Friedensdemos in mehreren russischen Städten [mit Videos]

10.000 prowestliche Liberale demonstrieren gegen die russische Unterstützung der ostukrainischen Separatisten und TV-Propaganda

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In mehreren russischen Städten fanden am Sonntag mindestens sieben Friedensdemonstrationen und -kundgebungen gegen das militärische Engagement Russlands in der Ukraine-Krise statt. Anlass des Termins der Veranstaltungen war der Internationale Friedenstag. Örtliche Demos und Kundgebungen werden aus Moskau, Sankt Petersburg, Perm, Nowosibirsk, Saratow, Petrosawodsk und Jekaterinburg gemeldet, wobei es einen Demonstrationszug mit einer ansehnlichen Teilnehmerzahl nur in Moskau gab.

Größte Demonstation in Moskau mit 10.000 Teilnehmern

Die größte Demonstration in Moskau hatte etwa 10.000 Teilnehmer, und wurde vom oppositionellen TV-Sender Doscht mit einem Liveticker begleitet. Diese Zahl stammt von Berichterstattern unabhängiger Webseiten vor Ort. Die Polizei sprach von 5.000, die Veranstalter von 30.000 Teilnehmern. In der Hauptstadt gehörten vor allem liberale Parteien zu den Organisatoren, wie Jabloko, RPR Parnas, Solidarnost, die Grüne Allianz und die Partei Progressa, die allesamt im russischen Parlament nicht vertreten sind. Angekündigt waren im Vorfeld 50.000 Teilnehmer. Der Parnas-Vorsitzende Nemzow wird von der Onlinezeitung RBK zitiert mit dem Ausspruch „Der Marsch vereint zum ersten Mal alle demokratischen Opposition“ womit gesagt ist, was Nemzow von den Oppositionsgruppen hält, die bei der Ukraine-Frage den Regierungskurs unterstützen, wie die Parlamentspartei „Gerechtes Russland“ oder den gemäßigten Liberalen von der „Rechten Sache“, mit denen Jabloko noch bei der Gouverneurswahl in Sankt Petersburg noch kooperiert hat. Hier Aufnahmen der Demonstration in Moskau:

https://www.youtube.com/watch?v=-CQFbN80wyU

Gegendemo von russischen Unterstützern der Separatisten

Am Rande der Demonstration in Moskau tauchten gegen 15:30 Uhr Ortszeit auch etwa 500 Unterstützer der ostukrainischen Rebellen auf, die mit „Neurussland“ und „Die Krim ist unser“ Sprechchören auf sich aufmerksam machten. Hier finden sich zu dieser Gegen-Kundgebung Fotos der ukrainischen Onlinezeitung Politnavigator. 30 von ihnen sind auch in der Nähe der Botschaft der USA gesichtet worden. Es kam dabei zu kleinen Auseinandersetzungen der neurussischen Demonstranten mit den zu dieser Zeit anrückenden prowestlichen Friedensaktivisten, bei denen ukrainische Fahnen, die letztere mit sich geführt hatten, mit Ketchup als „Blut-Ersatz“ zu Schaden kamen. Nach kleinen Rangeleien zogen die pro-Separatisten aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit ab. Eine Reihe der Gegendemonstranten stellten russische Nationalisten, die mit den bei ihnen üblichen schwarz-gelb-weißen Fahnen unterwegs waren, ursprünglich einem Symbol der Zarentreuen. Das ist insofern bemerkenswert, da Liberale und Nationalisten vor dem Ukraine-Konflikt gegen die Administration Putin noch gemeinsam unterwegs waren und sich erst im Zuge der Krim-Krise voneinander enfremdeten.

Kleinere Kundgebungen in Ural-Metropolen und Petersburg

Aufgrund der innerrussischen Zeitverschiebung sind Aktionen in anderen Städten weiter ostwärts bereits beendet. Hier Aufnahmen aus Jekaterinburg, einer Millionenstadt im Ural, in der sich etwa 200 Menschen zu einer Kundgebung trafen:

Auch von der etwas kleineren Kundgebung in Perm, wo schätzungsweise 100 Menschen zusammengekommen sind, gibt es Amateuraufnahmen:

In Sankt Petersburg war keine solche Demonstration genehmigt worden, es fanden sich jedoch einige Hundert Oppositionelle zu einem gemeinsamen „Spaziergang“ zusammen:

https://www.youtube.com/watch?v=nkAeTi-oiF8

Nach unserem Medienpartner, dem Sankt Petersburger Herold, gab es weitere Aktionen in Nowosibirsk, Petrosawodsk und Saratow. Die in Nowosibirsk soll von der Polizei aufgelöst worden sein.

Forderungen der Demonstranten

Die Demonstranten forderten ein Ende der russischen Unterstützung der ostukrainischen Separatisten, insbesondere des direkten Eingreifens Russlands in den Konflikt. Auch gegen die einseitige Propaganda bezüglich des Kriegsgeschehens im russischen Mainstream-TV richtet sich ihr Protest, sowie gegen „faschistische Tendenzen“ in Russland und dessen „aggressive Regierungspolitik“. An nahezu allen Orten führten Demonstranten auch ukrainische Fahnen mit sich. In Moskau marschiert die Gruppe (Zahlenstärke wird nachgeliefert), wie von den Behörden genehmigt vom Puschkin-Platz zum Prospekt Sacharow. Mit von der Partie waren viele bekannte Vertreter der russischen Menschenrechtsszene wie der Helsinki-Gruppe. Sie fürchten trotz des aktuellen Waffenstillstands eine weitere Eskalation des Konflikts, wobei der Waffenstillstand in der Tat von beiden Seiten in zahlreichen Fällen bereits gebrochen wurde und eine Pufferzone hier nun Abhilfe schaffen soll.

Die heutigen Demonstrationen waren die bisher größte Aktion der westorientierten Opposition seit Beginn des Ukrainekonflikts. Sie spricht sich im Gegensatz zu den Anhängern der Regierung und andere Oppositionsströmungen wie den Kommunisten gegen das russische Vorgehen in der Ostukraine aus. Auch in der Ukraine gingen in Kiew, Odessa und Dnjepropetrowsk Friedensaktivisten auf die Straße und sprachen sich „auf der anderen Seite“ für ein Ende der kriegerischen Feindseeligkeiten in ihrem Land aus.

Roland Bathon, russland.RU – dieser Artikel beruht ausschließlich auf russischen, regierungsunabhängigen Quellen