Die Gesellschaft der Blauen Eimer [mit Video]

Immer noch aktiv: Die Initiative gegen inflationären Blaulicht-Gebrauch in Russland

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Da wir mit StopCham und Chrjuschi Protiw schon zwei regierungsnahe Aktivistengruppen vorgestellt haben, wird es auch Zeit für eine oppositionelle. Die Gesellschaft der blauen Eimer (Общество синих ведёрокm Obschestwo Sinich Wedjorkm) kämpft in Russland gegen den übermäßigen Blaulichtgebrauch durch Russlands Offizielle und vor allem ihre Limosinen-Convois – mit blauen Eimern auf dem Dach des eigenen Autos oder im Innenraum.

Das Problem ist bekannt. Selbst in Russlands Provinz begegnen einem in Russland immer wieder große Limousinen oder ganze Convois von ihnen, mit Blaulicht auf dem Dach und lautstarkem Sirenen-Hubkonzert. Wer sie einmal erlebt hat, vergisst sie nicht mehr. Das sind nicht etwa, wie unerfahrene Ausländer glauben könnten, Polizeibeamte auf dem Weg zum Notfall-Einsatz, sondern irgendwelche höheren Beamte und Politiker, die damit einfach Staus oder andere Verkehrsbehinderungen umgehen. Dagegen formierte sich bereits vor Jahren Widerstand, der auch dazu führte, dass die Anzahl der Sirenenberechtigten etwas gesenkt wurde – beseitigt ist das Problem nicht.

Von den Blaueimer-Aktivsten, die gegen diese Unsitte kämpfen, gibt es leider keine spektakulären eigenen Videos mit Millionen von Zuschauern, wie von den Anti-Gammel-Aktivisten von Chrjuschi Protiw, die sich regelmäßig im Schweinekostüm mit erbosten Ladenbesitzern prügeln und das natürlich sofort online stellen. Ihr Protest schaut auch nicht so spektakulär aus, ist aber dennoch unterstützenswert. Berichte über sie gibt es aber zahlreich im westlichen Fernsehen. Da es sich um eine oppositionelle Gruppierung handelt, dürfen Westjournalisten ja über sie berichten. Die meisten Reporte sind aber leider schon älter und wir haben uns deswegen entschlossen, hier keinen von ihnen, sondern einen russischen Bericht zu verlinken.

Die ersten Blaueimer gab es übrigens laut dem russischen Wikipedia 2006, eine regelrechte Organisation jedoch erst 2010. Das Jahr könnte man auch als Höhepunkt der Bewegung bezeichnen. Sie existiert, von der Internetgemeinde jedoch wesentlich weniger wahr genommen als Chrjuschi Protiw oder StopCham, jedoch noch immer. So wurde erst im September der Fahrer eines bekannten Bankiers wegen zahlreicher Verkehrsverstöße ohne jede Ahndung durch die Strafverfolgungsbehörden an den Pranger gestellt und im November veröffentlicht, dass der ehemalige Verteidigungsminister Serdjukow, der schon vor einem Jahr zurückgetreten ist, seinen Blaulicht-Konvoi dennoch weiter fleißig nutzt. Die Stärke der Aktion wird auf etwa 10.000 geschätzt, die von einer Führungsriege von 8 Leuten koordiniert werden.

Unser Video zeigt zwei Aktionen der Blaueimer-Truppe von 2012, zum zweijährigen Bestehen der eigentlichen Organisation. Konflikte mit den Behörden, deren Spitzen natürlich an ihren Vorrechten im Straßenverkehr kleben, waren dabei vorprogrammiert. Leider ist es für eine Verarbeitung durch Dritte nicht freigegeben.