Eine Welt ohne Atomwaffen wäre unsicherer als eine Welt mit Atomwaffen

[Kommentar von Julian Müller] Am 6. Oktober 2017 bekam die Kampagne zur Abschaffung nuklearer Waffen (ICAN) den mit neun Mio. schwedischen Kronen (aktuell 950.000 Euro) dotierten Friedensnobelpreis zugesprochen. Das Nobelkomitee begründete die Auswahl von ICAN mit deren Bemühen, auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von jeglichem Einsatz von Atomwaffen aufmerksam zu machen – auch habe ICAN bahnbrechende Fortschritte auf dem Gebiet eines Vertrags zum Verbot solcher Waffen erzielt. Die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen sei heute so groß wie lange nicht, einige Staaten würden ihre Arsenale modernisieren. Grundsätzlich würden Atomwaffen eine dauerhafte Gefahr für die Menschheit und alles Leben auf Erden darstellen. Durch bindende Vereinbarungen sei es der internationalen Gemeinschaft bereits gelungen, Landminen, Streubomben sowie chemische und biologische Waffen zu vernichten – auf dem Gebiet der Atomwaffen fehle ein solches Abkommen jedoch noch.

Russland, laut ICAN mit 7.000 atomaren Sprengköpfen größte Atommacht und dementsprechendem Interesse an dem Thema, reagierte zurückhaltend auf die Entscheidung des Nobelkomitees: Laut der Nachrichtenagentur Tass gab Kreml-Sprecher Peskow zu Protokoll, dass Russland die Entscheidung respektiere. Russland sei ein verantwortungsvolles Mitglied im Kreis der Atommächte, zudem habe Präsident Putin mehrfach die Wichtigkeit eines nuklearen Gleichgewichts für die internationale Sicherheit betont.

Das Gleichgewicht des Schreckens

Der berühmte Friedrich Engels irrte gewaltig, als er in Bezug auf den deutsch-französischen Krieg von 1871 davon sprach, dass „die Waffen nun so vervollkommnet sind, dass ein neuer Fortschritt von irgendeinem umwälzenden Einfluss nicht mehr möglich ist“. Die durch wissenschaftlichen Fortschritt ermöglichte Entwicklung der Atombombe markierte für die Kunst des Krieges eine Zäsur, die sich Sun Tzu wohl nicht einmal hätte vorstellen können und welche zugleich die legendäre Clausewitz’sche Sentenz vom Krieg als Fortsetzung der Politik ad absurdum führte: Durch das Potential der zerstörerischen Waffen wurde der Zweck des Krieges durch das Mittel unmöglich gemacht, da von nun an durch die Zweitschlagfähigkeit des Gegners jede Aggression mit der eigenen Vernichtung verbunden ist – oder, um es mit den Worten von Denzel Washington aus dem sehenswerten U-Boot-Triller Crimson Tide auszudrücken: „Ich glaube, dass im Nuklearzeitalter der wahre Feind nicht vernichtet werden kann. Im Nuklearzeitalter ist der wahre Feind der Krieg selbst“. Alltagssprachlich wird diese Situation als Gleichgewicht des Schreckens bezeichnet: Atomwaffen existieren, um sicher zu stellen, dass sie niemals eingesetzt werden. Kommen sie jemals zum Einsatz, haben sie versagt.

Als Reaktion auf die Vergabe des Friedensnobelpreises an ICAN schreibt der SPIEGEL, dass das Nobelkomitee den Kampf derer ehren wolle, welche das Ende der Zivilisation würden verhindern wollen. Weiterhin: „Der Friedensnobelpreis 2017 ist vielleicht auch der Versuch, einen Fehler zu korrigieren. Vor acht Jahren hat das Nobelkomitee die Auszeichnung an Barack Obama vergeben – und dies in erster Linie mit dessen Vision einer Welt ohne Atomwaffen begründet. Was der US-Präsident – damals noch kein Jahr im Amt – anschließend tat, war jedoch deutlich weniger idealistisch als seine berühmte Prager Rede von 2009. Jetzt also hat das Nobelkomitee den Friedenspreis an echte Idealisten verliehen – die Aktivisten des Ican-Netzwerks, die seit Jahren für eine totale Abschaffung der Atomwaffen kämpfen. Es ist ein wichtiger Kampf, neben dem Kampf gegen den Klimawandel der vielleicht wichtigste, den die Menschheit zu bestehen hat. Es sieht nicht danach aus, als würde sie ihn gewinnen“.

Grundverschiedene Sichtweisen auf die Welt

Diese für den nicht nur im Zweifel linken SPIEGEL typische Sichtweise beinhaltet mit dem Terminus des Idealismus ein entscheidendes Stichwort für die weiteren Ausführungen: Häufig benutzt, jedoch selten hinterfragt, stellt der Idealismus eine philosophische Grundposition dar, mit welcher sich eine bestimmte Weltsicht verbindet: Ein Idealist geht davon aus, dass die Wirklichkeit entscheidend von Denken und Erkenntnis geprägt ist und dass dabei Ideen grundlegend für Wissen und Moral sind. Kurz gesagt: Man betrachtet die Welt von der Idee herab. Bei diesem Prozess spielen Normen und Moral eine große Rolle.

Dieser Position gänzlich entgegen steht der Realismus, welcher die Dinge nimmt, wie sie aus Sicht der Handelnden zu sein scheinen und nicht, wie sie gemäß bestimmter Ideale sein sollen. Zentral dabei ist, das Unvollkommene zu sehen und sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man mit diesem Umstand klar kommt. Kurzum: Ein Realist betrachtet die Welt vom Chaos aufwärts, normative und moralische Erwägungen spielen eine untergeordnete Rolle.

Bei diesen beiden Grundpositionen handelt es sich um modellhafte Konzepte zur Beschreibung politischen Handelns, keiner der beiden Fälle dürfte in Reinform in der Wirklichkeit zu beobachten sein. Mit der Grundposition verbinden sich bestimmte Menschenbilder: Der Mensch aus Sicht eines Idealisten ist frei nach Goethe „edel und hilfreich und gut“ und dementsprechend zum friedlichen Zusammenleben fähig, während der Naturzustand nach Thomas Hobbes dem realistischen Menschenbild entspricht, bei welchem sich die Menschheit im „Krieg jeder gegen jeden“ befindet. In Leviathan, einem der einflussreichsten Texte der westlichen Philosophie, beschreibt der Realist Hobbes den Naturzustand, in welchem keine Ordnung besteht, als „notwendig wegen der menschlichen Leidenschaften mit der natürlichen Freiheit so lange verbunden, als keine Gewalt da ist, welche die Leidenschaften durch Furcht und Strafe gehörig einschränken kann“. Der Begriff der Leidenschaft steht schlicht und einfach für das menschliche Streben, stärker und mächtiger zu sein als andere Menschen und seine Freiheit auf deren Kosten auszuleben.

Nun lässt sich nicht einfach sagen, dass die politische Linke idealistisch und die politische Rechte realistisch geprägt ist (es gibt, vor allem in den USA, auch rechte Ideologen). Die Tendenz besteht jedoch eindeutig, dass die Linke idealistischer veranlagt ist als das bürgerliche Lager. In der Praxis politischen Handels bedeutet dies, dass man sich dort zunächst ausführlich mit sich selbst beschäftigt im Zusammenhang mit der Frage, ob das eigene Handeln im Einklang mit irgendwelchen übergeordneten Werten, also Idealen, steht. Dabei kann es losgelöst von der Verortung im politischen Spektrum dazu kommen, dass Idealisten zunächst ihrer Idee dienen und sich erst dann dem realen Geschehen widmen oder dieses sogar komplett außer Acht lassen.

Pazifismus als Idee

In Bezug auf die Frage von Krieg und Frieden hat die Unterscheidung von Idealismus und Realismus massive Auswirkungen. Der Begriff des Pazifismus steht für eine Ablehnung von Krieg aus weltanschaulichen Gründen und ist dementsprechend idealistisch. Für derartige Leute ist Krieg auch dann keine Option, um Krieg und Blutvergießen zu beenden – gut zu beobachten am Verhalten von Teilen der Grünen, als es 1999 darum ging, den Kosovo-Krieg durch eine internationale Intervention zu beenden. Um ihre schöne pazifistische Welt nicht zu beschädigen und sich als die besten Menschen auf Erden fühlen zu können, durfte nicht sein, was der Idee zufolge nicht sein darf – der Fortgang des Krieges mit dem damit verbundenen Verlust von Menschenleben wurde dementsprechend in Kauf genommen. Die in dem zitierten Kommentar des SPIEGELs zum Ausdruck gebrachte Kritik an Barack Obamas Abkehr vom Idealismus schlägt in die gleiche Kerbe: Obama hatte es sich mit den linken Gesinnungstätern gründlich verscherzt, als bei seiner Rede vor dem Nobelkomitee sagte, dass Krieg manchmal notwendig ist. Scheinbar ist es auch für Obama ein Unterschied, ob man im Wahlkampf gefühlsduselige Reden von einer atomwaffenfreien Welt hält oder sich in politischer Verantwortung befindet (und in diesem Zusammenhang ein milliardenschweres Programm zur Modernisierung der amerikanischen Atomwaffen auf den Weg bringt).

Eine realistische Position in Bezug auf Krieg und Frieden ist nun, Krieg abzulehnen – jedoch nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern, weil man es pragmatisch einfach für geboten hält. Dies schließt jedoch ein, dass man Frieden nicht durch beste Absichten erreicht, sondern durch engagiertes Handeln, welches im äußersten Fall eine Intervention einschließt. Folglich sind Atomwaffen aus der Welt nicht wegzudenken, um ein Mindestmaß an Stabilität zu garantieren. Allein der von Nobelkomitee geäußerte Gedanke, Atomwaffen zu verbieten, ist hochgradig naiv: Glaubt wirklich jemand, dass sich eine solche Einwicklung jemals wieder aus dem Wissen der Menschheit wird tilgen lassen? Putin zeigt genau die richtige Reaktion auf die Vergabe des Friedensnobelpreises, wenn er auf die Wichtigkeit der nuklearen Abschreckung aufmerksam macht. An dieser Stelle sind wir wieder bei Weltsicht, welche die Welt vom Chaos aufwärts betrachtet: Es gibt nun einmal seit Jahrtausenden Kriege – bedingt durch die von Hobbes beschriebenen „menschlichen Leidenschaften“. Aufgabe muss nun sein, das Beste aus diesem Umstand zu machen und anzuerkennen, dass seit der Existenz der Atombombe zwischen den hochentwickelten Ländern kein Krieg mehr stattgefunden hat und dass es die beiden Weltkriege bei einer früheren Entwicklung dieser Waffe wohl kaum gegeben hätte.

Es geht nicht darum, Atomwaffen gut zu finden. Vielmehr ist es zutiefst deprimierend, dass ihre Existenz notwendig ist, um auf der Welt für eine gewisse Ordnung zu sorgen. Jedoch sollte man sich nicht wie der Pazifismus von Emotionen treiben lassen und auf die Zerstörungskraft von Atomwaffen verweisen, sondern einfach akzeptieren, dass eine Welt ohne derlei Waffen das Risiko von kriegerischen Auseinandersetzungen deutlich erhöhen würde. Was wäre wohl passiert, wenn nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht die Garantie einer „wechselseitig zugesicherten Zerstörung“ zwischen den USA und der Sowjetunion bestanden hätte? Die Hemmschwelle für Aggressionen wäre deutlich niedriger gewesen – von heutigen Spannungen zwischen der letzten verbleibenden Supermacht und Russland ganz zu schweigen. Und wer nun einwendet, dass es auf der Welt keine Kriege geben sollte und dass alle Menschen friedlich zusammenleben sollten, der darf sich gerne als Idealist bezeichnen. Er möge in seiner Hypermoral aber auch beachten, dass die von ihm verschmähten Befürworter von Atomwaffen dem Frieden in einer Welt wie von Thomas Hobbes beschrieben weitaus mehr dienen als die pazifistischen Gesinnungstäter von ICAN, welche niemals Verantwortung übernommen haben und aus PR-Zwecken Überlebende von Hiroshima für ihre Kampagne instrumentalisieren. Man kann sich einmal fragen, was die Situation von 1945 mit der von 2017 zu tun hat – solche Betrachtungen der Realität spielen für „echte Idealisten“, wie sie der SPIEGEL anerkennend nennt, jedoch eine untergeordnete Rolle.