Die »Nachtwölfe« reiten wieder nach Berlin

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Der russische Motorrad-Club »Nachtwölfe« startete heute Morgen in Moskau wieder seine alljährlichen Tour quer durch Osteuropa und Deutschland. Anders als in den vergangenen Jahren scheint es diesmal (noch) keine Proteste der zu durchfahrenden Länder zu geben. Mit im Gepäck: Ein Geschenk für Berlin.

Viel Aufregung gab es in den letzten Jahren, als die Biker durch Europa zogen, um den Toten des 2. Weltkriegs zu gedenken. Bisher jedes Mal löste die »Siegesfahrt« der russischen Motorradfahrer eine Art nationalen Notstand aus, als die Truppe vor den Grenzen stand. Annullierungen der Visa und massive Polizeieskorten waren die Regel, vor allem in Polen. Sämtliche Westmedien sprachen nur noch von »Putins Rockern«. Die Bevölkerung indes sah neugierig und vorbehaltlos zu, Kollegen sattelten ihre Maschinen und schlossen sich dem Tross an. Gewaltausbrüche – Fehlanzeige.

Wie die Veranstalter der alljährlichen »Siegesfahrt« bekannt gaben, wollen sich dieses Jahr angeblich zusätzliche 20.000 Biker aus anderen europäischen Ländern dem Tross nach Berlin anschließen. Sogar aus den USA hätten sich Interessenten gemeldet, was jedoch an den Vorbereitungen scheiterte. Die Tour wird wieder die gleiche sein: Weißrussland, Polen, Slowakei, Ungarn, Tschechien und Deutschland. Die Teilnehmer aus Deutschland werden am 29. April von der Gedenkstätte Bergen-Belsen aus starten. Voraussichtlich am 7. Mai wollen sie sich mit den russischen Bikern in Dresden treffen, um am 8. Mai gemeinsam in Berlin einzulaufen.

Zum dritten Mal führen wir unsere internationale Aktion durch, die immer wieder viel Aufregung verursacht. Es gab Zeiten, da man versuchte, uns den Weg nach Europa abzusperren, um unsere Gedenkaktion zu verhindern. Es ist nicht gelungen. Wenn ein Biker angehalten wird, dann kommen gleich zwei an seine Stelle. Und unsere Sache wird fortgesetzt. Werden sie wieder gestoppt, kommen dritte und vierte. Wenn man die Straßen für uns sperrt, dann werden wir fliegen. In diesem Fall wachsen bei uns die Flügel“, sagt Alexander Saldostanow alias »der Chirurg« in seiner Eigenschaft als Kopf der Gang.

Der Chirurg, im bürgerlichen Leben wirklich einer, darf ohnehin nur bis an die polnisch-weißrussische Grenze mit seinen Kumpanen fahren. Die Einreise in die Europäische Union ist ihm verwehrt. Weil sich Saldostanow für den Beitritt der Krim zu Russland engagierte, verhängte die EU Sanktionen über ihn. Sein Vertreter wird, wie auch schon die Jahre zuvor, Andrej Bobrowski sein, der als Sprecher der »Nachtwölfe« fungiert. Dieses Jahr sei die Tour für ihn eine wahre Massenveranstaltung. „So viele Anfragen aus so vielen verschiedenen Ländern hatten wir noch nie“, so Bobrowski in einem Interview.

Unter ihnen sind auch durchaus prominente Begleiter zu finden. So will sich beispielsweise Jaroslaw Foldyna, der für die Sozialdemokraten einen Abgeordnetensitz inne hat, in seine Kutte werfen. „Ich ziehe auch die Jacke mit russischen und tschechischen Aufnähern an, die mir die »Nachtwölfe« geschenkt haben. Ich mag diese Jacke und ziehe sie oft an, wenn ich mit dem Motorrad einen Ausflug mache. Ich hoffe meine russischen Freunde bei einer Blumenniederlegung wiederzusehen. Die Aktion wird vom »Tschechischen Bund der Freiheitskämpfer« organisiert. Dann fahren wir nach Dresden weiter“, sagte der tschechische Politiker.

Auch Foldyna kann die Panik, die um das Auftauchen der russischen Motorradfahrer regelmäßig geschürt wurde, nicht nachvollziehen: „Die Biker werden bei uns allzu sehr politisiert. Vorurteile werden gestreut, gegen die Nachtwölfe und gegen Russland.“ Außerdem sei es ihm sowieso viel wichtiger mit seinen »Jungs« aus Russland ein Bier zu trinken, wie er sagte. „Vielleicht ist die Siegesfahne, die die Biker dabeihaben, für viele ein Dorn im Auge“, sinniert er. „Ich hoffe, die Menschen verstehen aber, was ein historisches Objekt ist, verstehen, dass die »Wölfe« keine politischen Aktionen organisieren, keine Losungen, keine Appelle ausrufen. Man muss nun mal akzeptieren, dass eben unter der roten Flagge mit Hammer und Sichel der Große Sieg errungen wurde.“

Außerdem haben ja die russischen Biker auch ein Geschenk dabei, das sie dem deutschen Volk überreichen möchten: Ein Buch mit dem Titel »Sieger und Erben«. „Dieses Buch wollen wir Berlin zur ewigen Verwahrung übergeben, als Geschenk an das deutsche Volk. Damit sie die Namen der besten Sowjetsoldaten kennen, die Deutschland von der Diktatur des Faschismus befreiten“, sagt der Autor und Historiker Nikolai Nad.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.