„Ins Ghetto sperren“: Nächster Eklat vor ESC

Foto; commons.wikimedia/Serge Serebro, Vitebsk Popular News CC BY-SA 3.0
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[von Michael Barth] Die Geschichte des ‚Eurovision Song Contest 2017‘ ist um einen weiteren Skandal reicher. Der populäre Rocksänger Oleh Skrypka fordert die Ghettoisierung für Landsleute, die nicht Ukrainisch sprechen und will das Wort ‚ukrainisch‘ zum Synonym für ‚qualitativ‘ machen.

Nein, er will einfach nicht zur Ruhe kommen, der Schlagerwettbewerb, der dieses Jahr in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ausgetragen wird. In rund zwei Wochen soll das große Spektakel über die Bühne gehen und im Vorfeld reiht sich ein Skandal an den anderen. Entzündet wurde die Flamme von Kiew selbst, als man für den letzten Song-Contest in Stockholm eine Sängerin für die Endausscheidung nominierte, die – entgegen der Statuten des ‚ESC‘-Regelwerks – die Vertreibung der Krimtartaren von der Krim thematisierte.

Auch dieses Jahr war es wieder die, 2014 Russland beigetretene, Schwarzmeer-Halbinsel Krim, durch die die Ukraine weiteres Öl ins Feuer goss – weil die für Russland heuer vorgesehene Teilnehmerin Julija Samoilowa im vergangenen Jahr einen Auftritt auf der Krim absolvierte und dabei von Russland aus einreiste. Laut dem ukrainischen Gesetz, das de facto eigentlich keine Gültigkeit mehr auf der Krim hat, ist das als schwere Straftat zu werten und wird mit einem mehrjährigen Einreiseverbot in die Ukraine geahndet.

Als wäre das alles nicht schon genug, meldete sich nun der in der Ukraine sehr populäre Sänger der Rock-Band ‚Wopli Widopliassowa‘, Oleh Skrypka, zu Wort und forderte die Ukrainer auf, gefälligst ihre Landessprache zu benutzen. „Leute, die das Ukrainische nicht erlernen können, haben einen niedrigen IQ und sind als geistig behindert zu diagnostizieren“, schwadronierte der 52-Jährige in einem Interview mit der ‚Ukrainska Prawda‘ am gestrigen Mittwoch. Unverblümt regt er deshalb an: „Solche Leute müssen isoliert werden, denn sie sind sozial gefährlich. Man muss für sie ein Ghetto bauen.“

Russisches hat keinen Platz in seiner Traumwelt

Ausgesondert müssten diese Elemente werden, da sie sozial gefährlich seien, sagt der Sänger und sieht ein kleines Licht am Horizont: „Wir werden ihnen helfen, wie auch Leuten mit Gebrechen geholfen wird.“ Das ‚Amen‘ am Ende konnte sich Skrypka dann doch noch verkneifen. Und wenn sie das nicht wollen, könnten sie sich ja immer noch Arbeit in anderen Ländern suchen, meint er ganz pragmatisch. Deshalb pflege er nur mit den besten Ukrainern Umgang und nehme nur ukrainischsprachige Profis in sein Team auf. Dass er gerne in einer vollständig ukrainischsprachigen Kulturwelt leben möchte, erklärt sich da von selbst.

Überhaupt, so findet Oleh Skrypka, herrsche in seinem ‚Traumland Ukraine‘ Frieden und der totale Sieg der Ukraine in dem gerade andauernden Krieg. „In meinem Land der Träume, in einem idealen Land, ist Ukrainisch die vorherrschende Sprache in der Gesellschaft. Dort wird im Radio zu 100 Prozent ukrainische Musik gespielt und keine dürftigen 25-35 Prozent“, kommt er auf sein eigentliches Schaffen zurück. „Wenn wir den russischsprachigen Mist im Äther mit ukrainischsprachigem Mist ersetzen, ändert sich nichts. Das Ergebnis wird nur dann beeindruckend, wenn wir das Wort ‚ukrainisch‘ zum Synonym für ‚qualitativ‘ machen.“

Jahrhunderte sei für ihn das ukrainische schöpferische Produkt in der Erde vergraben gewesen. „Eben deswegen vielleicht haben wir so eine gute Schwarzerde“, weiß der Rocksänger. In ihr sei die gesamte ukrainische Kultur. Und dann entfährt Oleh Skrypka eine sehr denkwürdige Aussage, die die politischen Ambitionen seines ‚Traumlandes‘ mehr als deutlich widerspiegelt. In welcher Qualität die Musik auf den Märkten des Landes gespielt werde, bestimme das moralische Niveau der Regierenden dieses Landes. „Nicht umsonst waren bei uns die ‚Gauner-Chansons‘ eine kulturelle Doktrin.“

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.