Wir wollen nach Hause, aber nicht in diese Ukraine

Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko besuchen in Tagangrog im Flüchtlingslager für Menschen aus Donbass eine Schule
image_pdfimage_print

[Von Michael Schlick – Tagangrog] Es ist eigentlich ein Ort, an dem man Urlaub macht. Das Ferienlager in Tagangrog, direkt am Asowschen Meer gelegen, erfüllt in diesen Tagen einen anderen, wesentlich traurigeren Zweck. Im Sommer nämlich, als hundertausende Menschen aus dem Donbass vor dem Bürgerkrieg geflohen sind, wurde die Anlage von der Bezirksregierung kurzerhand zum Flüchtlingslager umfunktioniert. Über 600000 Ostukrainer, überwiegend Frauen und Kinder, suchten Schutz im Nachbarland. Und Russland gab und gibt sich alle Mühe, den Nachbarn den unfreiwilligen Aufenthalt so erträglich wie möglich zu gestalten.

Über die Zustände in der Einrichtung konnten sich Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko in dieser Woche vor Ort ein Bild machen und mit den Flüchtlingen ins Gespräch kommen. Gespräche, die nachdenklich machten und bedrückten. Die Versorgung der Menschen ist vorbildlich, die Kinder aus Donezk und Lugansk lernen zusammen mit dem einheimischen Nachwuchs in der nahegelegenen Schule. Bei Bedarf werden sie psychologisch betreut. Und dieser Bedarf ist leider viel zu häufig da. Etliche dieser Kinder, aber auch ihre Mütter haben Schreckliches gesehen und erlebt, viele sind traumatisiert und brauchen daher diese professionelle Hilfe. „Unser Hof wurde in der Nacht von der ukrainischen Armee mit Granaten beschossen, wir konnten gerade noch flüchten“, erzählt Natalia, die mit ihrer kleinen Tochter ein Zimmer im Flüchtlingsheim bewohnt. Sie weint bei Ihren Ausführungen, ihr fehlt ihr Mann, der als Kommandeur in den Volksmilizen kämpfte. „Vor ein paar Wochen ist er getötet worden, heute wäre er 47 geworden“, sagt die junge Frau.

Ljuba, die mit ihrem Enkel das Nachbarzimmer bewohnt, ist ebenfalls verzweifelt. „Sehen Sie mich an! Sehe ich aus wie eine Terroristin“, fragt die Frau aus Donezk die beiden Linkenpolitiker in Anspielung auf die offizielle Lesart der Kiewer Regierung, die im Kampf gegen die Rebellen im Donezkbecken einen Anti-Terroreinsatz sieht. „Die Kiewer haben uns unser Land weggenommen. Sie haben uns überfallen und nicht wir sie“, schimpft Ljuba. Auf die Frage von Wolfgang Gehrcke, ob sie denn gerne zurückkehren würde, antwortet sie vielsagend: „In meine Heimat würde ich gerne zurückkehren, aber nicht in diese Ukraine.“

Der Hass sitzt tief bei den etwa 1000 Flüchtlingen in Tagangrog. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir noch einmal in einem Staat zusammenleben. Die Kiewer führen Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Häuser wurden geplündert, Frauen vergewaltigt. Was sind das nur für Menschen? Das kann niemals verziehen werden“, sagt Irina, die mit ihren beiden Kindern ans asowsche Meer geflüchtet ist. Auch wenn die Fürsorge der russischen Gastgeber über vieles hinweghilft, die Heimat fehlt eben. Dorthin zurückzukehren ist für die meisten Flüchtlinge nahezu unmöglich. Seit dem Minsker Abkommen haben die Kampfhandlungen zwar nachgelassen, denn jeden Tag sterben mehrere Menschen durch Granateinschläge oder Gewehrfeuer. Ausserdem ist die humanitäre Situation mehr als prekär. Renten zahlt die Kiewer Regierung schon seit längerer Zeit nicht mehr, Lebensmittel kommen kaum noch an, die Versorgung mit Strom und Gas ist katastrophal, berichten die Flüchtlinge, mit denen Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko ins Gespräch kommen. Dramatisch gestaltet sich die Lage in vielen Krankenhäusern. Es fehlt am Nötigsten. „Ich kenne ein Kinderkrankenhaus in Donezk, in dem sich eine Katastrophe anbahnt. Es gibt kaum noch Medikamente, Kinder sterben, weil sie nicht richtig versorgt werden können“, erzählt Ira vom Flüchtlingskommitee des Lagers. Die Reaktion der Bundestagsabgeordneten: Zurück in Deutschland wollen sie sofort eine große Spendenaktion starten. Mit dem Geld sollen die dringen benötigten Arzneien gekauft und schnellstmöglich in besagtes Donezker Kinderkrankenhaus gebracht werden.

Was hier völlig fehlt, ist Hilfe aus Westeuropa, wir sind hier völlig auf uns allein gestellt, sagt ein Mitarbeiter der Rostower Bezirksregierung. Mit gutem Beispiel voran gegangen sind von Anfang an die Rostower Kommunisten. Sie initiierten die erste Hilfslieferungen ins Krisengebiet. lange bevor sich medienwirksam die Großkonvois der Moskauer Zentralregierung auf den Weg ins Nachbarland gemacht haben. Für Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko stand natürlich auch der Besuch bei den russischen Genossen auf dem Programm. Was sie im vollbesetzten Veranstaltungsraum der Rostower KP zu hören bekamen, stimmte die Berliner Parlamentarier nachdenklich. Wer dachte, die KP sei im politischen System Russlands voll etabliert und anerkannt, der täuscht sich. Von kleineren Nickligkeiten bis zu ernsthaften Schickanen reiche das Spektrum der Staatsmacht gegen die KP. Lupenreine Demokratie sieht anders aus.