Kiews Kreuz mit der russischen Sprache

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[Von Michael Barth] – Die ukrainische Regierung hat sich unmissverständlich zum Ziel gesetzt, die russische Sprache komplett aus ihrem Hoheitsgebiet zu tilgen. Im Zuge der Dekommunisierung wurden und werden Gesetzesentwürfe verfasst, Gesetze verabschiedet und Gesetze weltweit belächelt, die alleine zum Ziel haben, jegliche Erinnerung an ein einst ukrainisch-russisches Miteinander zu verhindern.

Gut, an verstümmelte und demontierte Leninstatuen und -Büsten hat man sich in den peripheren, ehemals zum Sowjetreich gehörenden, Staaten mittlerweile gewöhnt. Straßen, die umbenannt wurden, um nicht an jeder Ecke mit verstaubten sowjetischen Ex-Generälen und mumifizierten Genossen konfrontiert zu werden, Plätze, die inzwischen wieder den regionalen Größen ihrer Zeit vorbehalten sind. All das ist durchaus nachvollziehbar in Zeiten des Wandels.

Aber man ist als Außenstehender mitunter auch geneigt, die eine oder andere Kapriole im Kampf mit der Sprache zu belächeln. Angefangen bei der „entrussifizierung“ ukrainischer Flughäfen – gut, kann man, muss man jedoch nicht – die noch nicht einmal einen faden Beigeschmack hat, da der Flugverkehr ja doch eher international interpretiert wird. Außerdem haben sich Flüge für Ukrainer zu den russischen Nachbarn weitgehend von alleine erübrigt.

Der verzweifelte Kampf um die Identität

Weiter ging es mit dem Schienenverkehr. Bis Ende 2016 sollten sämtliche Fahrkarten, Stationsnamen und Anzeigetafeln nur noch mit Ukrainisch und Englisch beschriftet sein. Für Bahnreisende in der Ukraine scheint es nun auch angebracht, alte Stationsnamen für immer zu vergessen, da der frische Wind im ukrainischen Selbstwertgefühl natürlich auch vor Bahnhöfen nicht halt machen kann. Im Zuge dessen sollen gleichzeitig auch europäische Service-Standards übernommen werden, um den allgemeingültigen Hygienenormen zu entsprechen.

Auch für das Jahr 2017 hat man sich in Kiew wieder einiges vorgenommen. Als nächstes soll es dann den Häfen an die Namen gehen. Zugegeben, viele derer sind es nicht – gerade einmal drei – die davon betroffen sind. Die Schwarzmeerhäfen „Iljitschowsk“ und „Juschny“ in der Region Odessa werden wohl unter das Gesetz fallen, sowie der Hafen „Oktjabrski“ im Gebiet Nikolajew. Auch die Erinnerung an die Oktoberrevolution will ausgelöscht sein. Falls die Hafenverwaltungen dies nicht wollten, so würden sie einfach dazu gezwungen, drohte der ukrainische Infrastrukturminister Wladimir Omeljan schon einmal.

An weiterführenden Gesetzesentwürfen indes streiten sich sogar in Kiew die Geister. Irrationale Vorhaben den vermeintlich schädlichen Einfluss des Russischen auch noch im Privatgebrauch zu regulieren, das geht dann sogar den meisten Ukrainern zu weit. Es ist vorgesehen, Ukrainisch in allen Lebensbereichen, also auch im Alltag und in örtlichen Selbstverwaltungsorganen, sowie in Bildungsanstalten. zur Pflichtsprache zu machen. Der Status der ukrainischen Sprache sei ohnehin in der Verfassung festgeschrieben, so der Vertreter der Organisation „Ukrainische Wahl“, Oleg Babanin gegenüber der russischen Zeitung „Kommersant“.

Unterdrückung der Ethnien

Ebenso sollen Kultur- und Massenveranstaltungen auf Ukrainisch abgehalten und sowohl Massenmedien als auch elektronische Medien auf ukrainische Versionen umgestellt werden. Es gebe in dem Dokument, das von 33 Abgeordnete aus fast allen Parlamentsfraktionen außer dem Oppositionsblock erstellt wurde, durchaus auch viel Positives für die ukrainische Sprache, findet ein Abgeordneter des Poroschenko-Blocks. Aber dieser weiß auch um die Problematik als solches, ein derartiges Gesetz in die Praxis umzusetzen.

„Bei einer detaillierten Analyse des Textes stellte sich heraus, dass der Gesetzentwurf die Schrauben anzieht und die im Baltikum misslungene Erfahrung mit der Schaffung von Sprach-Kommissionen als repressives Instrument wiederholt. Alle Zweige des Alltags, darunter auch private Unternehmen, werden damit gezwungen, nur Ukrainisch zu nutzen. Dies kann Fragen auslösen, darunter auch bei europäischen Partnern.“, so der Mahner in einer hitzigen Debatte.

Der Schuss in den Ofen

Zumal es laut diesem Abgeordneten noch einen weiteren umstrittenen Aspekt gäbe: Die Verantwortung für den fehlenden Respekt gegenüber der ukrainischen Sprache, „wobei der Begriff des fehlenden Respekts verschwommen ist“, wie er zugeben muss. Unterschriften für den Gesetzentwurf seien gesammelt worden und es werde behauptet, dass er der Verfassung entspräche. „Wir gaben unsere Unterschriften und meinten, dass wir für eine gute Sache eintreten.“ Er und einige weitere Rada-Vertreter wollen nun deshalb ihre Unterschrift wieder widerrufen.

„Die meisten Mitglieder des Poroschenko-Blocks“, so sei er sich sicher, „werden diesen Gesetzentwurf nicht unterstützen, weil er Empörung in der Gesellschaft auslösen kann.“ Allerdings könne das Dokument verabschiedet werden, wenn Vertreter der übrigen patriotisch gestimmten Fraktionen und zumindest ein Teil des Poroschenko-Blocks zustimmen würden. Der „Kommersant“ steht der Sache naturgemäß kritisch gegenüber: Denn der Gesetzesentwurf verstoße gegen die Verfassungsnorm zum Sprachgebrauch sowie die Rechte der Russischsprachigen.

Oleg Babanin wirft den ukrainischen Abgeordneten daher einen Kampf gegen Andersdenkende auf der Ebene der Sprache vor. Viktor Ukolow, ein ukrainischer Politologe, hingegen stuft die Chancen auf die Verabschiedung dieses Gesetzentwurfs von vornherein als nicht allzu hoch ein. Ukolows Meinung nach würden selbst diejenigen, die die Entwicklung der ukrainischen Sprache unterstützen, nicht für ein Gesetz stimmen, das in der Gesellschaft als Provokation wahrgenommen werden könne. So wie es für den Außenstehenden scheinen mag, hat sich die Ukraine einmal mehr ein selbstgemachtes Problem aufgehals.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.