Ist Russland kleiner als es aussieht?

Foto: commons.wikimedia/Hannes Grobe CC BY 3.0Foto: commons.wikimedia/Hannes Grobe CC BY 3.0
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Ein Blick auf den Globus zeigt es uns. Russland ist das größte Land der Erde. Auch das Lexikon bestätigt uns dies. Russland misst 17,1 Millionen Quadratkilometer in der Fläche und nimmt 11 Prozent der Weltlandfläche für sich ein. Von Osten nach Westen sind es 9.000 Kilometer, von Nord nach Süd 4.000.

Insgesamt hat Russland Landesgrenzen zu seinen Nachbarländern, die 20.017 Kilometer messen. Die Küstenlinie zu seinen fünf Meeren beläuft sich auf über 37.000 Kilometer. Hinzu kommen der tiefste See der Erde und die tiefste Höhle. Nur bei den höchsten Bergen muss Russland passen. Zwar hat es, mit dem Montblanc gemeinsam, den höchsten Berg Europas, dieser rangiert jedoch in der Liste der höchsten Gipfel der Erde lediglich unter ferner Liefen. Dafür sind es stolze 11 Zeitzonen, die sich über das Territoriums Russland erstrecken.

Was im Atlas beachtlich aussieht und durch nackte Zahlen offenbar deutlich untermauert wird, soll nun jedoch in Frage gestellt werden. Zu diesem ernüchternden Schluss gelangte die Website „The true size“. Alles was der belgische Geograph und Kartograph Gerhard Mercator im Jahre 1569 erarbeitete, errechnete und schließlich auf Büttenpapier brachte soll demnach hinfällig sein. Sein Lebenswerk nur Lug und Trug?

Sollten sich unsere Augen wirklich über 4oo Jahre haben blenden lassen von all dem was uns bis heute als geläufig, geradezu selbstverständlich erscheint, wenn wir am guten alten Globus drehen? Schuld an unserem Trugbild sollen „The true size“ zufolge die Polkappen sein. Demnach würde ein Land, je näher es an einem der beiden Pole liegt, größer dargestellt, als es in Wirklichkeit ist. Unsere Sicht auf die Welt ist demnach extrem verzerrt. Je näher man ein Land also an den Äquator rücken würde, um so realistischer wäre dessen wirkliche Größe im Kontext zu den anderen Staaten.

Im Falle Russlands hieße dies, wäre es um einiges weiter an den Äquatorgürtel, also in Richtung Afrika, verschoben, erschiene es uns bis zu dreimal kleiner. Demnach wäre dann wiederum China vergleichsweise mindestens genauso groß wie Russland. Mithilfe einer interaktiven Karte lassen sich die Länder bei „The true size“ dementsprechend verschieben, während durch einen Algorithmus die Größe und Form an die jeweilige Position angepasst werden. Diese virtuelle Spielerei lässt den Vergleich aller Länder und Inseln weltweit zu.

Aber lassen wir uns davon nicht ins Bockshorn jagen. Russland ist immer noch so groß wie Europa und Australien zusammen. Da auch nicht zu erwarten steht, dass in absehbarer Zeit die beiden Pole oder gar der Äquator ihre Lage sonderlich verändern werden, kann es uns eigentlich ziemlich egal sein, was der virtuelle Globus sagt. Ein Blick auf den echten genügt vollkommen.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.