Das Russische Militärhistorische Gesellschaft arbeitet an einem eigenen Lehrbuch zur Geschichte der Ukraine. Es soll, wie der wissenschaftliche Direktor der Gesellschaft Michail Mjagkow ankündigte, die Entwicklung des Landes „seit ältesten Zeiten“ darstellen und ein „wahrhaftiges Lehrbuch“ werden.
Seine angekündigten Schwerpunkte lassen allerdings bereits erkennen, wohin die historische Reise führen soll. Behandelt werden sollen die „Einheit des altrussischen Volkes“, die Entstehung des von Mjagkow verwendeten Begriffs „Ukrainismus“ und die Frage, wer diesen „in Gang gesetzt“ habe. Außerdem soll das Buch erklären, wie es zum heutigen „Kiewer Regime“ gekommen sei.
Gedacht ist das Werk nach seinen Worten auch für Schüler in den Gebieten, die sich „noch unter Kontrolle“ der ukrainischen Regierung befinden. Wer das Lehrbuch schreibt, wann es erscheinen und in welchen Schulen es eingesetzt werden soll, wurde nicht mitgeteilt.
Damit steht das gewünschte Ergebnis bereits fest, während Autoren, Quellenapparat und Erscheinungstermin noch unbekannt sind. Das Lehrbuch droht, vom politischen Schluss zurück zu seinen historischen Anfängen geschrieben zu werden.
Die Ukraine vor den Ukrainern
Gerade die angekündigte Darstellung „seit ältesten Zeiten“ führt in ein methodisch heikles Gelände. Denn lange bevor es Ukrainer, Russen oder Slawen gab, befanden sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine einige der größten Siedlungen ihrer Zeit.
Zwischen etwa 4200 und 3600 vor Christus entstanden in der ukrainischen Waldsteppe die Megasiedlungen der Cucuteni-Trypillia-Kultur. Orte wie Maidanetske, Taljanky oder Nebeliwka umfassten teilweise mehrere hundert Hektar. Tausende Häuser waren in konzentrischen Ringen angeordnet; Wege, freie Flächen und größere Versammlungsgebäude folgten erkennbaren Plänen.
Wie viele Menschen dauerhaft dort lebten, ist unter Archäologen umstritten. Neuere Forschungen rechnen für einzelne Siedlungen mit mehreren Tausend bis möglicherweise 10.000 oder 15.000 Bewohnern. Ebenso offen ist, ob alle Häuser gleichzeitig bewohnt waren oder ob die Großsiedlungen zeitweise als regionale Versammlungsorte dienten.
Unabhängig von ihrer Bezeichnung waren sie außergewöhnliche soziale Gebilde. Zehntausende Menschen konnten sich offenbar organisieren, ohne dass bislang Paläste, eine ausgeprägte Herrscherkaste oder ein zentraler Staatsapparat nachgewiesen wurden. Größere Gebäude könnten der gemeinschaftlichen Beratung, Verteilung oder religiösen Zusammenkunft gedient haben.
Salopp ließe sich sagen: Zwischen Dnister und Dnjepr ging die Post ab, bevor sie zwischen Euphrat und Tigris zur Staatspost wurde.
Gegenüber Uruk haben die ukrainischen Megasiedlungen tatsächlich einige Jahrhunderte Vorsprung. Allerdings setzte in Tell Brak im Norden Mesopotamiens ungefähr gleichzeitig ebenfalls eine frühe Urbanisierung ein. Der entscheidende Unterschied entstand etwas später: In Uruk entwickelten sich Tempelwirtschaft, Verwaltung und um 3400 bis 3200 vor Christus die Schrift.
Mesopotamien begann, sich selbst zu protokollieren. Trypillia blieb stumm.
Deshalb kennen wir aus dem Zweistromland bald Lieferungen, Abgaben, Schulden, Berufe und später die Namen von Herrschern. Von den Trypillia-Siedlungen blieben Hausgrundrisse, Keramik, Werkzeuge und die rätselhaften Spuren großangelegter Organisation. Die Archäologie erkennt die Gesprächsräume, kann die Gespräche aber nicht hören.
Was geschah damals bei Moskau?
Während in der heutigen Ukraine Großsiedlungen entstanden, lebten im Wolga-Oka-Gebiet die Menschen der Ljalowo-Kultur. Ihre namensgebende Fundstelle liegt bei Ljalowo im heutigen Moskauer Gebiet, unweit von Selenograd.
Ihre Lebenswelt war durch Wälder, Flüsse und Seen geprägt. Die Menschen lebten überwiegend von Jagd und Fischfang, stellten aber bereits Keramik mit charakteristischen Grübchen- und Kammverzierungen her. Manche Fundplätze wurden über längere Zeit genutzt; Archäologen fanden auch große längliche Häuser und Halbgrubenhäuser mit mehreren Feuerstellen.
Eine Entsprechung zu den Trypillia-Megasiedlungen gab es im damaligen Moskauer Raum nicht. Dort wurde keine Landwirtschaft für Tausende Bewohner organisiert. Stattdessen entwickelte sich eine offenbar erfolgreiche, an die reichen Wald- und Wasserlandschaften angepasste Lebensweise.
Das ist kein einfacher Gegensatz zwischen „entwickelt“ und „primitiv“. Es sind verschiedene Antworten auf verschiedene Lebensräume. Landwirtschaftliche Verdichtung ist nicht automatisch höherwertiger als eine dauerhaft tragfähige Nutzung von Wildressourcen.
Vor allem aber waren die Menschen von Trypillia keine Ukrainer – und die Menschen der Ljalowo-Kultur keine Russen.
879 Jahre Moskau – und Jahrtausende davor
Moskau leitet sein offizielles Alter aus dem Jahr 1147 ab. Damals wird der Ort erstmals in der Hypatiuschronik erwähnt: Fürst Juri Dolgoruki lud seinen Verbündeten Swjatoslaw Olgowitsch zu einem Treffen nach Moskau ein. Eine eigentliche Gründung beschreibt die Chronik nicht. Wenn man einen Gast nach Moskau einladen konnte, muss dort bereits etwas vorhanden gewesen sein.
Im Jahr 2026 kommt Moskau damit auf 879 Jahre schriftlich belegter Geschichte. Der Ort selbst war jedoch sehr viel früher von Menschen genutzt worden. Auf dem Borowizki-Hügel im heutigen Kreml fanden Archäologen Spuren der Djakowo-Kultur aus dem ersten Jahrtausend vor Christus. Einzelne Funde aus dem Moskauer Gebiet reichen noch weiter zurück.
Damit lassen sich mindestens drei verschiedene Geschichten erzählen: die Geschichte der Stadt Moskau, die Geschichte der Besiedlung ihres heutigen Gebiets und die Geschichte des späteren russischen Staates. Sie hängen zusammen, sind aber nicht identisch.
Genau dasselbe gilt für die Ukraine.
Die Trypillia-Kultur belegt keine jahrtausendealte ukrainische Nation. Sie gehört dennoch zur tiefen Geschichte des heutigen ukrainischen Territoriums. Umgekehrt lässt sich aus der mittelalterlichen Kiewer Rus nicht ohne Weiteres ein ausschließlich russischer Besitzanspruch ableiten. Zwischen archäologischer Kultur, mittelalterlichem Herrschaftsverband, moderner Nation und heutigem Staatsgebiet liegen jeweils historische Brüche, Wanderungen und Neubildungen.
Derselbe Maßstab für beide Seiten
In dem angekündigten russischen Lehrbuch könnte vollkommen korrekt stehen, dass die Menschen der Trypillia-Kultur keine Ukrainer waren. Ideologisch würde dieser Satz erst, wenn daraus folgen sollte, die Ukraine besitze deshalb keine eigenständige tiefe Geschichte.
Denn derselbe Maßstab müsste dann auch für Russland gelten. Weder die Menschen der Ljalowo-Kultur noch die Bewohner der frühen Djakowo-Siedlung auf dem Kremlhügel verstanden sich als Russen. Geschichte auf einem Territorium ist nicht automatisch die Geschichte des später dort gegründeten Staates.
Ein Lehrbuch, das diese Unterscheidung symmetrisch anwendet, könnte tatsächlich helfen, die gemeinsame und zugleich unterschiedliche Geschichte von Russen, Ukrainern und anderen Völkern zu verstehen. Ein Buch, das bereits vor seiner Niederschrift weiß, wer an der Entstehung des „Ukrainismus“ schuld sein soll und zu welchem „Regime“ die Geschichte zwangsläufig führen musste, verfolgt ein anderes Ziel.
Die aufschlussreichste Frage an das angekündigte Werk lautet daher nicht, ob seine einzelnen Angaben richtig sein werden. Entscheidend wird sein, ob es für die ukrainische und für die russische Vergangenheit denselben historischen Maßstab verwendet.

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