Mehr als die Hälfte der Russen weiß nach Angaben des Wirtschaftsministeriums über das Ziel der Regierung Bescheid, bis 2060 Klimaneutralität zu erreichen. Das zeigt eine gemeinsame Umfrage des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und des Portals „Новости Mail“, über die das Magazin Expert berichtet. An der Befragung nahmen demnach fast 20.000 Menschen teil.
Besonders deutlich fällt die Zustimmung zu praktischen Schritten in der Wirtschaft aus. Mehr als die Hälfte der Befragten, die von Russlands Klimaziel wissen, spricht sich dafür aus, dass Unternehmen zur Senkung schädlicher Emissionen auf weniger belastende Brennstoffe umsteigen. Noch breiter ist die Unterstützung für den Ausbau sauberer und erneuerbarer Energien: Rund 74 Prozent der Befragten befürworten Sonnen- und Windenergie sowie den Bau kleiner Wasserkraftwerke.
Auch das Thema Klimawandel selbst wird in Russland offenbar nicht mehr nur als abstrakte internationale Agenda wahrgenommen. Etwa 67 Prozent der Befragten halten den Klimawandel für eine wichtige Frage, der sich die Behörden widmen sollten. 63 Prozent sind zudem überzeugt, dass das Klima Einfluss auf die Stabilität der russischen Wirtschaft hat. Damit zeigt die Umfrage ein für Russland bemerkenswert hohes Bewusstsein dafür, dass Umwelt- und Klimafragen auch ökonomische Folgen haben können.
Neben dem Umstieg auf weniger schädliche Brennstoffe nannten die Teilnehmer weitere Maßnahmen, die Unternehmen zur Verringerung von Treibhausgasemissionen ergreifen könnten. 67 Prozent sprachen sich für moderne Reinigungsanlagen und Filter aus. 65 Prozent halten Aufforstung und die Wiederherstellung von Ökosystemen für wichtig, damit mehr CO₂ gebunden werden kann. 36 Prozent befürworten außerdem eine öffentliche Berichterstattung der Unternehmen über ihre Treibhausgasemissionen.
Russland hatte 2021 auf Anweisung von Präsident Wladimir Putin eine Strategie für eine sozioökonomische Entwicklung mit niedrigen Treibhausgasemissionen bis 2050 beschlossen. Zu ihren Zielen gehören die Senkung der Emissionen, die Anpassung der Wirtschaft an den weltweiten Energiewandel und langfristig das Erreichen von Klimaneutralität bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum.
Für Russland ist das Thema nicht einfach. Das Land zählt zu den großen Energieexporteuren der Welt, seine Wirtschaft hängt weiterhin stark an Öl, Gas, Kohle und energieintensiver Industrie. Umso interessanter ist, dass eine Mehrheit der Befragten nicht nur allgemeine ökologische Ziele unterstützt, sondern auch konkrete Veränderungen in Unternehmen befürwortet. Der Umstieg auf weniger schädliche Brennstoffe, bessere Filtertechnik und Investitionen in erneuerbare Energie werden offenbar zunehmend als Teil wirtschaftlicher Modernisierung verstanden – und nicht nur als Zugeständnis an internationale Klimapolitik.
Für die russische Regierung ist ein solches Meinungsbild auch innenpolitisch nützlich. Es zeigt, dass Klimaschutzmaßnahmen zumindest in Teilen der Bevölkerung anschlussfähig sind, solange sie mit technologischer Erneuerung, sauberer Produktion und wirtschaftlicher Stabilität verbunden werden. Gerade darin könnte die wichtigste Botschaft der Umfrage liegen: Klimapolitik wird in Russland nicht nur als Belastung gesehen, sondern von vielen Bürgern auch als Chance für eine modernere und sauberere Wirtschaft.

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