Mehr als 3,5 Millionen Menschen in Russland wenden sich nach Angaben von Gesundheitsminister Michail Muraschko jedes Jahr an psychologische Hilfsangebote. Diese Zahl ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie nicht von einer NGO, einer privaten Beratungsstelle oder einer oppositionellen Studie stammt, sondern vom russischen Gesundheitsminister selbst genannt wurde. Muraschko sprach in einer Botschaft an die Teilnehmer des XVIII. Kongresses russischer Psychiater von wachsenden Herausforderungen für das seelische Wohlbefinden der Bevölkerung.
Nach seinen Worten sieht sich die russische Gesellschaft zunehmend mit neuen Bedrohungen konfrontiert, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken. Deshalb müsse ein Verfahren für die psychotherapeutische Versorgung der Bürger ausgearbeitet werden. Gleichzeitig betonte der Minister, die Verfügbarkeit medizinisch-psychologischer Hilfe in der Primärversorgung werde aktiv ausgebaut.
Muraschko nannte dazu konkrete Zahlen aus dem Gesundheitssystem. In den vergangenen drei Jahren sei die Zahl der psychologischen Beratungszimmer von 1.200 auf 1.600 gestiegen. Die Zahl der Räume für medizinisch-psychologische Hilfe wuchs von 387 auf 496, die Zahl psychotherapeutischer Praxen von 533 auf 605. Im Jahr 2025 arbeiteten nach Angaben des Gesundheitsministeriums 9.600 medizinische Psychologen, 10.200 Psychiater und 1.300 Psychotherapeuten im russischen Gesundheitssystem.
Die Entwicklung passt zu Daten von Rosstat, die Kommersant ebenfalls anführt. Danach ist die Zahl neu registrierter nichtpsychotischer Störungen – darunter Depressionen, Angst- und Stressstörungen – zwischen 2020 und 2024 um 21,5 Prozent gestiegen. 2020 wurden 281.000 neue Fälle registriert, 2024 bereits 341.400. Umgerechnet stieg der Wert von 190,2 auf 233,6 Fälle je 100.000 Einwohner.
Auffällig ist dabei, dass es nicht vor allem um schwere psychotische Erkrankungen geht. Die Werte für Schizophrenie und Psychosen blieben laut den genannten Daten relativ stabil; bezogen auf die Bevölkerung gingen sie sogar leicht zurück. Der stärkere Anstieg betrifft also vor allem jene Störungen, die mit Alltagsbelastung, Angst, Depression, Stress und gesellschaftlicher Unsicherheit verbunden sind.
Für Russland ist diese Nachricht aus mehreren Gründen erwähnenswert. Zum einen wird psychologische Hilfe offenbar stärker in Anspruch genommen und institutionell ausgebaut. Zum anderen deutet die offizielle Darstellung darauf hin, dass psychische Belastungen inzwischen auch von staatlicher Seite nicht mehr nur als Randthema behandelt werden. Wenn jährlich mehr als 3,5 Millionen Menschen Hilfe suchen und die registrierten Fälle von Depressionen, Angst- und Stressstörungen deutlich zunehmen, ist das ein gesellschaftliches Signal.
Der Minister sprach nicht ausdrücklich über Ursachen. Doch der Hinweis auf „neue Bedrohungen“ lässt viel Raum für Interpretation: wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftlicher Druck, die Folgen der Pandemiejahre, Kriegsbelastungen, Mobilisierungserfahrungen, Informationsstress und Zukunftsangst können zu einem Klima beitragen, in dem mehr Menschen professionelle Unterstützung brauchen. Gerade weil die Zahlen aus offiziellen russischen Quellen stammen, sind sie ein Hinweis darauf, dass das Thema psychische Gesundheit auch in Russland sichtbarer wird – und dass der Staat auf eine wachsende Nachfrage reagieren muss.

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