Wissenschaftliche Zusammenarbeit überdauert alle politischen Turbulenzen

Es ist derzeit nicht an der Tagesordnung, dass deutsch-russische Projekte gefeiert werden. Um so erfreulicher ist es, dass sich zur gestrigen Festveranstaltung anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Moskauer Büros der deutschen Helmholtz Gemeinschaft in der russischen Hauptstadt Gratulanten von Rang und Namen eingefunden hatten, die dadurch zu verstehen gaben, dass die die Fortsetzung des Miteinander in Wissenschaft und Forschung unterstützen.

Dazu bekannte sich übrigens auch der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew, der in einem Grußschreiben die erfolgreiche Zusammenarbeit bei anspruchsvollen Forschungsthemen, wie auch bei Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuches würdigte. Der Berater für Bildung und Wissenschaft des russischen Präsidenten, Prof. Dr. Andrej Fursenko,  hob hervor, dass die Tätigkeit der Helmholtz-Gemeinschaft in der Russischen Föderation unmittelbar in der Tradition der großen Bedeutung stehe, die das deutsche Universalgenie für die Entwicklung von Medizin und Naturwissenschaften  in Russland hatte.

Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Russland, Rüdiger von Fritsch, bezeichnete die internationale Wissenschaftskooperation als einen wesentlichen Faktor bei der Meisterung der Herausfordungen, vor denen die Welt heute steht. Das erfolgreiche gemeinsame Wirken deutscher und russischer Forscher im Rahmen der Helmholtz-Gemeinschaft sei dafür ein eindrucksvoller Beleg.  Auch die Bundestagsabgeordneten WolfgangGehrcke, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Partei DIE LINKE und Dr. Philipp Lengsfeld (CDU), würdigten gegenüber russland.RU die deutsch-russische Wissenschaftskooperation am Beispiel der Helmholtz-Gemeinschaft als Vorbild für die Rückkehr zu einem sachbezogenen Miteinander auf allen Gebieten.

Helmholtz-Präsident Prof. Dr. Jürgen Mlynek betonte, dass trotz der gegenwärtigen Krise in den Beziehungen beider Länder die Kooperationen zwischen deutschen und russischen Forschungseinrichtungen so vielfältig wie nie zuvor seien. „Der Dialog zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder ist wichtiger denn je“, unterstrich Mlynek. „Unsere Hoffnung ist, dass Wissenschaft Brücken bauen kann.“

Die Helmholtz-Repräsentanz in Moskau wurde am 07. Februar 2005 eröffnet. Ziel der Gemeinschaft und ihrer Mitgliedzentren war, die damals bereits bestehenden gemeinsamen Projekte weiter auszubauen. Zehn Jahre später erstreckt sich die Zusammenarbeit fast über das gesamte Spektrum der Natur- und Lebenswissenschaften. Besonderes Merkmal ist der gemeinsame Bau und Betrieb internationaler Großgeräte, zum Beispiel beim European XFEL in Hamburg oder dem FAIR-Projekt in Darmstadt. Bei beiden Projekten sind Deutschland und Russland jeweils die größten Anteilseigner. Russland beteiligt sich daran mit 0,5 Mrd. Euro, das sind 20 Prozent der gesamten russischen Investitionen in gemeinsame Forschungsprojekte mit EU-Staaten.

Um dieser Zusammenarbeit auch in Zukunft konkrete Inhalte zu geben, unterzeichnete Helmholtz-Präsident Mlynek im Rahmen der Festveranstaltung mit Vertretern des Russischen Wissenschaftsfonds einen Letter of Intent zur weiteren Zusammenarbeit sowie ein Memorandum of Understanding mit dem Nationalen Forschungszentrum „Kurchatov-Institut“.

Große Aufmerksamkeit widmet die Helmholtz-Gemeinschaft der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuches in Deutschland und Russland. So finanziert sie über ihren Impuls- und Vernetzungsfonds das FAIR-Russia-Research Centre sowie sogenannte Helmholtz-Russia Joint Research Groups, in denen deutsche und russische Jungforscher gemeinsam an relevanten Forschungsthemen arbeiten.

“Bei uns laufen seit einigen Jahren Fellowship-Programme zu Klima-Forschungsprojekten im Rahmen eines Master-Studienganges, bei denen die Teilnehmer jeweils ein Jahr in Deutschland und Russland ausgebildet werden. Auch an unseren Arktis-Expeditionen nehmen junge Forscher aus beiden Ländern teil“, konkretisiert Prof. Dr. Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, diese Form der Zusammenarbeit.

Im Jubiläumsjahr kommen zwei besondere Formen der Nachwuchsförderung hinzu: zum einen ein russlandweiter Wettbewerb, bei dem Schüler sich mit dem Werk von Hermann von Helmholtz befassen und es künstlerisch verarbeiten können.

Zum anderen wurde gestern, ebenfalls in Anwesenheit der deutschen Gäste im Pavillon 26 des Allrussischen Ausstellungszentrums WDNCH die interaktive Ausstellung „Ideen 2020“ eröffnet, ein gemeinsames Projekt der Helmholtz-Gemeinschaft und des Polytechnischen Museums Moskau zu den Themen „Leben in Großstädten“, das „Internet der Zukunft“, „Innovative Technologien“, „Alternative Energien“, „Bio-Brennstoff“, „Medizin“ und „Langes Leben“.  Die Exposition wird, außer in Moskau, bis Juni in drei weiteren russischen Städten Station machen.

“Wir sehen unsere gemeinsame soziale Mission vor allem in der Heranbildung einer neuen Generation von Forschern und Wissenschaftlern“, erklärte Jelena Jerjomenko, die Leiterin des Moskauer Büros der Helmholtz-Gemeinschaft im Gespräch mit unserer Zeitung. „In den zehn Jahren unserer Arbeit in Moskau entwickelte sich eine langfristige strategische Partnerschaft. In unseren Großprojekten arbeiten junge Wissenschaftler und Nobelpreisträger Hand in Hand.

Ich bin überzeugt, dass die in dieser Zeit entstandene vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht nur alle Turbulenzen der großen Politik übersteht, sondern auch eine fruchtbare Basis ist für neue bahnbrechende deutsch-russische Projekte in der Bildung, Wissenschaft und Forschung.“

Hartmut Hübner/russland.RU

 

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.