Der lange Weg der russischen Revolution

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[von Michael Barth] Wer hier an eine Revolutions-Romantik denkt, bei der kurzerhand das herrschende System durch den Willen des Volkes ins Gemeinwohl gekehrt wird, der irrt. Der Weg, den Russland auf dem Weg vom Zarentum bis zur Union der sozialistischen Republiken durchlief war ein langer und, vor allem für die Bevölkerung, extrem blutiger.

Man kann die Zeit in Russland von 1905 bis in die späten 20er Jahre durchaus als Metamorphose eines Imperiums bezeichnen. Nachdem das Land nach dem Ersten Weltkrieg seiner ursprünglichen Grenzen beraubt wurde, erblühte es nach Jahren der Verwirrung in eben jenen wieder. Auch wenn die Staatsform eine andere wurde, lässt sich nicht übersehen, dass Machtstrukturen und nationale Belange dieselben blieben. Russland war und blieb die ernstzunehmende Weltmacht, wenn auch unter anderer Flagge. Waren es anfangs Heilige, denen durch Einbalsamierungen ewige Immortalität verliehen wurde, sollte es später ein mumifizierter Revolutionsführer sein, der einer Ikone gleich, öffentlich zur Schau gestellt wurde.

Vor dem schleichenden Verfall des Zarentums warnte bereits Lew Tolstoi den Zaren in einem Brief. Persönlich an Nikolaus II. gewandt, sprach er diesen nicht als Herrscher an, sondern wählte die Anrede „Bruder“ als Zeichen dafür, wie ernst ihm die Angelegenheit war: „Mit Gewalt kann man ein Volk unterdrücken, aber nicht regieren.“ Für Zar Nikolaus II. war Politik die Exekution der Autokratie, was wiederum den Untergrund begünstigte. Noch schien die Lage für ihn zwar ernst, aber deshalb noch lange nicht bedrohlich. Das sollte sich bald als fataler Irrtum erweisen.

Das erste seichte Aufbegehren wurde sogleich blutig niedergeschlagen. Die Folge war ein Arbeiteraufstand, es gab die ersten Toten und Verletzte, die Ordnung war endgültig dahin. Im Westen erhoben sich die Bolschewiken, in den muslimisch geprägten Teilen des Landes im Kaukasus und besonders in Zentralasien erlebte der Dschihadismus seine Blütezeit. Der Kaukasus war ethnisch außer Kontrolle. In der Ukraine kam es zu Bauernrevolten, in Kronstadt und Odessa folgte der Matrosenaufstand. Das öffentliche Leben war von Streiks bestimmt, es herrschte bald der nationale Ausnahmezustand. Reformen, sofern solche überhaupt angedacht waren, stagnierten und dem Zaren blieb nichts Anderes übrig, als zögerlich einzulenken. Als Strohhalm sollte das Oktobermanifest dienen.

Der Weltkrieg und das Ende der Zaren

Unmittelbar nachdem mit viel Pomp das 300-jährige Jubiläum der Romanows zelebriert wurde, erklärte das deutsche Kaiserreich Russland den Krieg. Man kann den ersten Weltkrieg durchaus als Ablenkung von schweren nationalen Problemen betrachten. Dem Zaren blieb daraufhin nichts mehr übrig, als den Entwicklungen offen zu begegnen. Im dritten Kriegsjahr kam es dann endgültig zur Aufkündigung der Loyalität von Armee und den Eliten. Mit der Auslöschung der Romanow-Dynastie endet in der Regel das Kapitel der russischen Revolution von 1917. Hier knüpft das Buch von Martin Aust „Die russische Revolution – Vom Zarenreich zum Sowjetimperium“, erschienen im Verlag C.H. Beck, an und vervollständigt das Thema Revolution um das entscheidende Kapitel Bürgerkrieg.

Die Kriegsfinanzierung hatte das Reich inzwischen zum Erliegen gebracht. Von 1915 bis 1921 herrschten Inflation und Lebensmittelknappheit. Reguläres Militär wurde eingesetzt, um Hungerrevolten niederzuschlagen. Schätzungsweise 100.000 bis 200.000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Nach dem Zaren herrschten Arbeiterräte. Paris, London, Rom und die USA erkannten die provisorische Regierung an, um die sich nun Bolschewiken und Menschewiken stritten. Verkettungen von Gewaltsituationen führten geradewegs in den Bürgerkrieg. Rote, Weiße, Bauern, Arbeiter, Heimkehrer, Kosaken, Matrosen, regionale und nationale Gruppen fochten mit- und gegeneinander. Der Bürgerkrieg verlief ohne klare Fronten, da sich diese sowieso ständig veränderten. Alleine in Kiew wurde von 1917 bis 1920 vierzehnmal die Herrschaft gewechselt. Auswärtige Mächte wollten den Verlauf dirigieren. Das deutsche Kaiserreich dominierte den Nordwesten, Polen den Südwesten. Der gesamte russische Westen war verloren. Unterdessen drang die Tschechoslowakei ins Land vor und wollte die Kontrolle über die Transsibirische Eisenbahn erlangen.

Zehn Millionen Menschen befanden sich im Bürgerkrieg. Die wenigsten starben im Kampf, sondern an Hunger, Krankheit und Epidemien. Die Euphorie von 1917 war längst Schrecken und Furcht gewichen. Die Roten hatten ihren Regierungssitz in Moskau, die Weißen regierten von Paris aus. Großbritannien sicherte sich den fernen Osten und den Kaukasus, Frankreich das Schwarze Meer, Polen besetzte die Ukraine und die USA, wegen der Nähe zu Japan, Wladiwostok.

Vom Weltkrieg in den Bürgerkrieg

Die Bolschewiken verpulverten sämtliche Ressourcen in diesem Bürgerkrieg, was Lenin als „infantile Unordnung“ bezeichnete. Unter den Roten sank der Lebensstandard, unter den Weißen wuchs die Angst vor der Rückkehr in die Monarchie. Obwohl sich die Tschechoslowakei im November 1918 wieder zurückgezogen hatte, hielten die Bolschewiken Mitte 1919 nur noch zehn Prozent des Bürgerkriegsgebiets. Die Bevölkerung tendierte zu den Menschewiki, die aber agierten viel zu unkoordiniert, um Kapital daraus zu schlagen. Die plötzliche Wende kam erst Ende 1920, als sich die Alliierten den Bolschewiken zuwendeten. Im November 1920 waren die Weißen geschlagen.

Für viele Bevölkerungsteile war der Bürgerkrieg bis dahin eine Überlebensstrategie, die zur Folge plötzliche Allianzen zwischen Russen und Nichtrussen, Antibolschewiken und den Kräften hatten, die mit den Roten sympathisierten. Viele wechselten unvermittelt die Seiten. Die Bolschewiken wollten die politische Auseinandersetzung und schönten ihre Gemetzel als „Klassenkampf“. Anders die Weißen, die die militärische Lösung favorisierten. Differierte sich die Vehemenz im Bürgerkrieg in rotem und weißem Terror, erlebten die Menschen diese Zeit nur noch als Spirale der Gewalt. Einen Staat, der dem blutigen Treiben ein Ende hätte setzen können, gab es nicht.

Martin Aust zieht an dieser Stelle seines Buch Bilanz: 350.000 Menschen fielen im Bürgerkrieg im Kampf, 450.000 rafften Krankheiten dahin. Der Typhusepidemie im Jahr 1920 fielen eine Million zum Opfer, durch die anschließende Hungersnot verloren weitere fünf Millionen Menschen ihr Leben. Für die Juden in Russland übertraf der Bürgerkrieg alle bisherigen Schrecken, denen sie ohnehin schon seit 200 Jahren ausgesetzt waren. Am Ende schätzt man die jüdischen Opfer auf bis zu 200.000. Historiker werden später von Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg sprechen, schreibt Aust. Die Menschen in Russland erlebten stattdessen ein Kontinuum an militärischer und paramilitärischer Gewalt in der Zeit von 1914 bis 1924, geprägt von Plünderungen, Geiselnahmen, Folter, Mord und Requirierungen.

Erst ab dem Jahr 1921 begann sich die Landwirtschaft allmählich wieder zu erholen. Die Löhne der Arbeiter lagen sogar noch 1929 vier Prozent unter denen des Vorkriegsniveaus. Mit den 1920-er Jahren begann in Russland die Phase der Neuen Ökonomischen Politik. Auf die politische Revolution folgte kurz darauf die kulturelle. Angetrieben von der Vorstellung eines neuen Menschen, der sich zum „Souverän über Raum und Zeit“ erhob, ließ die neue Macht die Spielräume der freien Entfaltung bald schrumpfen. Parteikongresse beschäftigten sich mit der Frage, wie sich der territoriale Bestand des Zarenreiches in einen neuartigen sowjetischen Staat einbetten ließe. Als Folge entwarfen die Bolschewiken den Gegenentwurf zu einem Imperium und, ohne es zu wollen, den Typus eines neuen Imperiums, das bis 1991 Bestand haben sollte.

Über den Autor: Martin Aust studierte Neue Geschichte, Ost- und Südosteuropäische Geschichte sowie Politikwissenschaft an der Wilhelm-Leibniz-Universität in Hannover. Nach dem Studium war er Lehrbeauftragter am Osteuropa-Institut der FU Berlin. Seine Dissertation schrieb Aust zum Thema Adlige Landstreitigkeiten in Russland. Eine Studie zum Wandel der Nachbarschaftsverhältnisse 1676-1796. Heute ist Martin Aust Professor für die Geschichte und Kultur Osteuropas an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Themengebiete zur Geschichte Polens, Russlands und der Ukraine in der Neuzeit.

Martin Aust: Die russische Revolution – Vom Zarenreich zum Sowjetimperium, Verlag C.H. Beck 2017, 279 Seiten, 10 Abbildungen und 2 Karten, ISBN: 978-3-406-70752-0

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.