Anteil orthodoxer Christen in Russland sinkt – religiöse Identität bleibt oft kulturell geprägt

Anteil orthodoxer Christen in Russland sinkt – religiöse Identität bleibt oft kulturell geprägt

Der Anteil der Russen, die sich dem orthodoxen Christentum zurechnen, ist in den vergangenen 15 Jahren deutlich zurückgegangen. Nach einer Umfrage des Orthodoxen St.-Tichon-Humanitären Universität, über die die Wirtschaftszeitung Wedomosti berichtet, bezeichnen sich derzeit 65 Prozent der erwachsenen Bevölkerung als orthodox. 2011 waren es noch 78 Prozent, 2020 immerhin noch 67 Prozent. Kommersant griff die Zahlen ebenfalls auf.

Die Erhebung wurde im Februar und März dieses Jahres unter 1501 volljährigen Befragten durchgeführt. Neben den 65 Prozent Orthodoxen gaben 9 Prozent an, sich dem Islam zuzurechnen. 3 Prozent nannten andere Religionen. Fast jeder sechste Befragte – 16 Prozent – erklärte, keiner Konfession anzugehören. Der Anteil der Atheisten liegt laut Studie bei 6 Prozent; 2011 waren es nur 2 Prozent.

Auffällig ist dabei nicht nur der Rückgang der orthodoxen Selbstzuordnung, sondern auch die eher schwache kirchliche Praxis vieler Befragter. Unter jenen, die sich selbst als orthodox bezeichnen, nimmt fast jeder Dritte – 32 Prozent – nie an Gottesdiensten teil. 2011 lag dieser Wert bei 28 Prozent. Nur 17 Prozent der orthodoxen Befragten besuchen Gottesdienste mehrmals im Jahr oder häufiger; vor 15 Jahren waren es noch 28 Prozent.

Etwas anders sieht es beim Kirchenbesuch aus: 33 Prozent der orthodoxen Befragten gehen zumindest mehrmals jährlich in Kirchen der Russisch-Orthodoxen Kirche. 2011 waren es 35 Prozent. Der Anteil derjenigen, die nach eigenen Angaben noch nie eine Kirche besucht haben, liegt aktuell bei 10 Prozent – 2011 waren es allerdings noch 18 Prozent. Das deutet darauf hin, dass formale Zugehörigkeit, gelegentliche Praxis und tatsächliche „Verkirchlichung“ nicht deckungsgleich sind.

Die Soziologin Jelena Pruzkowa von der PСТГУ-Laborgruppe „Soziologie der Religion“ sieht in den Zahlen eine gesellschaftliche Polarisierung. Einerseits gebe es Menschen, die tatsächlich ein kirchliches Leben führten. Andererseits gebe es viele, die sich aus Gründen kultureller oder ethnischer Identität zur Orthodoxie zählen. Gerade dieser zweite Teil der orthodoxen Mehrheit dürfte für die russische Gesellschaft besonders charakteristisch sein: Orthodoxie ist nicht nur Religion, sondern für viele auch ein kulturelles Zugehörigkeitsmerkmal.

Während der Corona-Pandemie hatte es nach Angaben der Forscher zeitweise einen Anstieg bestimmter religiöser Praktiken gegeben. Pruzkowa bringt dies mit Unsicherheit und Sorge um die eigene Gesundheit in Verbindung. Inzwischen scheint dieser Effekt wieder nachzulassen. Gleichzeitig betonen Kirchenvertreter, dass der Kern der praktizierenden Gläubigen seine religiöse Praxis eher vertiefe.

Wachtang Kipschidse, stellvertretender Leiter der Synodalabteilung für Beziehungen der Kirche zu Gesellschaft und Medien, wertet die Entwicklung deshalb weniger dramatisch. Das Niveau orthodoxer Identität in der Gesellschaft bleibe hoch; Schwankungen innerhalb dieser Mehrheit seien eher situationsbedingt als Ausdruck eines grundlegenden Trends.

Die Religionswissenschaftlerin Walentina Sloboschnikowa von der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität verweist hingegen auf einen breiteren historischen Kontext. In den 1990er-Jahren und in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts habe Russland einen religiösen Aufschwung erlebt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hätten sich viele Menschen wieder religiösen Weltbildern zugewandt. Dieser Trend habe etwa bis 2019 angehalten. Inzwischen gehe die Zahl der Gläubigen, besonders bei den großen traditionellen Religionen, zurück – eine Entwicklung, die laut Sloboschnikowa nicht nur Russland betrifft, sondern seit Jahren auch in Europa zu beobachten ist.

Die neuen Zahlen zeigen damit ein differenziertes Bild: Russland bleibt mehrheitlich orthodox geprägt. Doch diese Mehrheit ist kleiner geworden und besteht zu einem erheblichen Teil aus Menschen, für die Orthodoxie eher kulturelle Identität als regelmäßige religiöse Praxis bedeutet. Gerade vor dem Hintergrund der engen symbolischen Verbindung von Staat, Nation und Russisch-Orthodoxer Kirche ist dieser Befund gesellschaftlich und politisch bemerkenswert.

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