WM 2018: Klappern statt Tröööten

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Die akustische Beschallung von den Stadionrängen herab ist wahrscheinlich so alt, wie der Fußballsport selbst. Am Nachhaltigsten hat sich da wohl die Vuvuzela, die Tröte aus Südafrika, in die Köpfe, beziehungsweise Ohren, eingebrannt. In Russland setzt man bei ’seiner‘ WM hingegen auf geklapperte Tradition.

Es war schon eine Plage – das Nerv tötende Gequake dieser Kunststofftrichter mit eingebauter Membran, die das Trommelfell bis aufs Äußerste penetriert haben. Als Dreingabe beim Tanken, als Präsent für jeden gekauften Kasten TV-Werbungs-Bier, als Ramschartikel in jeder Kaufhaus-Fanecke, niemand entkam ihnen. Spätestens wenn wieder einmal ein Kind oder ein übermütiger, angeheiterter Erwachsener, ob nun Fußball-affin oder nicht, mit seiner Vuvuzela zur Schocktherapie blies, keimte bei vielen der Wunsch, dem Tröten ein jähes Ende zu bereiten und dem Angreifer das Instrument tief in den Hals zu schieben.

Aber nun ist Russland nicht Südafrika und Gott sei Dank steht zu erwarten, dass die Zeit der Martertröten endgültig vorbei ist. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 soll die traditionelle, und zugegeben nicht uninteressante, Variante des ‚Löffelspiels‘ zum Einsatz kommen. Die Instrumente die man dafür benötigt, finden sich in jeder Küchenschublade. Nicht nur im osteuropäischen Raum kennt man diese ‚musikalischen Löffel‘. Möglicherweise hat der eine oder andere schon einmal im Süden des deutschen Sprachraums einer spontanen ‚Löffelpolka‘ beiwohnen dürfen. Und wer würde nicht die Kastagnetten zum rassigen spanischen Flamenco vermissen.

In Russland ist das improvisierte Percussions-Instrument unter dem Namen ‚Loschki‚ bekannt. Die Löffel sind wie anno dazumal aus Holz geschnitzt und somit eigentlich ziemlich fragil beschaffen. Deshalb unterscheidet sich ein ‚Loschki‘ von einem gewöhnlichen Haushaltslöffel in der Auswahl des Holzes. Bevorzugt werden Ahorn und Birke verwendet, da diese Hölzer robust genug für den Dauereinsatz sind und zudem noch für den guten Ton sorgen. Erste Erwähnung findet das Spiel mit den Löffeln in Russland im 13. Jahrhundert. Ab dem 16. Jahrhundert gehörten die Löffel bereits zum festen Instrumentarium bei den Türken. Die häufigste Verbreitung vom Balkan bis zur Wolga dürfte in etwa um das 18. Jahrhundert gewesen sein.

Heute wird das ‚Löffelspiel‘ in Russland nur noch von Folklore-Ensembles aufgeführt. Stilvoll bis kitschig bemalt dienen die Löffel heute als beliebtes Mitbringsel bei Touristen. Darauf spielen werden sie wohl kaum, da die Handhabung schon ein wenig Fingerfertigkeit erfordert. Was also kann man tun, um abertausenden von Fußballfans das offizielle ‚WM-Begleitinstrument‘ schmackhaft zu machen? Die Lösung, so genial wie einfach, hätte auch dem deutschen Kaffeeladen mit den vielen Schnäppchen, die die Welt nicht braucht, entspringen können: Man nehme ein ausgehöhltes V-Stück aus Gummi und stecke die beiden Löffelenden hinein. Fertig ist das narrensichere WM-Instrument.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.