewegt werden können. Was der Adressat genau tun soll, bleibt in dem ersten weitgehend Brief offen. Ihm wird nur mitgeteilt, dass er lediglich seinen Namen (und sein Konto) als Begünstigter zur Verfügung stellen soll Auf jeden Fall winkt ihm für seine Unterstützung eine Belohnung in Höhe von fünf Prozent der Gesamtsumme – in diesem Fall also fünf Millionen Dollar.

Absender dieses einmaligen Angebots ist Mr. Robert Bill, der im Brief offenkundige Schwierigkeiten mit seinem Namen zeigt – mal mit einem „l“, dann wieder mit zweien, mal groß geschrieben und mal klein – überhaupt strotzt der in schauderhaftem Englisch verfasste Text vor orthografischen und grammmatikalischen Fehlern. Dieser Mister R.B. gibt sich als „persönlicher Schatzmeister“ und an anderer Stelle als „persönlicher Berater“ des einsitzenden Ex-Yukos-Chefs aus. Hätte sich Chodorkowski tatsächlich mit solchen „Vertrauten“ umgeben, hätte er wohl gar nicht erst die Millionen angehäuft, die jetzt andere angeblich in seinem Namen verscherbeln wollen.

Die reichlich hundert Millionen, um die es in dem Angebot geht, stammen, wie Bob schreibt, „aus dem letzten Öl-Deal eines Londoner Öl-Händlers mit meinem Boss Mikhail Chodorkowski“, der ihm kurz vor seiner Verhaftung noch schnell die Verfügungsgewalt über den Geldtransfer übertragen hat.

Eigenartig, wozu braucht der Mann dann noch einen Dritten?

Das erfährt der interessierte Möchtegern-Millionär dann, aber auch nur vielleicht, wenn er in einer Antwort-Email seine Bereitschaft zur Teilnahme an der Rettungsaktion für heimatlose Öl-Dollars bekundet hat. Bevor sein Konto dann aber wegen Überfüllung geschlossen werden muss, bittet Robert oder Jasmes oder Peter, vorab die angesichts des zu erwartenden Gewinns lächerlich zu nennende Summe von einigen Tausend Dollar auf ein von ihm benanntes Konto zu überweisen – zur Deckung geschäftsgebundener Ausgaben.. Sollte jetzt die Gier über den gesunden Menschenverstand siegen, sei dem Fast-Reichen empfohlen, sich von jedem Geldschein einzeln zu verabschieden, denn er wird ihn nie wiedersehen, geschweige denn, dan großen Batzen erhalten..

Unbekannt ist, ob das so ergaunerte Geld notleidenden inhaftierten Öl-Magnaten zugute kommt. Wahrscheidlich aber will sich jemand eine Einnahmequelle erschließen, dem es dieser Weg erfolgversprechender schien, als Emails mit der Auffoderung zu verschicken: „Hallo, ich brauche Geld, schickt mir welches.“ [  Hartmut Hübner / russland.RU – die Internet – Zeitung ]

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.