Eishockey-WM: Finnen geben den Partykiller

Foto: Wikimedia/Alexey Chernyadyev CC BY-SA 3.0Foto: Wikimedia/Alexey Chernyadyev CC BY-SA 3.0
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Stellen Sie sich vor, Sie geben eine Riesenfete im eigenen Haus und dann taucht jemand auf, der das herrliche Fest komplett in den Sand setzt. Gastgeber war in diesem besonderen Fall Russland und die Rolle der Axt im Wald stand exklusiv Finnland zu.

Die Eishockey-WM 2016 im eigenen Land, 140 Millionen Russen aus dem Häuschen. Das Mindeste was von den Spielern auf dem Eis erwartet wurde: Der Titelgewinn – Turniersieg, Goldmedaille, Eishockey-Weltmeister 2016. Alles andere käme einem Fiasko gleich. An Ambitionen kann es also nicht gemangelt haben während des Turniers. Andererseits, wie lässt sich mit einem derartigen Erwartungsdruck überhaupt umgehen, wie ein lockeres Turnier spielen?

Die Auftaktniederlage gegen Tschechien sprach für sich. Erst in der zweiten Partie gegen Lettland ließ die „Sbornaja“ ihr Können auf dem Eis aufblitzen. Die Schweiz in ihre Grenzen verwiesen, die Dänen schlichtweg abgekoffert und Norwegen sowie Schweden routiniert ausgehebelt. Die Bilanz der Vorrunde durchaus sehenswert. Auch die Viertelfinalbegegnung gegen Deutschland wurde, wie erwartet, souverän herunter gespult.

Die letzten Skandinavier und der Genickbruch

Im Halbfinale warteten die letzten der Skandinavier, die Finnen, auf die „Rote Maschine“. Dass das Spiel nicht zu unterschätzen war, zeigte der bisherige Turnierverlauf des russischen Nachbarlandes. Als einzige Mannschaft des Wettbewerbs noch ungeschlagen, das ist schon eine besondere Hausnummer. Zumal die Finnen in der Vergangenheit Russland nicht nur einmal den Traum vom „Heimgold“ zerstört haben. Das Olympische Turnier 2014 in Sotschi sowie die letzte Heim-WM 2007 gingen ganz klar an Finnland.

Noch so eine Peinlichkeit, sollte, ja durfte, der „Sbornaja“ nicht noch einmal passieren. Da waren sich ganz Russland und im Besonderen die 12.000 im Moskauer Eispalast einig. Umso frenetischer der Jubel, als Sergej Schirokow die Hausherren gleich in der dritten Spielminute mit 1:0 in Führung brachte. So machte das den Russen Spaß und so mancher dürfte insgeheim schon davon geträumt haben, seine Meisterschaftsfeier zu organisieren.

Aber, wie so meist im Leben, keine Feier ohne Miesepeter. Im zweiten Drittel besannen sich die Finnen wieder auf ihre Spielverderber-Rolle und legten einfach einmal los. Einfach so, wie aus dem Nichts glich Sebastian Aho in der 26. Minute aus und Jussi Jokinen schob zehn Minuten später gleich noch das 2:1 hinterher. Die „Sbornaja“ wankte. Mit dem 3:1 nach gespielten 39 Minuten, erneut durch Sebastian Aho, waren Russlands Titelambitionen, man muss es deutlich so sagen, zerfetzt.

Zwar legten die Russen im letzten Drittel noch einmal alles was sie hatten in die Waagschale, doch Finnland spielte seine Defensive derart abgebrüht, dass den Russen bei allen Bemühungen kein probates Mittel mehr einfiel, diese Partie noch einmal zu ihren Gunsten zu kippen. Einmal mehr blieb die „Rote Maschine“ im eigenen Land mit einem Kolbenfresser auf der Zielgeraden liegen. Und wieder einmal gegen die Finnen, die sich langsam zu einem ernstzunehmenden Angstgegner gemausert haben dürften. Die bestreiten nun das Endspiel gegen die Kanadier. Russland bleibt nicht mehr, als das undankbare Spiel um den dritten Platz. Immerhin gegen die USA.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.