Arktis: Russlands nördlichster Wohnblock ist bezugsfertig

Foto: Mil.ru

Russlands Bestrebungen, die Arktis urbar zu machen sind ein großes Stück weiter gediehen. Das ‚Dreiblatt der Arktis‘ soll die russische Nordgrenze schützen, Handelswege sichern und die dort lagernden Rohstoffe vor fremdem Zugriff bewahren – ein ehrgeiziges und frostiges Projekt.

Die Temperaturen in Franz-Josef-Land betragen im Durchschnitt minus 12 Grad. Wenn es im Winter einmal so richtig garstig kalt ist, kann das Thermometer sogar auf bis auf fast 50 Grad nach unten rutschen. 70 Prozent der nördlichen Barentsee, die das Archipel umgibt, sind von Packeis bedeckt, die Inselgruppe selbst zu 85 Prozent vergletschert. Die mittlere Eisdicke auf Franz-Josef-Land beträgt stattliche 180 Meter. Von der Inselgruppe, immerhin so groß wie die Fläche Thüringens, sind es gerade noch 900 Kilometer zum geographischen Nordpol.

Der Bewuchs der Inseln, sofern überhaupt vorhanden, besteht aus Flechten – als Dünger dienen die Ausscheidungen von arktischen Vogelpopulationen. Die eisige See bietet Lebensraum für immerhin rund 30 dort nachgewiesene Fischarten. Sie wiederum stellen die Nahrungsgrundlage der dort heimischen Robben und Walrösser, an der Spitze der Nahrungskette jedoch steht der Eisbär. Und spätestens hier stellt sich die berechtigte Frage: Was will der Mensch dort überhaupt?

Schon im 17. Jahrhundert seien hier Robbenjäger und Walfänger vorbeigekommen erklärt uns ‚Wikipedia‘, um gleich darauf einzulenken, dass man das auch nicht so genau wisse. Verbrieft wurde Franz-Josef-Land jedenfalls zum ersten Mal am 30. August 1873 von einer Österreichisch-Ungarischen Nordpolarexpedition betreten. In der Folge nutzten immer wieder Polarforscher und Eismeer-Expeditionen die Eilande als Biwakplatz auf ihrem Weg weiter nach Norden. Im April 1926 schließlich machte Russland, beziehungsweise die damalige Sowjetunion Nägel mit Köpfen und proklamierte das Gebiet kurzerhand für sich.

Unwirtlich und kalt – aber begehrt

Wie der russische Präsident im März diesen Jahres auf dem internationalen Forum ‚Arktis – Territorium des Dialogs‘, einem Projekt der wiederbelebten Russischen Geographischen Gesellschaft, nachdrücklich betonte, werde sich daran auch nichts ändern. „Unsere Pläne zur Erschließung dieser Region sind absolut berechtigt“, sagte der Präsident und verwies dabei auf Fakten, die diesen Entschluss begründen. Laut Putin stammten zehn Prozent des russischen Bruttoinlandsproduktes aus den Tätigkeiten der Unternehmen in dieser Region, „und deren Anzahl nimmt weiter zu!“ Der Erfolg sei steigender Effizienz dank dem Einsatz modernster Technologien geschuldet.

Tatsächlich ist aber die Energiewirtschaft der arktischen Gebiete aufgrund deren Verletzbarkeit eine zwiespältige Angelegenheit. Nach den jüngsten Angaben lägen dort 22 Prozent aller Öl- und Gasvorräte der Erde, aber es gelte zu ermessen, wie Umweltschäden bei der Gas- und Öl- Förderung vermieden werden und wie das Leben der ansässigen Bevölkerung möglichst gefahrlos gestaltet werden kann. Russland, auf das fast ein Drittel der arktischen Zone entfällt, sei sich seiner „besonderen Verantwortung“ für dieses Territorium bewusst, heißt es. Deshalb betonte Putin auf der Arktis-Konferenz: „Unser Ziel ist es, eine stabile Entwicklung der Arktis zu sichern.“ Im Klartext geht es ihm vorrangig darum, eine moderne Infrastruktur zu schaffen und die Naturressourcen zu erschließen.

Unterstützung bekommt er dabei durch eines der derzeit größten Umweltprobleme: „Der zweite wichtige Faktor, der unser Optimismus stützt, ist der Klimawandel“, sagt der russische Präsident. „Die Transportmöglichkeiten werden besser. „Mit dem Klimawandel kommt es zu günstigeren Bedingungen für die Wirtschaftsnutzung dieser Region“, sagte er unter Anspielung auf den erst vor kurzem in Betrieb genommenen Hafen Sabetta, der tauglich für die großen Tankschiffe ist – und rüstet sich. Insgesamt betreibt Russland schon rund 1.450 Objekte mit militärischer Infrastruktur in der Arktis. Die jüngste Errungenschaft wurde der Öffentlichkeit nun auf der Insel Alexandra-Land präsentiert: Ein Wohnkomplex konzipiert für die Bedürfnisse der Nordflotte.

Militärstandort auf hohem Niveau

Laut dem russischen Vizeverteidigungsminister Dmitri Bulgakow sei es bisher das weltweit einzige Bauwerk, das auf 80 Grad Nördlicher Breite errichtet wurde. Auf einer Gesamtfläche von mehr als 14.000 Quadratmetern ermögliche der autonome Charakter des Komplexes die Versorgung von bis zu 150 Militärangehörigen über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren. Optimistisch, wenn nicht übermütig, korrigierte Bulgakow bei anderer Gelegenheit gleich auf 200 Offiziere und Soldaten, die dort ein Jahr lang autonom leben könnten. Zahlreiche Übergänge, die die einzelnen Objekte des Komplexes miteinander verbinden, böten dem Personal Schutz vor dem Wetter und zusätzlich würde, so die Konstrukteure, Wärmenergie eingespart.

Bis ins Jahr 2020 würden noch mehr Grundlagen für die weiteren Stationierungen von russischen Truppeneinheiten in der Arktis ausgebaut werden, kündigt das Verteidigungsministerium an. Der Wohnkomplex ‚Arktisches Dreiblatt‘ ist bereits der zweite Komplex eines solchen geschlossenen Zyklus, der für die Bedürfnisse der Nordflotte in den Gebieten im obersten Norden errichtet wird.

Der Baukomplex ‚Nördlicher Klee‘ war zuvor für mehr als 250 Einwohner auf 75 Grad Nördlicher Breite auf der Kotelny-Insel des Archipels Neusibirische Inseln gebaut worden, wie die Nachrichtenagentur ‚TASS‘ schon vor längerem berichtete.

Die Basis ‚Arktisches Dreiblatt lasse „russische Militärs ihre Dienst- und Kampfaufgaben unter den schwierigsten Natur- und Klimabedingungen der Arktis auf hohem Niveau erfüllen“, heißt es über den gerade fertiggestellten Komplex aus dem russischen Verteidigungsministerium. Im Wesentlichen beherberge das Gebäude – neben Wohneinheiten – ein Sportstudio, ein Kino, einen Billardraum, Verwaltungsstellen sowie Garagen für Militär- und Sondertechnik. Darüber hinaus verfüge es über einen autonomen Energieblock und natürlich Lagerräume. Die allerdings dürften nur mit einer speziellen Extra-Erlaubnis betreten werden, wird informiert.

Massive Kritik an dem arktischen Außenposten Russlands hagelt es indes – wie könnte es anders sein – aus den USA. „Zunehmend alarmiert“ sei man dort über die Präsenz russischer Militärs in der Arktis, klagte heute der TV-Sender ‚CBS‘. James Mattis, der US-Verteidigungsminister, wolle demnach sichergehen, dass Russland die Region nicht selber dominieren will. Für Mattis habe nun der Kampf um enorm viele Milliarden Barrel Öl im Wert von rund 35 Billionen US-Dollar, die unter der Arktis lagern, begonnen.

In der vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Animation können auch Sie sich ein Bild vom ‚Arktischen Dreiblatt‘ und dessen Innenleben machen.

[mb/russland.news]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.