In Russland geraten Flugpläne immer häufiger aus dem Takt. In den ersten knapp fünf Monaten des Jahres 2026 hat sich die Zahl längerer Flugverspätungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Durchschnitt etwa verdoppelt. Die Zahl der annullierten Flüge stieg sogar um das 4,3-Fache. Das berichtet Kommersant unter Berufung auf Berechnungen des Versicherers AlfaStrachowanije, der Flüge von 30 russischen und mehr als 60 ausländischen Fluggesellschaften auswertet. Diese decken nach Unternehmensangaben rund 97 Prozent des Passagieraufkommens ab.
Besonders deutlich ist der Anstieg bei längeren Verzögerungen. Flüge mit einer Verspätung von mindestens 60 Minuten nahmen um das 1,9-Fache auf 48.600 zu. Das entsprach 15,5 Prozent aller erfassten Flüge. Verspätungen von zwei Stunden oder mehr stiegen um das 2,1-Fache auf 26.500 Flüge. Bei drei Stunden oder mehr wurde ein Plus um das 2,3-Fache auf 17.300 Flüge registriert. Besonders lange Verzögerungen ab vier Stunden nahmen fast um das 2,4-Fache auf 12.400 Flüge zu.
Meduza fasste die Entwicklung entsprechend zugespitzt zusammen: In Russland würden Flüge mittlerweile doppelt so häufig verspätet, die Zahl der annullierten Verbindungen sei viermal so hoch wie vor einem Jahr. Auch Meduza verweist dabei auf die Berechnungen von AlfaStrachowanije, die zuerst von Kommersant veröffentlicht wurden.
Die Ursachen liegen offenbar in einer Kombination aus Wetter, internationalen Krisen und Kriegsauswirkungen im Inland. Bereits im Januar kam es wegen ungewöhnlich starker Schneefälle zu Störungen im Flugplan. Im Frühjahr verschärfte sich die Lage zusätzlich durch zahlreiche Ausfälle auf Routen in den Nahen Osten. Seit Mai kommen fast tägliche Einschränkungen wegen Drohnenangriffen und zeitweisen Schließungen von Flughäfen hinzu. In Russland wird dafür der Begriff „Kowjor“ verwendet – ein Sicherheitsregime, bei dem Starts und Landungen vorübergehend untersagt werden.
Nach Angaben von Kommersant nennen Branchenvertreter noch einen weiteren Grund für die Zunahme der Annullierungen: Fluggesellschaften versuchten inzwischen häufiger, nicht mehr realistisch durchführbare Verbindungen frühzeitig aus dem Plan zu nehmen, statt Passagiere über Stunden in Terminals warten zu lassen. Teilweise würden Flüge zusammengelegt, wenn größere Maschinen verfügbar seien. Flughäfen und Airlines hätten nach wiederholten Störungen gelernt, flexibler zu planen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Probleme für die Unternehmen folgenlos bleiben. Einige Fluggesellschaften sprechen laut Kommersant von deutlich steigenden Kosten durch am Boden stehende Maschinen und fordern staatliche Unterstützung. Das russische Verkehrsministerium sieht dafür bislang keinen Anlass. Dort heißt es, die zusätzlichen Kosten durch zeitweilige Beschränkungen lägen bei weniger als einem Prozent der Gesamtausgaben der Fluggesellschaften. Direkte Kompensationen wegen des „Kowjor“-Regimes stünden daher derzeit nicht zur Debatte.
Auch Geschäftsreisende spüren die wachsende Unsicherheit. Nach Daten des Geschäftsreiseanbieters Aeroklub stieg der Anteil der Ticket-Rückgaben auf Inlandsflügen in den ersten fünf Monaten 2026 auf acht Prozent, nach sieben Prozent im Vorjahr und fünf Prozent im Jahr 2024. Auf internationalen Strecken wuchs der Anteil der Rückgaben von zehn Prozent im Jahr 2025 auf 13 Prozent in diesem Jahr.
Mehrere große Airlines betonen, dass Annullierungen für sie weiterhin eine Ausnahme blieben. S7 erklärte, seit Jahresbeginn wegen „Kowjor“-Beschränkungen nicht mehr als 20 Flüge gestrichen zu haben. Ural Airlines erklärte, selbst nur ein Minimum an Flügen zu annullieren und möglichst alle Passagiere zu befördern. Aeroflot und Pobeda verwiesen darauf, Entscheidungen über Umbuchungen oder Ausfälle hingen von Dauer und Umfang der jeweiligen Einschränkungen ab.
Für Passagiere bleibt die Lage dennoch spürbar unsicherer als in den Vorjahren. Zwar scheinen die Airlines besser auf kurzfristige Sperrungen vorbereitet zu sein und informieren Reisende häufiger frühzeitig, damit sie nicht stundenlang am Flughafen warten müssen. Doch die Statistik zeigt, dass der russische Flugverkehr zunehmend von Faktoren abhängig ist, die außerhalb klassischer Saison- und Wetterprobleme liegen: Drohnenangriffe, Sicherheitsregime, geschlossene Lufträume und geopolitische Krisen werden immer stärker zu normalen Bestandteilen des Reisealltags.

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