Keine Gnade für Putin [Kommentar]

Die schlechten Seiten von Russland - andere darf es nicht geben

Wladimir Putin zu Olympia auf seiner großen Pressekonferenz.Wladimir Putin zu Olympia auf seiner großen Pressekonferenz.

Es ist schon ein Kreuz. Jahrelang schreien westliche Journalisten nach Freiheit für Chodorkowski, Freiheit für Pussy Riot und Freiheit für die Greenpeace-Aktivisten. Nun ist im Zuge eines Amnestiegesetzes, von dem übrigens 20.000 Inhaftierte betroffen sind und nicht nur ein paar prominente Oppositionelle, endlich genau das erreicht (Korrektur: Chodo soll begnadigt werden, nicht per Gesetz amnestiert). Und schon kann man über diese Meldung wieder negative Schlagzeilen lesen: „Die schlechte Nachricht hinter Putins Gnadenakt“ titelt Die Welt, „Kritik an Putins Gnadenakt“ N24. Ja wie – war die Begnadigung nun auch wieder falsch?

Vergessen wird in jedem Bericht, dass hinter den Haftstrafen Taten standen, die auch im Westen unter Strafe stehen. Behauptet wird, dass alles nur ein PR-Gag ist für die Olympiade in Sotschi – entschuldigung, in Deutschland politisch korrekte Bezeichnung: „Putins Spiele“ (mittlerweile sogar so genannt von der Heinrich Böll Stiftung). Vergessen wird, dass von der Amnestie rechnerisch etwa 19.950 Personen profitieren, für die sich die Westpresse nicht interessiert.

Die Rache für diese Ignoranz wird die deutsche Mainstream-Presse bald wie ein Donnerschlag treffen. Wenn man in den nächsten Wochen und Monaten merkt, dass man nichts mehr hat, woran man seine Russland-Berichterstattung hochziehen kann. Wenn Pussys, Chodi und die Polar-Ökos nicht mehr in elenden russischen Gefängnissen sitzen, wo nimmt man dann die schlechten Nachrichten aus dem Osten her? Scharen von heldenhaft im kalten Russland ausharrenden Journalisten-Helden frieren die Finger an der Tastatur an. Die Ukraine ist ja nun per Finanzspritze aus Russland ebenfalls zur dunklen Seite der Macht bekehrt und wenn man Pech hat, packt der Euro-Maidan in den nächsten Tagen frustriert zusammen. Was tun? Tschetschenien aufwärmen? Gefährlich, angesichts der Tatsache, dass da gegen die bösen Russen ebenso böse Islamisten kämpfen.

Vielleicht können wir diese Stille nutzen, etwas mehr Aufmerksamkeit dafür zu bekommen, dass auch in Russland nicht immer alles nur negativ ist. Dass es positive und negative Meldungen aus dem größten Flächenstaat der Erde gibt. Dass russische Sportler sich nicht wegen Linientreue sondern wegen des sportlichen Wettkampfes auf Sotschi freuen. Das kann natürlich nur ein vom Kreml bezahlter Verräter an der freien Presse behaupten, werden die Heldenjournalisten behaupten. Wie tief ist die deutschsprachige Russlandpresse inzwischen gesunken? Genauso tief, wie linientreue russische Journalisten, die sie gerne kritisiert.

Roland Bathon – russland.TV

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.