Klitschko watscht die Kobra ab

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Hamburg – Ein wenig sehr gespannt waren wir ja doch auf diesen 66. Kampf des amtierenden Schwergewichts-Weltmeisters im Boxen, Wladimir Klitschko. Sein letzter Auftritt im April dieses Jahres verkam ja eher zu einer Politveranstaltung seines Bruders Vitali, dem Bürgermeister von Kiew, der damals nicht ablassen konnte für den Euro-Maidan in der ukrainischen Hauptstadt zu werben. Was waren wir diesmal enttäuscht. Nichts dergleichen – einfach nur Boxen, wie langweilig.

„Dr. Eisenfaust vs. Die Kobra“, im richtigen Leben heißen sie Wladimir Klitschko und Kobrat Pulew. Was sich so geschmeidig liest wie ein guter alter Marvell-Comic war heute Abend in der Hamburger „O2 World“ Wirklichkeit. Leider hatten die Kontrahenten keine trashigen Phantasiekostüme an wie in den Heftchen, obwohl es gut zum Thema gepasst hätte. Lediglich zwei halbnackte Muskelmänner in viel zu großen Turnhosen standen sich im Ring gegenüber. Dafür kriegen die dann 1,4 Millionen US Dollar.

Ein Strohhalm, Pulew fühlt sich zu Großem berufen: „Ich bin viel schneller und ich bin schlau“, sieht er die Gunst auf seiner Seite. Kubrat Pulew (32) trainiert hinter einem Vorhang und will nicht gestört werden. „Das ist sehr wichtig für mein Training.“ Der „bulgarische Hengst“, wie er auch genannt wird, sieht sich als den perfekten Herausforderer, Zweifel kennt er nicht. Aber noch schaut er ja frisch aus der Wäsche. „Ich kann 24 Stunden boxen“, sagte der Bulgare noch vor dem Fight. Die Wetten sprechen für den Mann aus Sofia allerdings bei 7:1 gegen ihn.

Shannon Briggs wollte im Vorfeld auch mal wieder auf sich aufmerksam machen. Er will ja nach seinem verlorenen Kampf, damals noch gegen Vitali, die Revanche an den Brüdern. Jedoch, sie lassen ihn nicht. Von dem Bulgaren indes hält er wenig: „Letztes Jahr hatte er einen Kampf und insgesamt 23-mal verloren. Wie kann er da um den Titel kämpfen. Das wollen doch die Leute gar nicht sehen. Viel lieber würden sie Shannon the Cannon sehen, wenn er Klitschko besiegt.“ Die Kanone kämpfte dummerweise heute aber gar nicht.

Beste Unterhaltung

Über 150 Länder sind live vor dem Fernsehgerät dabei, wir auch. Im Vorprogramm der „Planet der Affen“, danach die Show der Muskelpakete – perfektes Entertainment! Sogar der übliche Bühnenzauber um den Ring ist hübsch anzuschauen. Seit neuestem digital! Eigentlich haben wir ja in der ersten Runde das generelle Abtasten erwartet, das sei den Kämpen ja auch zugestanden. Dass es aber gleich so wild zugeht, hätten wir nun auch nicht gedacht. Plötzlich windet sich die Kobra schon auf dem Boden. Und gleich noch mal. Es geht ganz schön aggressiv zu hier.

Anfangs der Zweiten haut man sich noch in die Nieren und auf den Buckel. Hier geht’s gleich wieder an den Kopf. Respekt an den Bulgaren, mitunter ist er schneller am Mann als Klitschko seinen langen Arme ausstrecken kann. In der Dritten hängt die Kobra allerdings schon wieder im Seil. Die Linke war’s. Pulew fängt sich jetzt ganz schön Prügel. Aber mutig ist er, das ist unbestritten. Dafür darf er dem Ukrainer ab und zu mal auf die Nase hauen. Es ist fast so was wie ein offener Schlagabtausch. Die Runde Fünf hätte sich zum Klammern eigentlich hervorragend geeignet – aber…

Plötzlich lag er flach auf dem Boden, der Pulew, die Kobra, der Hengst. Wieder die Linke. Statt eines Gnadenschusses wurde der Bulgare einfach ganz unspektakulär vom Ringrichter ausgezählt. Der gestrauchelte Held hat jetzt ein Riesenveilchen und Wladimir Klitschko einen Titel mehr. Alles in allem: Der Mann aus Sofia war tapfer, er hatte Mut und fiel in allen Ehren. Schließlich wird nicht jeder alle Tage von einem echten Klitschko niedergestreckt. Eigentlich könne er ja 24 Stunden lang boxen, wenn nicht, ja wenn – ach lassen wir das.

Und schließlich kamen wir ja doch noch in den Genuss von ein wenig Pathos. „Slawa Ukraina“, das konnte sich der Gewinner des Abends bei der Siegerehrung dann doch nicht mehr verkneifen. Dafür lief zu unserer unverholenen Freude dem Mann von RTL die Afterparty aus dem Ruder. Statt Stimmen zum Kampf musste er Danksagungen auf Bulgarisch und Ukrainisch an das ach wie tolle Publikum über sich ergehen lassen. Der arme Kerl trug es mit Fassung…

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.