WM 2018: Droht eine Eskalation der Gewalt?

Foto: TV-Screenshot
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[Von Michael Barth] – Russische Hooligans hätten ein „Festival der Gewalt“ angekündigt, heißt es allerorts in den Medien. Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und Russland wäre dies eine Katastrophe. Droht tatsächlich ein Szenario voller Massenschlägereien auf den Nebenschauplätzen?

Aufgeschreckt durch eine Dokumentation des britischen TV-Senders „BBC“, beschäftigt seit gestern Abend diese Meldung sämtliche Fußball-News: „Russische Hooligans kündigen ein Festival der Gewalt an!“ Nicht, dass es zum ersten Mal geschehen würde, Russland durch derlei Äußerungen auch in sportlichen Belangen in Misskredit zu bringen. Jedoch sind die Bilder von der Europameisterschaft in Frankreich im vergangenem Jahr , bei der sich englische und russische Schlägertrupps regelmäßige Scharmützel in den Innenstädten lieferten, noch zu präsent, als dass sich eine derartige Warnung einfach in den Wind schießen ließe.

Wir erinnern uns nur allzu genau an das Kesseltreiben auf gegnerische Anhänger, an die massiven Gewaltexzesse vor und weitab der Stadien. Hauptsächlich waren seinerzeit englische und russische Hooligans an den Schlachten beteiligt. Wer sich sonst noch alles mit prügelte, galt als kaum vollwertig, fiel nicht weiter auf in dem erlauchten Pulk der „Altvorderen“. Russland und England mussten diese Gefechte unter sich ausmachen. Da galt ein Codex, wie man ihn unter den „erlebnisorientierten“ Fußballfans vermutlich nur noch selten findet. Es ist ein „Spiel“, bei dem es ohnehin weder Sieger noch Gewinner gibt. Das Schiedsrichtergespann stellt regelmäßig die Polizei.

Prügel-Party im eigenen Land

„Jeder von unserer Bewegung freut sich auf die WM in Russland. Man muss nicht reisen, um Spaß zu haben“, gibt ein russischer Hooligan vor der Kulisse des WM-Stadions in Rostow am Don freimütig im „BBC“-Interview zu. Offenbar seien englische Hooligans das auserkorene Objekt der Begierde, wie es sich mehrfach heraushören lässt. Freie Feldschlachten gegen die Briten seien „zu 100 Prozent garantiert“, lässt auch ein führendes Mitglied der Hooligan-Vereinigung „Orel Butchers“ die Öffentlichkeit schon über ein Jahr zuvor wissen. „Unsere Gegner sind natürlich die Engländer, weil sie die Urväter der Hooligan-Bewegung sind“, meint ein anderer. Beide Lager sind dafür bekannt, nicht viel Federlesen zu machen, sondern, meist aus tiefem Hass und hehrem Suff heraus, sofort zuzuschlagen.

Die „alten Hasen“ des Geschäfts unterweisen in der Zwischenzeit bereits die nächste Generation von Hooligans, diejenigen, auf die es 2018 für sie ankommt. Nachwuchsförderung, wenn man so will, die auch dem russischen Profifußball zur WM-Party im eigenen Land gut zu Gesicht stünde. Erschreckend, wie die Hooligan-Bewegung, kaum war sie etwas eingedämmt, an militärischer Disziplin gewann. Und eines ist sicher; „Russia’s Hooligan Army“ tritt garantiert nicht an, um Putins Wunsch an Peace, Love und Harmony zu erfüllen. „Wir hatten ungefähr alle einhundert Jahre Krieg, sagt einer der harten Truppe vor dem Derby Spartak-ZSKA in Moskau. „Wir sind die geborenen Krieger, das ist in unserem Blut und ich lade sie alle ein, zu uns zu kommen.“

Von Kriegern, Helden und Gladiatoren

Auch Vasily „der Killer“, ein Schrank von einem Mannsbild, ist an diesem Tag mit von der Partie. Einem Gladiatoren gleich, so der englische BBC-Kommentar, betritt er „seinen“ Block. Hier ist seine Bühne. Bereitwillig gibt er in der Kneipe neben dem Stadion für „BBC“ ein Interview. Er sei als ganz normaler Junge in Moskau aufgewachsen und ging ganz normal zur Schule, sagt er. Erzogen aber hätten ihn die Hooligans. Dann kommt er ins schwärmen und erzählt dem Interviewer romantische Geschichten von Adrenalin im Blut eines Hools und dass es mindestens so sei, als hätte er den Gipfel des Mount Everest erklommen. „Es ist wie ein Orgasmus, es ist fantastisch.“

Sie wären spezielle militärische Kräfte der Fußball-Hooligans und seien von Wladimir Putin nach Marseille geschickt worden, um Europa zu erobern, fabuliert Vasily. Angesichts seiner Statur wagt ihm jedoch niemand zu widersprechen. Er selbst bittet daraufhin um eine Pause, es sei ihm zu heikel darüber zu sprechen. Die „BBC“ zeigt stattdessen lieber Bilder von Prügelorgien in Russlands Straßen. Für den Reporter wurde unterdessen die Audienz bei Vasily beendet. Der 23-jährige Danila, ebenfalls Hooligan, trainiert derweil gezielt in einem Kampfsportstudio. Der russische Hooliganismus habe inzwischen ein viel höheres Niveau erreicht, so heißt es. Seine Frau Dascha ist stolz auf ihren Maxim.

Auf Geheiß Vasilys kommt Sascha ans „BBC“-Mikrofon, nicht ohne sich vorher eine Maske über das Gesicht zu ziehen. „Wir haben alle Familie und Kinder“, sagt er und brabbelt noch irgend etwas von modernen Gladiatoren. Dann ist auch dieses Interview beendet. Ein weiterer Versuch beginnt bei der Gruppe „Orel Butchers“, die in vorderster Front an den Geschehnissen in Frankreich beteiligt waren. Sie hätten sich damals von den Engländern provoziert gefühlt, sagen sie und präsentieren stolz ihre „Beute“ – den Union Jack. 2018 könne ihn die BBC wieder mit nach Hause nehmen, solange bleibe er in Orjol an der Oka. Sie denken gerne an die großen Schlägereien, die sie sich mit den Engländern lieferten, wenn welche nach Moskau kamen.

Das hart erkämpfte Wir-Gefühl

„Andere sammeln Briefmarken, andere gehen in den Bergen wandern“, sagt Denis aus Rostow, „wir kämpfen eben. Wir sehen darin nichts Schlechtes.“ Für ihn sei es besser als zu saufen, zu rauchen oder Drogen zu nehmen. Sie wollen beweisen, dass der russische Bär wieder erwacht ist und nichts mit Balalaikas und gewalkten Stiefeln zu tun haben will. Vor wichtigen Hooligan-Kämpfen gehe man zusammen in die Banja. Das schweiße zusammen, sowohl psychisch als auch körperlich. Selbst „privat“ stünden die Mitglieder der Gruppe fest zueinander. Man helfe sich gegenseitig, auch beim arbeiten oder babysitten, sagen sie stolz über sich selbst.

Am Tag des nächsten Kampfes darf die „BBC“ dann live dabei sein. Sie werden höflich gebeten, die Mobiltelefone auszuschalten, um nicht lokalisiert zu werden. Denis habe sich gut vorbereitet, sagt er, und extra noch ein paar Moves einstudiert. „Wenn du dich fürchtest, kannst du nicht kämpfen“, so sein Credo. Mit glänzenden Augen blickt Denis durch die Schlitze seiner Sturmmaske auf die Baustelle der Rostow-Arena. „Für einige ist es ein Festival des Fußballs, für andere ein Festival der Gewalt.

Ein russischer Radiosender stellte jüngst die berechtigte Frage, ob nicht auswärtige Fans von solchen Gewaltszenarien abgeschreckt werden könnten und gab die Antwort darauf gleich selber: „Es ist unmöglich zu sagen, dass sie (die russischen Hooligans) nicht kämpfen wollen.“ Wladimir Putin indes verspricht nach wie vor ein störungsfreies Turnier, „da gebe ich Ihnen mein Wort darauf!“ Schließlich wird es auch „seine“ Weltmeisterschaft sein, ein wahr gewordener Traum für ganz Russland. Auch der FIFA-Präsident Gianni Infantino sehe keine Besorgnis über Ärger und Gewalt im Land. Für ihn sei Russland ein gastfreundliches Land, das den Fußball feiert, so der Schweizer über den Gastgeber 2018.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.