Der kalte Krieg in den Alpen – die Russen bleiben weg

Alpen – Man macht sich ziemliche Gedanken in den Bergen. Vor allem in den bevorzugten Skigebieten der Alpen. Weder in die noblen Gassen der Belle Etage in Kitzbühel, noch ins weit beschaulichere Mayerhofen wollen sie noch kommen – diese Russen. Der Business mit dem „Was kostet die Welt“-Rubel ist fürs Erste vorbei. Das haben sie gemerkt, die Hoteliers, die Gastronomen und alle, die noch letzte Saison so nahrhaft am Rockzipfel des russischen Bären gesaugt hatten.

Gerade in der Zeit zwischen den Weihnachtsferien und dem Februar, der in der Branche „Jännerloch“ genannten Periode des Winters, waren sie dankbare Gäste. Sie füllten die Lücken in den Statistiken der jeweiligen Tourismusämter und sie gaben Geld aus. Mitunter sogar sehr viel Geld. Konkrete Summen will niemand nennen, stattdessen drückt man sich lieber in Prozenten aus. Das klingt dann nicht mehr ganz so desolat, aber anhand der relativen Buchungen vor Ort kann man sich den Verlust an den zehn Fingern abzählen. Irgendjemand hat einmal grob ausgerechnet, das sie durchschnittlich knapp 200.- Euro täglich ausgäben, diese Russen.

Und wie haben sie sich gefürchtet, damals als die ersten Nachkommen der Zaren in der heimeligen Idylle auftauchten. Aber was sie damals schon viel mehr gefürchtet haben – dass sie wieder ausbleiben könnten. Dieses Schreckgespenst hat sich nun wie ein Laken über die Berge gelegt. Über 200.000 Laken, pardon Übernachtungen, zählte man noch vor einigen Jahren in ganz Tirol. In der ehemaligen Bergbauernbeschaulichkeit Söldens mit allen seinen Gemeindungen entwickelte sich der Wintertourismus innerhalb kürzester Zeit gar zum drittgrössten Gästeaufkommen Österreichs. Etwa 10 Prozent der jährlichen 2,3 Millionen Übernachtungsgäste stammten aus Russland.

So suspekt sie ihnen Anfangs noch waren – laut, betrunken und distanzlos ihren Mitgästen gegenüber – so sehr haben sie sie die Neuankömmlinge aus dem wilden Osten zu schätzen gelernt. Spätestens als einige russische Investoren aus dem fernen Moskau und St. Petersburg in den sich gegenseitig konkurrierenden Familienbetrieben aufgetaucht waren und Interesse an den Gästehäusern zeigten, war es um Tradition und Heimattreue bestellt. Alleine in Sölden nennt ein betuchter Moskauer Geschäftsmann drei Hotels sein Eigen. Indes bleiben nun die potentiellen Gäste aus. Es ist ihnen zu teuer geworden, nachdem der Rubel seine vorläufige Talfahrt angetreten hat.

Einst gefürchtet und jetzt vermisst

Doppelt so teuer sei für sie der Winterurlaub in den Alpen geworden, klagt eine Familie an einem Skihang in Mayrhofen im Zillertal. Auch der Skilehrer am gleichen Hang klagt sein Leid. Normalerweise häten sie hier zwischen Weihnachten und Ende Januar rund 11.000 russische Touristen. Dieses Jahr geht man von 3.000, höchstens 4.000 russischen Touristen aus, wenn die Zahlen erst einmal ausgewertet sind. Dabei haben sie sich doch so penibel auf die Gäste aus Russland vorbereitet. Die Skilehrer sprechen die Sprache, die Speisekarten sind auf kyrillisch gedruckt. Und vor allem, man hat investiert, Schulden aufgenommen, neue Hotels gebaut.

Immerhin wurde Mayrhofen in Russland als billigstes Skigebiet Österreichs angepriesen. Zwei russische Reiseveranstalter jedoch sind schon pleite, das dritte kämpft noch in den letzten Zügen ums Überleben. Bis Mitte März rechnet man in der Branche mit, um wieder in Prozenten zu sprechen, 50 Prozent weniger Buchungen als im Vorjahr. Da mittlerweile die Russen, trotz der weiten Fahrt, schon mit dem eigenen Auto anreisten, florierte der Business mit dem Rubel auch in Innsbruck, Salzburg oder München. “Der Russe ist keiner, der täglich auf der Piste steht”, weiss man an der Liftefront. “Für die war so ein Tagesausflug in die ’nähere‘ Umgebung eine willkommene Abwechslung während ihres Europaurlaubs.”

Im bayrischen Garmisch-Partenkirchen sollten sich um diese Zeit die Russen die Klinke in die Hand geben. Auch im Souvenierladen von Rudi Simon. Die Preisschilder hat er auf russisch schreiben lassen und auch auf der Markise, die über der Schaufensterfront angebracht ist, prangen malerisch exotische Schriftzeichen. Nur für wen? “Momentan kommen noch ein oder zwei im Monat”, klagt er. “Früher waren es 50 bis 60 – am Tag!” Sie alle haben sich auf die zahlungswilligen Russen eingestellt, nun bleiben diese aus und die Angst geht um. “Die haben im Urlaub nicht gespart – jetzt merken wir natürlich, dass sie reihenweise stornieren, dass sie einfah wegbleiben”, jammern unisono die Hoteliers und Gastronomen im Ort.

Einen Schuldigen haben sie auch schon ausgemacht. Der Putin sei daran schuld – wer auch sonst.  Schliesslich habe er die Krise heraufbeschworen und jetzt verordnet er den Russen auch noch Urlaub im eigenen Land: Sotschi statt Sölden. Pelmeni statt Bauernschmaus. So mancher erinnert sich jetzt gern an die ungehobelten Horden Iwans des Schrecklichen zurück, an die goldenen Zeiten vor etwa 10 Jahren, als man sich noch ein wenig vor ihrem ungestümen Temperament füchtete. Fast hört es sich an als wollten sie sagen, “Die wollten doch nur spielen”. Jetzt sind sie wieder weg, die Preise purzeln nach unten und man wirbt mit Billigangeboten um dem letzten Strohhalm.So macher würde sie sich wieder zurückwünschen, diese Russen. Zumindest ihr Geld, aber das traut sich so gerade auch keiner laut zu sagen…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.