Im Trend: Politik statt Fußball in Montenegro

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Das Qualifikations-Spiel zur EM 2016 zwischen Montenegro und Russland war eigentlich schon in der ersten Minute zu Ende, wurde aber „wegen Zuschauerausschreitungen“, wie es auf der UEFA-Seite heißt, erst in der 67. Minute beim Stand von 0:0 abgebrochen. Statt um den Ball ging es von Anfang an um die brenzlige politische Lage auf dem Balkan und diverse „Volksrepubliken“ in der Ukraine. Ist es vielleicht an der Zeit, die Politik an der Stadionkasse abzugeben, bevor das Spiel ganz versaut ist? Am besten sollten auch gleich die Millionengehälter der Spieler und der ganze kommerzielle Firlefanz raus aus den Arenen. Wie naiv…

„Im Trend“ heißt die Rubrik, unter der am Samstagmorgen auf der offiziellen UEFA-Seite eine karge Information zu finden ist, was sich da am Abend zuvor in Podgorica ereignet hatte. Ohne es zu wissen, liegen die „Macher“ dieser Seite mit ihrem schreienden Aufmacher „voll auf der Linie“ – es ist tatsächlich „Trend“ heutzutage, seine politischen Vorlieben und Abneigungen gerade in dem Moment zu äußern, wenn 23 Leute und ein Ball auf dem Rasen sind, um – friedlich oder wie immer – untereinander auszumachen, wer der Bessere, Stärkere, Schlauere und was auch immer ist.

So wollten die russischen Anhänger ihrer „Sbornaja“ natürlich (ist es das, natürlich?) die schwarzgelben „Kaiserflaggen“ mit ins Stadion nehmen, die Russlands „imperiales Wesen“ verkörpern sollen, dazu natürlich (???) Banner mit Aufschriften zur Unterstützung von Donezk und Lugansk. Frage: Wie dumm müssen Menschen sein, die in ein Land auf dem Balkan fahren, wo jede noch so kleine Andeutung ein Feuer entfachen kann? Das zu wissen, braucht es nun wirklich nicht besonders viel Hirnschmalz. Wie es aussieht, geht manchen Menschen auch dieses „Bisschen“ vollends ab.

„Feuer“ gab es dann auch, kaum hatte das Spiel angefangen. Ein Böller, geworfen aus der montenegrinischen Fankurve, traf Keeper Akinfejew am Hinterkopf – er fiel um, lag bewegungslos auf dem Rasen und wurde schließlich vom Feld getragen. Apropos Feld – die Fußball-Terminologie hat ja schon immer etwas Militärisches gehabt (Stürmen und Verteidigen und das ganze Gedöns), und das passt hervorragend zu dem, was da gestern lief auf dem Platz. Wie man das Kind nennt, so wird aus ihm genau das Monster, das man sich nicht gewünscht hat.

Der runde Ball und die große Knete

Eigentlich “lief“ da in Podgorica gar nichts, nicht mal der Ball. Denn nach der Attacke auf Akinfejew unterbrach der deutsche Schiedsrichter Deniz Aytekin die Begegnung und pfiff sie erst eine halbe Stunde später wieder an. Warum? Der gesunde Menschenverstand sagt, in diesem Fall hätte das Spiel eigentlich nach nicht einmal 60 Sekunden abgebrochen und dem Gastgeber eine technische Niederlage ausgesprochen werden müssen. Warum das nicht geschah, wird sich zeigen, oder auch nicht, denn im „Modern Football“ geht es ja um alles außer dem Spiel. Es geht um Riesensummen Geld – für Werbeträger, für Spieler, für Sponsoren, für TV-Anstalten… Ein Spiel abbrechen macht Unsummen Verlust. An Geld. Aber auch an der Glaubwürdigkeit. Der Begriff „Spiel“ ist eh ein Hohn – es geht nur um Kohle und Macht.

Womit wir wieder am Anfang wären – werden die Fans vielleicht deswegen so radikal, weil sie kein anderes Mittel mehr sehen, sich gegen die Abtötung des Spiels durch den Kommerz zu wehren? In England hat man dem Spiel schon längst den Geist ausgetrieben und die Stadien in weiche Kinosäle mit Popcorn-Knabberei verwandelt. Ich höre schon die Einwände – nach den ganzen Katastrophen mit Hooligans gab es keine andere Wahl. Mag sein. Aber muss der Fußball gleich so versaut und seines Geistes beraubt werden, wie es heute der Fall ist? Es geht nur noch um Gewinne, den großen Reibach. „Die Wahrheit ist auf´m Platz“ hat ausgedient. Schade eigentlich. Und traurig noch dazu.

[sb/russland.RU]