„Die Russen kommen“ – Absurdes zur NATO-Rhetorik

Foto: commons.wikimedia/Allied Joint Force Command Brunssum via flickr CC BY-SA 2.0Foto: commons.wikimedia/Allied Joint Force Command Brunssum via flickr CC BY-SA 2.0
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[Michael Barth] Man muss kein Psychologe sein, um das Spiel zu durchschauen. Die eigene Sicht der Dinge fährt immer weiter an die Wand und man merkt, dass man allmählich unglaubwürdig wird. Also dreht man flugs den Spieß um und schiebt es dann dem Anderen in die Schuhe. Was im Kindergarten noch ganz gut funktionieren mag, bekommt spätestens in der Politik groteske Züge.

Nicht die NATO sei es, die mittlerweile bis an die Ostgrenze vorgerückt sei, sondern Russland bedrohe das transatlantische Bündnis. Diese Worte aus dem Mund des russischen Vize-Verteidigungsminister Anatoli Antonow haben etwas Irritierendes an sich. In einem Medien-Interview erläuterte er: „Die NATO hat sich ad absurdum geführt: Heute wird dort schon gesagt, Russland stehe vor der Tür der NATO. Als ob wir es gewesen wären, die an die NATO herangerückt sind und nicht umgekehrt“.

Antonow sehe das, als wäre das Bündnis ein Schullehrer, der einen ungehorsamen Schüler rüge. Russland sei von Anfang an gegen ein Wettrüsten gewesen, betonte der stellvertretende Verteidigungsminister, müsse aber darauf mit militärischen und technischen Maßnahmen reagieren. Erst kürzlich habe Moskau beschlossen, zwei neue Divisionen im Westen des Landes aufzustellen. Wir erinnern uns: Im Zuge der Abnabelung der Krim von der Ukraine erhöhte die NATO schlagartig ihre militärische Präsenz in Osteuropa.

Der Generalsekretär der NATO, Jens Stoltenberg, frohlockte kurz darauf bei einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama, die Nato sei jetzt so „stark, wie noch nie seit dem Kalten Krieg in den 80er Jahren“. Russland hingegen spricht von einer „beispiellosen Erhöhung der Aktivitäten seitens der NATO direkt vor seinen Grenzen“. Die größte Militärübung seit dem Kalten Krieg unter dem Operationsnamen „Trident Juncture“ (Dreizack Verbindung), an der 36.000 Soldaten, 140 Flugzeuge sowie Dutzende von Kampfhubschraubern teilnahmen, diente nach Angaben Washingtons alleinig dem Zweck, Russland zu warnen.

Wer bedroht wen?

Deshalb finde es Anatoli Antonow auch sehr schade, dass alles Positive, was Russland und die NATO im militärischen Bereich und insbesondere im Kampf gegen den Terror geleistet habe, nun über den Haufen geworfen würde. Ein namentlich nicht benannter ranghoher Mitarbeiter des russischen Verteidigungsministeriums hat General Philip Breedlove, den NATO-Oberbefehlshaber in Europa, als Quell des Übels ausgemacht. Er habe sich in letzter Zeit wiederholt dafür ausgesprochen, dass die NATO mit mehr Präsenz in Osteuropa auf die angebliche „russische Agression“ reagieren solle.

Der Leiter der Hauptverwaltung des russischen Verteidigungsministeriums für internationale Militärkooperation, Sergei Koschelew, fügten noch hinzu, „Man hat das Gefühl, dass alle Aussagen Breedloves nur ein Ziel haben: „Den Beziehungen zwischen Russland und der NATO einen maximalen Schaden zuzufügen, damit sie zugleich auch schwer wieder herzustellen sein werden“. Koschelew zufolge habe der NATO-Oberbefehlshaber in Europa Russland als Hauptgefahr für das Bündnis bezeichnet. Deshalb sei Breedlove auch bereit gegen Russland zu kämpfen und zu siegen – allerdings nur in Europa.

Der amtliche Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, reagierte indes auf James Clapper, den Direktor der US-Geheimdienste, der die größte Gefahr nicht nur alleine in Russland sieht, sondern gleich noch China mit ins Propagandaboot nimmt. „Beide Länder entwickeln aktiv ihre Cyber-Systeme, zudem setzt Russland speziell die Modernisierung seiner Militärtechnik fort“, so Clapper.

Konaschenkow hingegen sieht in dieser Aussage einen ganz profanen Grund. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts sei die „sich am besten verkaufende ‚Bedrohung‘ des Pentagons“ die „Russische Gefahr“. Und das nicht nur im US-Kongress, sondern auch bei den Partnern der NATO. Süffisant schiebt er deshalb nach: „Was würden sie nur ohne uns machen?“

[Michael Barth – russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.