Ein Zar, seine Stadt und reichlich Liebelei

[von Michael Barth] Zar Peter der Große setzte im Jahre 1703 den ersten Spatenstich, um eine Stadt zu bauen – seine Stadt. Heute ist sie unter dem Namen St. Petersburg bekannt, lockt jährlich gut fünf Millionen Touristen an und zählt inzwischen zu den zehn sehenswertesten Städten der Welt. Unter welchen widrigen Bedingungen der Zar dem Sumpf jedoch sein Stück Land abgerungen hat, das wissen nur die wenigsten.

Es ist schon etwas Besonderes, eine Stadt in einer Landschaft zu planen, die unwirtlicher nicht sein könnte. Einer Landschaft der jeder feste Boden in mühevoller Arbeit abgetrotzt werden will, die von sich aus keinerlei Lebensgrundlage bietet. Peters Visionen von seiner Stadt, sie sollten sich erfüllen. Menschen bewegen sich dort heute wie selbstverständlich auf befestigten Wegen, leben in prächtigen Häusern, gehen in prunkvolle Kirchen, fahren mit Autos auf den Straßen. Das glänzende St. Petersburg ist zweifellos eine Perle der Architektur.

Bauherren haben im Lauf der Zeit etwas Prächtiges, etwas Einzigartiges entstehen lassen. Mit welchen Mühen, unter welchen Qualen diese Stadt entstanden ist, davon handelt der große St. Petersburg-Roman von Martina Sahler Die Stadt des Zaren, erschienen im List-Verlag. Die Autorin erzählt darin vom Aufbruch in ein Abenteuer, zu dem Menschen aus allen Himmelsrichtungen anreisen, um das monumentale Vorhaben des Zaren Wirklichkeit werden zu lassen – Russlands Fenster zum Westen. Sie verwebt die Geschichte um die Gründung der Stadt mit fiktiven Handlungssträngen ihrer Protagonisten, die teils historisch belegt sowie frei erfunden sind.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht, neben Peter dem Großen natürlich und dessen Adlatus Fürst Alexander Menschikow, die deutsche Arztfamilie Albrecht, die dem Ruf des Zaren gefolgt ist, um ihr Schaffen in den Dienst des werdenden St. Petersburgs zu stellen. Dass sich schon bald die älteste Tochter in einen rechtschaffenen schwedischen Kriegsgefangenen verliebt, ist die logische Konsequenz, die sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht. Die weiteren Personen und deren Erlebnisse veranschaulichen das Vielvölkerkonglomerat, das die Baustelle St. Petersburg zum Leben erweckt.

Es wäre fahrlässig, den Roman mit den Augen der historischen Akribie eines Simon Sebag Montefiores (Die Romanows und Katharina die Große und Fürst Potemkin) betrachten zu wollen. Auch wenn Martina Sahler auf historische Unterlagen zurückgreifen konnte, erreicht deren Auswertung bei weitem nicht die tiefe Gründlichkeit eines Historikers. Dafür steht die fiktionale Handlung des Romans zu sehr im Vordergrund, was die Geschichte jedoch nicht weniger interessant und attraktiv gestaltet. Die Stadt des Zaren ist ein Buch, das in erster Linie unterhalten soll.

Diejenigen unter den Lesern, die St. Petersburg kennen oder zumindest schon einmal besucht haben, werden sich wiederfinden in den glamourösen Palästen und Kathedralen, die, wenngleich seinerzeit noch aus Holz errichtet, das künftige Stadtbild bereits prägen sollten. Vielleicht wird der eine oder andere bei einer Fahrt mit der Metro im Untergrund der heutigen Metropole an die Menschen denken, deren Schicksal eng mit der Stadt verbunden ist. An die Knochen der Leibeigenen und Kriegsgefangenen, denen diese ehrgeizige Baustelle das Leben kosten sollte.

Und selbst der unbedarfte Leser wird schnell erkennen, dass St. Petersburg weit mehr als nur eine Stadt von vielen ist – dass St. Petersburg etwas Besonderes ist.

Martina Sahler: Die Stadt des Zaren, List-Verlag 2017, 520 Seiten, ISBN: 978-3-471-35154-3

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.