„Drum segne, was du uns bescheret hast.“

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[Von Michael Barth] – Verstärkt häufen sich in letzter Zeit die Meldungen, Lebensmittel in Russland seien „gepanscht“. Wenn man sich etwas eindenkt, muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, jegliche Nahrungsmittel seien dort mit allem Möglichen gerade noch so hingebogen worden, dass sie sich mit aller Not noch für den menschlichen Verzehr eignen.

Schrecklich hört sich das freilich an. Seife in Molkereiprodukten, Käse der weitgehend aus Kreide besteht und unter der Wurstpelle verbergen sich Kartoffelmehl und Häute. Man getraut sich gar nicht mehr zu fragen, was einen wohl erst erwartet, wenn man eine Konservendose öffnet. Kurz gesagt, russisches Essen, so wird suggeriert, beinhalte sämtliche unappetitlichen Sekundärrohstoffe, die man sich nur denken kann – pfui Deibel.

Passt aber perfekt ins Bild. Herrscht nicht in Russland seit eh und je die Mangelwirtschaft aus dem Bilderbuch? War es nicht schon immer so, dass in Russland die Upperclass in Gänseleber und französischen Trüffeln badete, während das Volk von Sägespänen und Tapetenleim satt werden musste? Um ein geflügeltes Wort zu bemühen: Der „Suppenextrakt“, aus dem die offizielle Ideologie gebraut werde, besteht aus Zarenknochen, Heiligenreliquien und Patriarchensegnungen. Sollte das bis ins 21. Jahrhundert so geblieben sein? Ist allein deshalb die Datscha-Kultur noch heute so weit verbreitet?

Hat Russland ein Ernährungsproblem?

Die Angst greift um sich. Die Lebensmittelinspektion Roskontrol schlägt Alarm, dass mittlerweile sechzig Prozent der getesteten Nahrungsmittel unzulässige Inhaltsstoffe aufweisen würden. Offenbar seien „weite Teile“ der russischen Lebensmittelwirtschaft in Punkto Qualitätskontrolle so gut wie zusammengebrochen. Während das Angebot weit gefächert ist und Aufmachung und Verpackung an internationale Maßstäbe erinnern, sei die Qualität für die Kunden leider meist ein Vabanquespiel. So stand es zumindest in der englischsprachigen „Moscow Times“.

Deregulierung und Entbürokratisierung, so lautete 2010 das Zauberwort des damaligen Präsidenten Dmitri Medwedjew. um die Gängelei der Privatwirtschaft durch die behördliche Willkür einzudämmen. Der Westen nahm diese Töne seinerzeit wohlwollend zur Kenntnis, war es doch ganz im Sinne der immer wieder angemahnten Reformen. Seither, so kritisiert Irina Tichmyjanowa, die Sprecherin der unabhängigen Warentest-Organisation Roskontrol, führe die staatliche Aufsichtsbehörde im Regelfall alle drei Jahre eine angemeldete Prüfung durch. Sofern natürlich keine offizielle Beschwerde über den Betrieb eingegangen ist.

Greifen die Sanktionen?

Tichmyanowas Resümme klingt zunächst niederschmetternd. „Die Kontrolle zwischen Hersteller und Ladenregal, und somit die notwendige Qualitätssicherung, wurde komplett zerstört.“ Außerdem sei Gier stärker ausgeprägt ist als die Moral, weiß die Sprecherin der Warentester. Im Westen mag das so ankommen, als seien die Sanktionen gegen Russland auf fruchtbaren Boden gefallen. Als wäre der perfide Plan Russland „auszuhungern“ mir nichts dir nichts aufgegangen. Und weil es seit Beginn des Embargos bis heute keinen unmittelbaren Wettbewerb mit eingeführten Qualitätsprodukten mehr gibt, stünden in den Regalen nurmehr fast ausschließlich Waren minderer Qualität. Behauptet man zumindest.

Was wohlweislich verschwiegen wurde, war, dass diese beanstandeten Lebensmittel überwiegend regional aufgetaucht sind und derlei Vorwürfe kaum flächendeckend zu halten seien. Erinnert Sie das nicht auch irgendwie an europäische Gammelfleischskandale, an Pferdehack in der Tiefkühl-Lasagne und an diverse Rückrufaktionen von Joghurt, Schokolade und vielem mehr? Ursprünglich war auch hier der Skandal perfekt, bis sich die Anschuldigungen auf einzelne Hersteller reduziert haben.

Zahlen sprechen eine andere Sprache

Zudem stehen die Behauptungen in krassem Widerspruch zu den Zahlen, die die russische Landwirtschaft im Zeitraum der Sanktionen präsentiert. Weshalb sollte eine Bäckerei statt vollwertigem Mehl auf Futterweizen der Güteklasse 5 von der Veterinärindustrie zurückgreifen, wenn das Land seit zwei Jahren beständig Rekordernten einfährt? Warum bei Molkereiprodukten zu unlauteren Mitteln greifen, wenn die Kapazitäten der heimischen Milchwirtschaft Zahlen aufweisen wie noch nie zuvor in der jüngeren Vergangenheit?

Freilich sollte sich der gesunde Menschenverstand einschalten, wenn irgendwo am Straßenrand in ländlichen Gebieten selbstgemachter Quark und Würste aus der eigenen Küche feilgeboten werden. Aber darüber sollte sich jeder Verbraucher selbst im Klaren sein, dass hier der Qualitätsstandard kaum bis gar nicht eingehalten werden kann. Flächendeckend jedoch dürften diese Produkte allerdings kaum zu finden sein, da eine Kontrolle hierbei von vornherein auszuschließen ist.

Was jedoch den Verkauf im Laden betrifft, so ist der Verbraucher selbst in „hoch entwickelten“ Ländern nicht davor gefeit, am Ende einer unterbrochenen Kühlkette zu stehen. Nicht das erste Mal wäre ein Produkt kurzerhand umdeklariert und mit aktuellen Angaben versehen worden. Und haben Sie sich schon jemals gefragt, aus was zum Beispiel ein Erdbeerjoghurt besteht? Mit Früchten wird gepriesen, mit Sägemehl geglänzt.

Des weiteren sollte man sich gewahr sein, dass ausländische Hersteller schon längst ihr Sortiment in Betrieben innerhalb der russischen Föderation selbst produzieren. Von dem her dürfte alleine schon der Mutterkonzern ein wachsames Auge auf die dortigen Produktionsrichtlinien werfen. Somit muss man letztlich einräumen, dass es sich bei den Anschuldigungen nicht etwa um ein spezifisch russisches Problem handeln kann. Und so wie ein derartiger Aufschrei momentan die vermeintlich hehre Meinung manifestiert, dienen derlei Schreckgespenster lediglich der Polemik, die unterm Strich auf dem Rücken der europäischen Landwirtschaft ausgetanzt wird.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.