Angebliche „Kontrollen“ – Konfiszierungen in der Eremitage?

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In der Petersburger Eremitage wird unter dem Deckmantel von Überprüfungen die Erinnerung an die Bilderverkäufe in den 1930er Jahren ausgemerzt, schreibt „Nowaja Gaseta“.
Seit Michail Piotrowski, der Direktor der Staatlichen Eremitage, sich öffentlich gegen die Übergabe der Isaaks-Kathedrale an die Russisch-Orthodoxe Kirche ausgesprochen hatte, wird sein Museum mit Kontrollen überschüttet (wir behaupten nicht, dass diese Ereignisse etwas miteinander zu tun haben, aber zeitlich fallen sie zusammen).

Über eine dieser Massenkontrollaktionen haben wir bereits geschrieben: Vor zwei Monaten interessierten sich die Behörden für mögliche Unregelmäßigkeiten beim Bau des zweiten Gebäudes der Restaurations- und Aufbewahrungsstätten. Über das, was angeblich im März passiert ist, wird in der Eremitage nur inoffiziell gesprochen.

Nach Ansicht von Mitarbeitern ist in den Archiven der Eremitage unter der Ägide des Kulturministeriums die Polizei am Werke. Gegenstand ihres Interesses sind Dokumente, in denen es um die „Stalin-Verkäufe“ von Bildern in den 1920-1930er Jahren geht. Aus den Eremitage-Kiosken wurden die Kataloge der verlorengegangenen Kunstwerke entfernt, aus den Magazinen sind alle Archivdokumente zu diesem Thema in unbekannte Richtung verschwunden.

Als erster machte Alexej Larionow, führender wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für westeuropäische Kunst, öffentlich auf das Geschehen aufmerksam:

„Vor eine paar Wochen war bei uns wieder einmal eine Kontrollkommission. Formell aus dem Kulturministerium, aber wie vermutet wird, waren das vor allem Vertreter einer anderen Behörde. Nach der Überprüfung wurde der Eremitage vorgeworfen, dass das Museum im Laufe vieler Jahre illegal geheime Dokumente veröffentlicht hat. Es geht um eine Serie von Sammelbänden aus Archivmaterialien der Eremitage zu den Museumsverkäufen in den 1920-1930er Jahren. (…) Auf Beschluss der Kommission ist ihr Verkauf jetzt verboten, sie wurden aus den Kiosken entfernt (sie wurden nur in der Eremitage verkauft), auf sie darf nicht verwiesen werden, und der nächste, bereits zum Druck fertige Band mit Dokumenten von 1932 und 1933 darf nicht veröffentlicht werden.

Mehr noch: Die entsprechenden Archivakten selbst (darunter viele unveröffentlichte) wurden konfisziert, in Kartons gepackt, versiegelt und weggebracht. (…) Man muss sich mächtig wundern: Was macht es für einen Sinn, Fakten erneut mit Verbot zu belegen, die schon längst allgemein bekannt sind? Was nützt es, Bücher aus dem Verkehr zu ziehen, die seit Jahren im freien Verkauf waren, an die Bibliotheken verteilt wurden und zum Teil ins Internet gestellt wurden?“, schrieb Larionow auf seiner Facebook-Seite.

Im Gespräch mit der „Nowaja Gaseta“ bestätigte er, dass die Informationen über die Beschlagnahmung von Katalogen und Archiven auf einer allgemeinen Mitarbeiterversammlung verbreitet wurden.

„Bücher aus dem Verkauf zu nehmen, ist noch nicht einmal so schlimm, sie werden jetzt ganz bestimmt im Internet auftauchen“, kommentiert Larionow. „Angst macht die Tatsache, dass Archive vernichtet werden. Mir scheint, es hat in unserer modernen Geschichte noch keinen Präzedenzfall dieser Art gegeben.“

Dass die Sowjetmacht in den 1920 und 1930er Jahren Kunstwerke aus der Eremitage und anderen Museen des Landes verkaufte, wurde zu Beginn der 1990er Jahre bekannt. Um ausländische Währung für die Industrialisierung zu bekommen, kamen Hunderte Meisterwerke unter den Hammer, darunter Gemälde von Raffael, Rembrandt und Tizian.

Der achtbändige Katalog der verlorengegangenen Werke war unter der Leitung von Jelena Solomacha erstellt worden; sie ist stellvertretende Leiterin der Abteilung für Manuskripte und des Dokumenten-Fonds der Eremitage. Sie selbst lehnte es ab, das Geschehen zu kommentieren. „Sobald wir Zusatzinformationen bekommen, werden wir reden“, sagte sie gegenüber „Nowaja Gaseta“.

Auch Sergej Mironenko, der ehemalige Direktor des Staatsarchivs, konnte die Situation nicht klarstellen: „Ich werde das nicht kommentieren, aber mir scheint, es geht da um etwas ganz anderes (…). Rufen Sie besser die Leitung der Eremitage an.“

Im Museum selbst wurden die Informationen über die Beschlagnahmung von Büchern und Dokumenten dementiert. Auf der Webseite der Eremitage tauchte eine offizielle Erklärung auf: „Es existieren keine offiziellen Verbote zur Veröffentlichung von Archivmaterialien, die in der Staatlichen Eremitage aufbewahrt werden; ebenso existieren keine Entscheidungen einer gewissen „Kommission“, von der die Nutzer der sozialen Netzwerke sprechen, über die Beschlagnahmung von Büchern aus der Serie „Kapitel der Geschichte der Eremitage“.

Zum jetzigen Zeitpunkt wird in der Staatlichen Eremitage an der Vervollkommnung des Systems der Archivverwahrung in Übereinstimmung mit der bestehenden Gesetzgebung gearbeitet. Diese Arbeit läuft im Rahmen der Staatspolitik und der Entscheidungen des Präsidenten der Russischen Föderation auf diesem Gebiet.“

Hier lohnt es sich wohl zu beachten, dass es keine „offiziellen“ Verbote und Entscheidungen gibt.

Nach der Veröffentlichung dieser Erklärung der Eremitage setzten wir uns erneut mit Alexej Larionow in Verbindung, er schickte eine SMS: „Die Bücher wurden aus dem Verkauf genommen; es wurde befohlen, Verweise auf diese Sammelbände aus zur Veröffentlichung vorbereiteten Publikationen zu entfernen; die Dokumente wurden aus dem Archiv weggebracht. Das verneinen sie nicht? Vielleicht ist das so eine Arbeit zur Vervollkommnung des Systems der Aufbewahrung, aber eine ziemlich ungewöhnliche, nicht wahr?“