Kapitulation eines Aktivisten

Foto Wikipedia/Maksim Belousov CC-BY-SA 4.0
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Der nicht unumstrittene Aktionskünstler Pjotr Pawlenski kehrt Russland nun offenbar endgültig den Rücken. Aus Angst vor der Strafverfolgung durch russische Behörden floh er mit seiner Familie nach Frankreich. Derzeit schwebt eine Anklage wegen des Verdachts von sexuellem Missbrauchs über ihm.

Spektakulär waren sie schon, die Aktionen, die der 36-jährige Künstler Pawlenski aus St. Petersburg als Kunst bezeichnete – Aktionskunst eben. Zumindest sieht er das so. Ziel seiner mehr oder weniger provokanten Auftritte war seit jeher sein Kampf gegen den russischen Staat. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erreichte er spätestens nachdem die nicht minder umstrittene Krawall-Combo „Pussy Riot“ nach ihrer Provokation in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale verhaftet wurde. Pawlenski nähte sich daraufhin den Mund zu, um für die Meinungsfreiheit zu demonstrieren.

Seinen Protest gegen die Gleichgültigkeit und korrupte Polizisten in Russland inszenierte der Künstler, indem er Ende 2013 seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau festnagelte. Daraufhin wurde wegen Hooliganismus gegen ihn ermittelt. „Das Messer trennt das Ohrläppchen vom Körper. Die Betonwand der Psychiatrie trennt die Gesellschaft der Vernünftigen von den unvernünftig Kranken“, plädierte Pawlenski ein Jahr später auf dem Dach des Moskauer Serbski-Instituts und schnitt sich ein Ohrläppchen ab. In die Psychiatrie wurde er dann tatsächlich eingeliefert, jedoch nicht ohne vorher die Tür der Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand gesetzt zu haben.

Für Pjotr Pawlenski stand seine Zwangseinweisung letztendlich auch nur im historischen Kontext des politischen Missbrauchs der Psychiatrie in der ehemaligen Sowjetunion. Nun versuche man ihm und seiner Frau sexuelle Übergriffe anzuhängen, so der Aktivist gegenüber dem russischen Oppositionssender „Doscht“. Eine Schauspielerin habe die beiden beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Für Pawlenski handele es sich bei den Anschuldigungen lediglich um eine Denunziation, wie er dem TV-Sender sagte. Nichtsdestotrotz drohe dem Ehepaar Pawlenski bis zu zehn Jahren Haft, sollte es verurteilt werden. Mit den beiden Kindern seien die beiden zunächst über Weißrussland in die Ukraine gereist und von da aus weiter nach Frankreich. Dort wolle Pjotr Pawlenski nun um politisches Asyl bitten.

Er hätte sich zum Schutz seiner Familie gezwungen gesehen, das Land zu verlassen. So lautet Pawlenskis Darstellung seiner „Flucht in den goldenen Westen“. Der russischen Regierung indes mag des Künstlers vorerst letzte Aktion nicht ungelegen zu kommen. So lösen sich Probleme, zumindest vorübergehend, von selbst.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.