Erdogan will zurücktreten, taucht ab und rudert weiter ins Abseits

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Da blitzte es wieder auf, das orientalische Heißblut, dieses „bei meiner Ehre“-Gesicht. Nachdem der türkische Präsident Erdogan zuletzt keine Gelegenheit ausgelassen hat, den russischen Bären bis aufs Blut zu reizen, stellt er sich jetzt, quasi mit entblößter Brust, dem Kampf. Mann gegen Mann oder vielmehr Volk gegen Völkergemeinschaft, wenn man so will.

Er gibt zur Zeit den Vorzeige-Osmanen, wild im Gebaren, drastisch im Gestikulieren und flink im Teppichhandel. „Ich sage hier ganz offen: Wenn sich diese Tatsache bestätigt, werde ich nicht in meinem Amt bleiben“, so die klare Ansage des türkischen Präsidenten, sollte sich bestätigen, dass die Türkei Hauptprofiteur des Erdölschmuggels durch den Daesch ist. So richtig abnehmen will ihm das niemand. Zu deutlich waren die gezielten russischen Luftangriffe auf die Konvois im Norden Syriens, die offensichtlich das „schwarze Gold“ illegal über die Grenze verbrachten.

„Die Türkei unterstützt die Terroristen vor allem dadurch, dass sie den Verkauf von geschmuggeltem Öl auf dem Schwarzmarkt erlaubt. Dabei beträgt der Preis bis zu lediglich 20 US-Dollar pro Barrel, was fast zweimal weniger ist, als auf dem Weltölmarkt“, sagt Mowaffak al-Rubaie. Der ist Ex-Sicherheitsberater des Irak und Abgeordneter der schiitischen Koalition „Gesetzesstaat“. Laut Nachrichtenagentur AP betrügen die monatlichen Öleinnahmen der Terrororganisation bis zu 50 Millionen US-Dollar.

Blut für Öl?

Russlands Präsident Putin hält den Transport von Öl auf den türkischen Schwarzmarkt ebenfalls für unbestreitbar und lässt die russische Luftwaffe deshalb täglich über 140 Angriffe gegen die Terroristen fliegen. Sowohl der russische Außenminister Sergej Lawrow als auch der syrische Informationsminister Umran Ahid al-Zabi vertreten die Meinung, dass der abgeschossene russische Frontbomber nach Luftangriffen auf mit Öl beladene Tankwagen des IS, auf dem Weg in die Türkei, beschossen worden sei.

Bitter aufstoßen wird dies vor allem dem Schwiegersohn Erdogans, der sich, als Energieminister der Türkei, mit dem Billigöl vermutlich bereits eine goldene Nase verdient haben dürfte. Der türkische Präsident übt sich derzeit wohlweislich in Schadensbegrenzung. Denn er sieht selbst: Hier ist etwas schief gelaufen. So voll und ganz hinter ihm stehen wollen nicht einmal mehr seine Bündnispartner der NATO. Für die hat er sich dann doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Russland ist es indes leid, ständig der Sündenbock zu sein, ständig die Rolle des Angeklagten, zumindest des Schuldigen in dieser Welt zu spielen.

Oppositionelles Holterdiepolter

Da meldet sich dann auch schon mal der berühmt-berüchtigte russische Polit-Polterer Schirinowski wieder zu Wort, indem er seine Sicht zur Lösung aller Probleme präsentiert: „Stambul kann man ganz leicht vernichten! Es reicht aus, eine Atombombe in den Bosporus zu werfen und es wird weggespült. Das wird so eine schreckliche Überschwemmung, dass sich der Wasserpegel um zehn bis fünfzehn Meter anhebt und die Stadt auslöscht!“ Es hört sich in etwa an wie: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen …“. Gott sei dank gibt er aber auch zu bedenken, dass dort neun Millionen Menschen leben.

Es bleibt die Frage, was Erdogan mit dem Abschuss der SU-24 überhaupt bezweckt hat. Bislang war es für ihn ja eher ein Schuss in den Ofen. War es die vage Hoffnung, die Russen würden sich nun betroffen aus dem Gebiet zurückziehen? War es die leise Hoffnung, die westliche Wertegemeinschaft würde sich nun mit voller Inbrunst auf Russland stürzen, um seine Deals mit dem illegalen Öl weiterhin billigend in Kauf zu nehmen? Tja, der Orientale eben…

In der Zwischenzeit hat Russland das Luftabwehrsystem S-400 auf der Luftwaffenbasis „Chmeimin“ in Syrien installiert. Das System hat einen Aktionsradius von 400 Kilometern und vernichtet in einer Höhe von bis 56 Kilometern alle fliegenden Objekte. Jetzt, wo Putin in die Luft geht, taucht Erdogan ab. Genauer gesagt im Mittelmeer. Dort lässt er russische Kriegsschiffe mit U-Booten verfolgen, die sich im militärischen Einsatz an der Küste Syriens befinden. Besonders angetan hat es ihm scheinbar der Raketenkreuzer „Moskau“, der von Russland zum Schutz der Basis dorthin entsandt wurde.

Unterdessen macht man sich im Kreml Sorgen, ob Erdogan eine weitere Provokation gegen Russland damit plane. Zudem ist man in Moskau noch immer ziemlich ungehalten darüber, dass sich der türkische Präsident noch immer nicht für den Vorfall im Luftraum an der Grenze entschuldigt hat. Somit lässt sich die gegenwärtige Situation in der Levante auf folgenden Punkt bringen: Russland kocht, der Westen ist irgendwie düpiert und die Türkei nachhaltig im Gerede. Es bleibt spannend am Mittelmeer. Wir allerdings hätten uns einen ruhigeren Advent gewünscht…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.