Gefangenenaustausch: Eine Ukrainerin gegen zwei Russen

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[Von Lothar Deeg] – Russland und die Ukraine haben mit einem Gefangenenaustausch die Rückkehr der ukrainischen Pilotin Nadeschda Sawtschenko nach Kiew möglich gemacht. Während Sawtschenko in Kiew wie ein Held empfangen wurde, verlief die Rückkehr zweier russischer Soldaten dezent.

Der „Fall Sawtschenko“ ist beigelegt: Die kämpferische ukrainische Hubschrauberpilotin, die während ihrer Haft in Russland auch ins Kiewer Parlament gewählt worden war, ist wieder in ihrer Heimat. Ein russisches Gericht hatte Sawtschenko im März zu 22 Jahren Haft verurteilt, weil sie an einem Angriff auf ein russisches Fernsehteam in der Ostukraine beteiligt gewesen sein soll.

Im Gegenzug kamen zwei im April in der Ukraine wegen Terrorismus zu je 14 Jahren Gefängnis verurteilte Russen frei: Jewgeni Jerofejew und Alexander Alexandrow, standen nach ukrainischer Darstellung als Kämpfer des russischen Militärgeheimdienstes GRU in den Reihen der Donbass-Separatisten. Das russische Verteidigungsministerium beteuerte, die beiden seien zu dem Zeitpunkt, als sie in die Ostukraine gingen, keine aktiven Soldaten mehr gewesen.

Synchrones Gefangenen-Boarding in Kiew und Rostow

Der Gefangenenaustausch hatte sich zwar schon seit einiger Zeit abgezeichnet, die Umsetzung am Mittwoch begann dann aber doch unter großer Geheimhaltung: Das Präsidentenflugzeug von Pjotr Poroschenko flog am Morgen nach Rostow-am-Don, während eine Maschine der russischen Fluggesellschaft Rossija, die auch die VIP-Jets des Kreml betreibt, auf dem Werksflughafen von Antonow bei Kiew landete.

Genau zur gleichen Minute stiegen dann in Rostow wie auch in Kiew die freigelassenen Ex-Gefangenen in die beiden Maschinen – das berichtet jedenfalls Irina Geraschtschenko, die stellvertretende Vorsitzende der Rada, die an Bord des ukrainischen Flugzeugs war. Sowohl die Anwälte der Verurteilten wie auch die Behörden beider Länder bewahrten bis zu diesem Moment ebenfalls Stillschweigen – die Medien konnten eigentlich nur die Bewegungen der beiden Flugzeuge verfolgen.

Vorausgegangen waren offizielle Begnadigungen der Gefangenen durch die Präsidenten beider Länder. Auf russischer Seite wurde dabei das Gnadengesuch von der Ehefrau und der Schwester der umgekommenen TV-Journalisten gestellt. Endgültig darauf verständigt hatten sich Putin und Poroschenko nach Gesprächen mit der sogenannten Minsker Kontaktgruppe, der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Hollande angehören.

Ich hoffe und wünsche mir, dass der heute erfolgte Austausch einen Beitrag zur Vertrauensbildung zwischen der Ukraine und Russland leistet und damit auch dem Minsk-Prozess positive Impulse verleihen kann“, erklärte Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach dem Abschluss der Aktion. Analog äußerten sich die Regierungen vieler westlicher Staaten.

Sawtschenko wurde in Kiew auf dem Flughafen mit ganz großem Bahnhof empfangen – unter anderem von Poroschenko persönlich, der ihr etwas später noch den Orden „Held der Ukraine“ verlieh. Aber auch Julia Timoschenko war zugegen: Auf der Liste ihrer Partei war Sawtschenko zwischenzeitlich zur Rada-Abgeordneten gewählt worden. Offiziell gehört sie auch der ukrainischen Delegation in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates an, wo sie möglicherweise an der nächsten Sitzung im Juni bereits teilnehmen wird.

Große Sprüche in Kiew, kein Kommentar in Moskau

Die zur Nationalheldin aufgestiegene Sawtschenko war während ihrer Haftzeit und des Prozesses mehrfach in den Hungerstreik getreten und hatte auch auf das Trinken verzichtet. Ihr Zustand war vorübergehend lebensbedrohlich. Nach ihren eigenen Aussagen war sie an dem Angriff auf das TV-Team nichts beteiligt und war zunächst in die Gefangengenschaft der Separatisten geraten. Anschließend hätte man sie heimlich über die Grenze nach Russland gebracht und ihr anschließend unterstellt, sie sei in subversiver Absicht illegal nach Russland gekommen. Für Donnerstag ist in Kiew eine Pressekonferenz mit Sawtschenko anberaumt, an der auch ihre russischen Anwälte teilnehmen werden.

Vergleichsweise bescheiden verlief hingegen der Empfang der beiden „GRU-Kämpfer“ auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo: Nur wenige ausgewählte TV-Teams durften die Begrüßung von Jerofejew und Alexandrow durch ihre Ehefrauen drehen.

Statements für die Presse gab es nicht, während in Kiew Sawtschenko versprach, sich fürderhin mit aller Kraft für die Freilassung noch inhaftierter ukrainischer Kämpfer einzusetzen – und Poroschenko vollmündig ankündigte, nach Sawtschenko nun auch noch die Krim und die Ostukraine heimzuholen.

[Lothar Deeg/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.