23. Februar – ein Tag für trunken versunkene Erinnerungen

Als Geburtstag der „Roten Armee“, genauer der „Roten Arbeiter- und Bauernarmee“, ist in den Chroniken der 23. Februar 1918 notiert. Er war kein echter Gründungstags, sondern einer der rückwirkend festgesetzt wurde.

Nicht weil Lenin erst 1922 den dreiundzwanzigsten zum Feiertag (nicht arbeitsfrei) erklärte, sondern weil im „Befehl Nr.95“ des Obersten Befehlshabers Stalin vom 23. Februar 1943 die Hintergründe dieses Tages beschrieben sind: „Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Kommandeure und politische Funktionäre, Partisanen und Partisaninnen! Heute feiern wir den 25. Jahrestag der Roten Armee … Der 23. Februar 1918, an dem die Abteilungen der Roten Armee vor Pskow und Narwa den Truppen der deutschen Landräuber aufs Haupt schlugen, wurde zum Geburtstag der Roten Armee erklärt.“ Rot deswegen, weil man anschließend gegen die Weißen, die Menschiwiki, kämpfte.

Am 23. Februar 1918 erschien ein Aufruf unter der Überschrift „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr.“ Parallel rief der Oberkommandierende der Streitkräfte N. Krylenko auf: „Alle zu den Waffen. Alle für den Schutz der Revolution…“ Am gleichen Tag veröffentlichte die „Prawda“ einen Artikel von Lenin unter der Überschrift „Frieden oder Krieg“. Lenin bestand in diesem Artikel auf einen sofortigen Friedensschluss mit dem Deutschen Reich.

Am 23. Februar diktierten die deutschen Militärs Sowjetrussland ein Ultimatum. Lenin beschwor in einer Sitzung des Zentralkomitees der Partei, ungeachtet einer sehr starken Opposition, dieses Ultimatum anzunehmen. Für Lenin war es wichtig, zu jedem beliebigen Preis, auf einem wesentlich verkleinerten Sowjetrussland den Sozialismus zu erhalten. Am 24. Februar wurde der deutschen Seite übermittelt, dass Sowjetrussland das Ultimatum annimmt. Trotzdem setzten die deutschen Truppen ihre Angriffe auf das sowjetrussische Gebiet bis zum 3. März 1918 fort – dem Datum der Unterschriftsleistung unter das deutsche Ultimatum.

Am 23. Februar 1918 fanden in allen großen russischen Städten Massendemonstrationen statt und viele Männer meldeten sich freiwillig zur Armee. Am 25. Februar wurden die ersten neu aufgestellten Einheiten an die Front geschickt. Dieser Zeitraum und die Ereignisse sind umstritten, denn es existiert auch die Version, dass die Einberufungspunkte erst am 25. Februar eingerichtet wurden – deshalb, weil eben die Deutschen ihre Angriffe trotz der Annahme des Ultimatums durch Sowjetrussland am 23. Februar 1918 fortsetzten.

Am 3. März 1918 wurde der „Frieden von Brest“ durch Sowjetrussland und Deutschland unterschrieben. Die durch Deutschland diktierten Bedingungen wurden damit anerkannt. Russland verlor große Gebiete seines Territoriums an Deutschland.

Ab dem Jahre 1946 war der 23ste der Tag einer umbenannten Roten Armee, der „Tag der Sowjetarmee“. Noch immer kein arbeitsfreier Tag, aber besonders vom männlichen Teil der Gesellschaft gerne zum Umtrunk genutzt, entpuppte er sich zu einer Art „Männertag“. Der in Westeuropa so furios gestartete „Frauentag“ wurde in Russland erstmals 1913 gefeiert.

Erst 1993 wurde der 23. Februar zum arbeitsfreien Feiertag ernannt – und dabei erneut umgetauft. Fortan war und ist es der „Tag der Vaterlandsverteidiger“, der die Nackenmuskulatur der Schnelltrinker stärkt.

Für die russische Jugend ist das Schnee von gestern. Aber es gibt noch viele Veteranen, denen jährlich, neben Wodkagläsern, alte, wohlbehütete rote Fahnen demonstrativ in die Hände springen. Sie sind genervt von den ewigen Umbenennungen und beschweren sich seit vielen Jahren regelmäßig über die ehrenrührige Traditionspflege der „Großen Kriege“ seitens der neuen Kremlherren.

Für all diejenigen, die gerne – aber nicht unbedingt rot – süppeln wollen, seien ein paar Datumsdaten aus der jüngeren russischen Geschichte als Beiwerk für Trinksprüche hervorgekramt.

1945 starb Alexeij Nikolajewitsch Tolstoi, Verfasser der monumentalen Romane „Der Leidensweg“ und „Peter der Grosse“. Nicht zu verwechseln mit Lew Nikolajewitsch Tolstoi, dessen sowjetische Verfilmung seines Werkes „Krieg und Frieden“ am 23.2.1967 in deutschen Kinos startete.

1994 beschloss das russische Parlament eine Amnestie für die Anführer des August-Putsches gegen Gorbatschow (1991) und des Oktober-Aufstandes gegen Jelzin (1993). Am 23. Februar 1997 brannte es ohne große Schäden zu verursachen für vierzehn Minuten auf der Raumfähre MIR.

Im Jahre 2002 wurde durch Beschluss der russischen Staatsduma der 23. Februar zum arbeitsfreien Tag erklärt und wird seit dem als „Tag der Vaterlandsverteidiger“ begangen.

Im Jahre 2006 erfolgte ein weiterer Beschluss der russischen Staatsduma, der festlegte, dass folgende Formulierung aus der Beschreibung des Feiertages entfernt wird: „Tag des Sieges der Roten Armee über die kaiserlichen Truppen Deutschlands im Jahre 1918“.

Alles dreiundzwanzig? Prosit!