Russische ESC-Teilnehmerin hat Auftrittsverbot

Foto: TV-Screenshot
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Jetzt ist es amtlich: Die russische Teilnehmerin beim diesjährigen ‚Eurovision Song Contest‘ darf nicht in die Ukraine einreisen. Zuvor gegangen war die Klärung der Frage, ob Julia Samoilowa gegen das ukrainische Gesetz verstoßen hat, weil sie bereits von Russland aus auf die Krim gereist war. Kritiker sehen einen politischen Skandal und der ESC hat seinen Eklat.

Wie die Nachrichtenagentur ‚Interfax‘ heute mitteilte, hat der ukrainische Geheimdienst (SBU) ein dreijähriges Einreiseverbot für die Ukraine verhängt. Behördensprecherin Oljena Gitlijanska bestätigte der Agentur diese Entscheidung mit der Begründung, dass die Sängerin im vergangenen Jahr einen Auftritt in Kertsch, im Westen der Krim, absolvierte, zu dem sie von Russland aus angereist war. Laut ukrainischem Gesetz ist die Einreise auf die Halbinsel vom russischen Festland verboten.

Der russische Vize-Außenminister Grigori Karasin bezeichnete die Maßnahme des SBU gegen Julia Samoilowa als einen „weiteren ungeheuerlichen, zynischen und unmenschlichen Akt“ und verwies dabei auf die politischen Provokationen Kiews an die Adresse Moskaus. Kiew hingegen betonte, dass man auch bei dem Schlagerwettbewerb keine Ausnahme machen werde. Russische Kritiker kündigten daraufhin einen Boykott des TV-Wettbewerbs an, obwohl Kremlsprecher Dmitri Peskow derlei Forderungen noch einen Tag vorher abgelehnt hat.

Russland kann Entscheidung nicht nachvollziehen

Wohlwollend schrieb der präsidentennahe Kiewer Politologe Taras Beresowez auf seiner Facebook-Seite: „Das Gesetz hat triumphiert. Julia Samoilowa ist bestraft. So wird es mit jedem sein, der die Normen des ukrainischen und internationalen Rechts missachtet. Die Krim gehört zur Ukraine!“ Es scheint jedoch, dass die Entscheidung des Geheimdienstes zu einem politischen Dilemma für die Ukraine werden könne. Zum Einen vermindere eine Ausnahmeregelung Kiews die ukrainischen Besitzansprüche an der Krim, andererseits müsse ohnehin mit massivem Protest gerechnet werden.

Zu diesem Protest rief nun Leonid Slutsky, Vorsitzender des Ausschusses für internationale Angelegenheiten in der Duma, auf und wandte sich an führende westliche Politiker. „Wir werden westliche Politiker auffordern, dass sie Kiews diskriminierende Entscheidung nachprüfen lassen“, so Slutsky gegenüber dem TV-Sender ‚Rossiya-24‘. Michail Schwydkoi, der außerordentliche Vertreter des Präsidenten in Fragen der internationalen kulturellen Zusammenarbeit und frühere stellvertretende Kulturminister Russlands, nannte die Kiewer Entscheidung als falsch und unklug. Insgesamt hat der SBU bereits mindestens 140 weitere russische Künstler auf eine Blacklist gesetzt.

Droht ESC-Boykott?

Meiner Ansicht nach ist das ein Fehler. Ich glaube, dass das dumm ist. Wenn ein Land ein internationales Ereignis veranstaltet, sollte es allen Teilnehmern den Zugang gewährleisten“, sagte Schwydkoi zu ‚Interfax‘. Zwar verstünde er, dass die Ukraine ihre eigenen inneren Gesetze hat, will jedoch nicht darüber reden, „ob diese Gesetze gut oder schlecht sind“. Er vertritt die Meinung, dass im Falle von internationalen Ereignissen Ausnahmen gemacht werden müssen. Zudem findet Schwydkoi, sei eine derartige „Abschreckungstaktik“ kaum vernünftig.

Russland sollte den Liederwettbewerb ‚Eurovision 2017‘ in der Ukraine wegen dem Lex Julia Samoilowa boykottieren, sagte laut ‚Interfax‘ Igor Morosow Auswärtigen Ausschuss des Föderationsrates. Russland solle jetzt aber im Gegenzug ukrainischen Künstlern keine Gegenbeschränkungen auferlegen. Morosow sieht das ukrainische Verbot für Samoilowa als „außergewöhnlichen Fall“, erklärte er. „Das ist das Abschneiden aller kulturellen und humanitären Bande mit Russland. Das ist nicht die Annäherung eines zivilisierten Landes mit EU-Sehnsüchten“, sagte das Kabinettsmitglied.

Die Veranstalter des ‚Eurovision Song Contest‘, die ‚European Broadcasting Union‘ (EBU), sind von dem Entschluss aus Kiew sichtlich enttäuscht. „Wir müssen die lokalen Gesetze des Gastlandes respektieren, jedoch sind wir über die Entscheidung tief enttäuscht, weil wir finden, dass es sowohl gegen den Geist des Wettstreits als auch gegen den Begriff der Inklusivität geht, der im Mittelpunkt seiner Werte liegt“, hieß es am Mittwoch. Die EBU kündigte bereits an, sie werde den Dialog mit den ukrainischen Behörden suchen, damit „alle Künstler am 13. Mai in der ukrainischen Hauptstadt teilnehmen können“.

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.