ZSKA gegen den VfL – das Duell der Pferdestärken

Foto: Wikipedia/Robin Bos CC BY 2.0Foto: Wikipedia/Robin Bos CC BY 2.0
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Moskau – Einen wunderschönen guten Abend meine Damen und Herren, werte Motor- und Fußballfreunde. Heute präsentieren wir Ihnen einen direkten PS-Vergleich zwischen Russland und Deutschland. Der ZSKA Moskau maß sich mit dem VfL Wolfsburg in der UEFA-Championsleague. Wohlan, möge der Bessere gewinnen.

Vorweg muss man sich allerdings erst etwas mit der Geschichte der beiden Vereine vertraut machen, denn beide haben, wenn man so will, etwas mit Pferdestärken zu tun. ZSKA, der zentrale Sportklub der Armee, wie es offiziell lautet, wurde in der Tat aus der Roten Armee geboren. Das Sportgelände des Vereins steht auf dem Gelände der ehemaligen Kavalarie-Kaserne und deshalb spricht man in Russland nur von den „Koni“, den Pferden.

Der Historie halber…

Wolfsburg, als Kunstkonstrukt der Nationalsozialisten als KdF- („Kraft durch Freude“) Stadt errichtet, war schon immer die Heimat des KdF-Wagens. Heute heißt der etwas der Zeit angepasster „Volkswagen“. Und was vermittelt in einer Automobilwerk-Hochburg mehr Kraft durch Freude, als ein hauseigener Sportverein. Aus einer der Abteilungen dieses neugegründeten VfL Wolfsburg kristallisierte sich eine Fußball-Werksmannschaft heraus. Zwar nennt man die heute „Wölfe“, das riesige Emblem des Sponsors auf dem Trikot deutet aber nicht gerade darauf hin.

Der VfL noch relativ neu im großen Showbusiness der CL, Moskau hingegen so eine Art Platzhirsch des Turniers. Lassen wir zunächst das Hinspiel in der niedersächsischen KdF-Metropole Revue passieren. Im Wesentlichen war dieses Hinspiel eine Begegnung zwischen notorischem Mittelspurfahrer und gemäßigten Trab. Hätte da nicht ein Pferd fürchterlich gelahmt. Das hört auf den Namen Akinfeev und gibt den Torhüter bei ZSKA. Der Torwart faustete einen Ball, der eigentlich sicher zu halten war, weil er direkt in die Arme von Akinfeev gezirkelt war, Julian Draxler direkt vor die Füße und Moskau verlor das Hinspiel mit 0:1.

Pferd gegen Auto – Rössel gegen Käfer

Zweites Rennen, Startplatz Moskau Khimki-Arena. Minus drei grad, der Käfer muss sich erst warm fahren. Nach 10 Min traben die Pferde an. In der 13. mimt der Bulgare Milanov den sterbenden Gaul, pardon Schwan. Bedarf es einer Notschlachtung? Nein er steht wieder. Eine Viertelstunde gespielt, die Moskauer kommen richtig in die Gänge. Das ist auch gut so, denn sonst wären sie raus aus dem laufenden Turnier. Der VfL dagegen rutscht aus. Der Kommentator moniert, dass ZSKA den Platz vorher noch gewässert habe. Dann hätten sie wohl besser mal die Schlechtwetter-Reifen aufgezogen.

In der 27. Spielminute schlägt Fernandes für Moskau aus. Auch wenn es nahe der Mittellinie geschah, ein taktisches Foul war das auf jeden Fall nicht – Dunkelgelb! In der 31. spurten die Pferde davon und Seydou Doumbia kommt diesen berühmten halben Schritt zu spät. Wolfsburg kann die Situation gerade noch klären. In der 33. Minute zieht Mosa knapp daneben und rifft nur das Außennetz. Zwei Minuten später zeigt Max Kruse was ein Volkswagen so alles kann, findet in Akinfeev jedoch seinen Meister. Der kann mit den Fäusten ins Toraus klären.

Das Spiel nimmt jet richtig Fahrt auf! Doumbia und Musa versuchen sich in der Paralleldressur, Wolfsburg Dante hat jedoch aufgepasst und kauft dem Nigerianer den Schneid ab. In der letzten Spielminute der ersten Halbzeit versucht es Dzagoev noch einmal wirkt aber eher wie ein Springreiter, der mit dem Hinterfuß dann doch noch ein Hindernis abräumt. Den gut 15.000, die den Weg in den Moskauer Norden gefunden haben, dürfte die Partie bislang gefallen haben. Lautstark genug waren sie.

Einmal Ölwechsel und einen Hafersack bitte

In der Halbzeitpause dürfen die „Experten“ wieder im TV abledern was das Zeug hält. Äußerst despektierlich äußern sie sich über die Spielweise von ZSKA Moskau. Wir könnten noch eben schnell was gewinnen, bevor sie wieder hinüber nach Moskau geben, sagen sie. Angesichts der Kosten von 50 Cent pro Anruf in der Warteschleife lassen wir das besser. Das senkt die Telefonkosten für die Redaktion ungemein. Die beiden Brasilianer schäkern noch ein wenig im Spielertunnel, dann ist Schluss mit lustig. Es geht wieder weiter.

Der VfL will gleich zu Beginn auf der Standspur überholen. Deshalb folgerichtig auf Abseits entschieden. Nach 47 Spielminuten die erste Ecke für Moskau. Foul – Freistoß, jetzt ist Benaglio gefragter denn je. Zweimal muss nun der Schweizer Torhüter in Wolfsburgs Diensten die Kotflügel gegen die wilden Rösser hinhalten. In der 55. galoppiert Ahmed Musa forsch nach vorn, aber auch hier stellt sich ein VW, Modell Träsch, quer. Nach knapp einer gespielten Stunde kommt der VfL schon recht in Bedrängnis. ZSKA zelebriert momentan Military-Reiten par excellence. Caligiuri hat nun einen Platten, für ihn kommt Weltmeister Schürrle.

Dzagoev Hacke – Tosiv Spitze – Peng, Pfosten. Nun will Schürrle einmal zeigen, was er als Weltmeister alles kann und drückt aufs Gas. Dumm nur, dass das Kaltblut Berezutskiy den Türsteher gibt. Schürrle bleibt vorerst benommen am Fahrbahnrand liegen. Die direkte Reaktion des Weltmeisters folgt in der 66. Minute. Aus spitzem Winkel, eben gaz im Sinne eines Weltmeisters und schießt aufs Tor. Da findet er auch gleich den richtigen Sparringspartner, denn Akinfeev geht erneut der Gaul durch und legt sich dieses Ei mit dem rechten Vorderlauf selbst ins Netz. Moskau ist nach dem 0:1 erst einmal totenstill. Nix mehr mit Stimmung auf den Rängen, eher eine Schockstarre.

Die Kavallerie reitet Attacke und gerät in den Hinterhalt

Zwei Minuten später flankt Musa mit voller Wucht in den Fünfmeterraum und überlässt die Wolfsburger Abwehr sich selbst. Irgendwo am Ende der Kette stand dann doch Benaglio und hält den Ball stolz in der Hand. Andre Schürrle spielt mal eben wieder den Weltmeister und diesmal pariert Akinfeev sauber in letzter Sekunde mit dem Fuß. Die letzten 20 Minuten des Spiels machen nun richtig Spaß. Ein munteres auf und ab. Moskau drückt und Wolfsburg kontert. Inzwischen macht sich Natcho warm. Offenbar will Trainer Slutskiy noch ein weiteres Rennpferd bringen. Und wie er rennt, der Natcho. Erst ein Foul kann das Heißblut stoppen.

In den letzten zehn Spielminuten reitet die Moskauer Kavallerie Attacke. Allen voran dieser Natcho. Und dann, wie aus dem Nichts, rennt schon wieder der Schürrle los und verlädt den armen Akinfeev. Diesmal kann er nichts dafür. Rein gar nichts. Und trotzdem steht es 0:2. Noch vier Minuten Nachspielzeit, aber sind wir ehrlich, das wird heute nix mehr. Vielmehr streichelt Nicklas Bendtners Schuss kurz vor Schluss noch einmal den Moskauer Außenpfosten.

Die stolzen Rösser von ZSKA Moskau haben sich damit aus der Champions-League für dieses Mal verabschiedet und nun wird der direkte Vergleich am 8. Dezember gegen den PSV Eindhoven weisen, ob der Armeeklub zumindest in der Europa-League verweilen darf. Ein 4:0 Sieg ist dazu Pflicht. Zugegeben, das wird eng. Nicht ganz so eng war es am Dienstagabend für Zenit St. Petersburg. Die Blau-Weissen waren eh schon durch in ihrer Gruppe H und konnten durch Tore von Shatov und Dzyuba (15. und 74. Spielminute) einen lässigen 2:0 Sieg gegen den FC Valencia einfahren.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.