Wo süffelt der Russe am meisten?

Foto: klimkin CC0 Public Domain via PixabayFoto: klimkin CC0 Public Domain via Pixabay
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Eine Studie hat sich mit den Trinkgewohnheiten der Russen auseinandergesetzt. Natürlich geht es – um Bier, Wodka und Alkoholika im Allgemeinen. Bewertet wurden dabei die Menge des konsumierten Alkohols, aber auch die zwangsläufig dadurch auftretenden Folgeschäden sowie im Suff begangene Straftaten. Das Ergebnis entspricht durchaus den gängigen Erwartungen und Klischees.

Rund drei Millionen Russen werden laut offiziellen Stellen momentan mit alkoholbedingten Krankheiten behandelt und das dürfte lediglich die Spitze des Eisbergs sein, auf der sich die Alkoholiker zuprosten. Mal Hand aufs Herz. Wo hätten Sie, so ganz spontan, gedacht, wäre der Alkoholkonsum in Russland am Höchsten? Sicherlich wäre Ihnen, rein intuitiv, der hohe Norden eingefallen, wo es lausig kalt ist und sich die Sonne jahreszeitlich überhaupt nicht mehr blicken lässt. Und Sie hätten damit, natürlich so rein intuitiv gesehen, auch vollkommen recht.

Der offenkundig versoffenste Punkt, wenn man so will, ist der Oblast Magadan. Ganz im Osten des Riesenlandes, geographisch betrachtet nicht mehr weit entfernt von der Behringstraße, die den amerikanischen Kontinent von dem Eurasischen trennt. Im Winter sind Konstanten von minus 25 Grad Celsius nichts Ungewöhnliches, über die Hälfte der Bewohner tummelt sich in der gleichnamigen Hauptstadt, in der knapp 100.000 Menschen leben, und zudem noch berühmt berüchtigt durch zahlreiche „Gulags“ aus vergangenen Sowjettagen ist – so darf man sich Magadan in etwa vorstellen.

Ernüchternde“ Zahlen

Gefolgt wird die „Säufermetropole“, laut öffentlich zugänglichen Quellen, von dem Autonomen Kreis der Tschuktschen. Hier im alleräußersten Nordosten Russlands steht man dann wirklich unmittelbar vor Kanadas Westgrenze. Das Klima ist rau im Ostsibirischen Bergland – der Jahresdurchschnitt liegt zwischen minus fünf und minus 10 Grad. Dass Tschukotka bei diesem Ranking nicht gleich der ersten Platz einnimmt ist vermutlich den Tatsachen zu verdanken, dass zum einen der Autonome Kreis mit 0,7 Bewohnern pro Quadratkilometer extrem dünn besiedelt ist und zum anderen keine größere Stadt vorhanden ist.

Die Gebiete, Kreise und Republiken Komi, Amur, Perm, Karelien, Burjatien und der Oblast Sachalin geben sich geradezu die Klinke in die Hand. Auch hier vertreten mehr als 44 Prozent Schluckspechte nahezu die Hälfte der Bevölkerung. Mit „nur“ rund 42 Prozent geben das Gebiet Nischnij Nowgorod sowie die Halbinsel Kamtschatka im Ochotischen Meer das Schlusslicht der Top-Ten der „Säufer-Erhebung“, die von der staatlichen Organisation „Тreswaja Rоssija“, zu deutsch: „Nüchternes Russland“, anhand von Daten für das Jahr 2015, offiziellen Quellen und amtlichen Statistiken erarbeitet wurde.

Es klingt erschreckend, wenn sich der prozentuale Anteil der alkoholisierten Masse in den genannten Gebieten von 42 bis gut 46 Prozent, also rund der Hälfte der Gesamtbevölkerung bewegt. Die Verkaufszahlen von Alkoholika untermauern diese Studie. Und was alles illegal in der Badewanne zuhause gebrannt wird, wird die ewige Grauzone sein. Außerdem will das eh niemand so recht wissen, was der Nachbar gerade treibt.

Dessen ist sich auch der russische Staat bewusst und schon seit längerem versucht man im Kreml diesem Problem Herr zu werden. Strenge Alkoholkontrollen auf Russlands Straßen und ein rigoroses nächtliches Verkaufsverbot für Alkoholika sollen die Besserung fördern. In russischen Läden bekommt man tatsächlich mittlerweile von 22.00 bis 10.00 Uhr nicht einmal mehr alkoholfreies Bier. Von einem generellen Alkoholverbot, beziehungsweise einer Abgabe gegen Bezugsschein, sieht man indes ab. Wozu das führt, konnte man in der Ära Gorbatschow sehen – die nationale Katastrophe bahnte sich damals an, das Volk war überfordert.

Aber nicht nur die Regionen mit dem höchsten Alkoholkonsum wurden von der Studie „Nationale Bewertung der Enthaltsamkeit der Menschen in der Russischen Föderation — 2016″ erfasst. Fernab von Kälte und Tristesse ist es nun amtlich, dass die geringsten Alkoholmengen in den wärmeren Regionen Russlands verkonsumiert werden. Hierbei übernimmt die Autonome Republik Tschetschenien die Führungsrolle der Nüchternheit. Die Republiken Inguschetien und Dagestan folgen dicht dahinter. Hier ist sicherlich auch der Aspekt ausschlaggebend, dass sich die Bewohner dieser Gebiete streng an die muslimischen Regeln halten.

Somit ist es also amtlich, dass durch das Klima auch der Alkoholkonsum beeinträchtigt wird. Zum Wohlsein.

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.