Wildberries unter Beschuss – Russlands größter Onlinehändler kämpft um sein Logistikmodell

Die ukrainischen Drohnenangriffe auf Lagerhäuser des russischen Onlinehändlers Wildberries treffen nicht nur einzelne Gebäude. Sie gefährden das Geschäftsmodell, mit dem das Unternehmen zum beherrschenden Marktplatz des russischen Onlinehandels aufgestiegen ist.

Innerhalb einer Woche wurden nach Recherchen des russischen Wirtschaftsdienstes The Bell mindestens sieben große Lager- und Logistikkomplexe schwer beschädigt oder zeitweise außer Betrieb gesetzt. Betroffen waren Standorte in Elektrostal bei Moskau, Kotowsk, Krasnodar, Newinnomyssk, St. Petersburg, Twer und Simferopol.

Bei den Angriffen kamen mindestens neun Menschen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Besonders folgenreich war der erste Angriff in der Nacht zum 18. Juli auf Elektrostal und Kotowsk. Allein dort starben acht Beschäftigte, mehr als 80 Menschen wurden verletzt.

Wildberries teilte inzwischen mit, mehr als 40 Millionen Rubel an Verletzte und Angehörige der Getöteten gezahlt zu haben. Die ersten Überweisungen seien am 21. Juli erfolgt. Über die Höhe der Schäden an Gebäuden und eingelagerten Waren machte das Unternehmen bislang keine vollständigen Angaben.

Die Stärke wird zur Schwachstelle

Nach Berechnungen von The Bell fielen durch die Angriffe mehr als 700.000 Quadratmeter Lagerfläche aus. Ende 2025 verfügte Wildberries insgesamt über rund 5,2 Millionen Quadratmeter logistischer Infrastruktur. Andere Schätzungen gehen von etwas niedrigeren Ausfällen aus. Damit wurden innerhalb weniger Tage mindestens zehn Prozent der Kapazitäten des Unternehmens getroffen.

Entscheidend ist jedoch nicht nur die Fläche. Unter den beschädigten Standorten befinden sich große regionale Verteilzentren, die Moskau und Zentralrussland, den Nordwesten sowie den Süden des Landes versorgen. Gerade dort konzentriert Wildberries die Waren Hunderttausender Händler.

Das Unternehmen betreibt nach eigenen Angaben mehr als 200 Logistikstandorte. Das Rückgrat des Systems bilden jedoch nur etwa 25 große sogenannte Fulfillment-Zentren. In ihnen werden die Waren der Händler gelagert, Bestellungen zusammengestellt, verpackt und anschließend an die Abholstationen oder Kunden ausgeliefert. Die zahlreichen kleineren Sortierzentren können diese Lager nur begrenzt ersetzen.

Die Konzentration der Waren in riesigen Hallen bildete bislang den wichtigsten Wettbewerbsvorteil des Unternehmens. Sie ermöglicht kurze Lieferzeiten, hohe Umschlagszahlen und niedrige Kosten je Bestellung. Nun erweisen sich dieselben Zentren als große, kaum zu schützende Ziele.

Händler tragen einen Teil des Risikos

Die meisten Verkäufer arbeiten bei Wildberries nach dem Modell „Fulfillment by Operator“. Sie liefern ihre Waren an den Marktplatz, der anschließend Lagerung, Verpackung, Versand und Rücksendungen übernimmt. Dafür zahlen die Händler Gebühren, erhalten im Gegenzug aber schnellere Lieferzeiten und eine bessere Platzierung ihrer Produkte in den Empfehlungssystemen.

Nach dem Ausfall mehrerer Zentren muss Wildberries Warenströme auf andere Lager und kleinere Sortieranlagen verteilen. Unternehmensgründerin Tatjana Kim erklärte, Tausende Standorte würden in die Umstrukturierung einbezogen, um Verzögerungen möglichst gering zu halten.

Teilweise dürfte Wildberries auf das Modell „Fulfillment by Seller“ ausweichen. Dabei lagert der Händler seine Produkte selbst und übergibt sie erst nach einer Bestellung an den Marktplatz. Doch viele kleinere Anbieter besitzen keine eigenen Lager. Zudem verlängern sich die Lieferzeiten, während die Kosten steigen.

Wie groß das Risiko für die Verkäufer ist, zeigen erste Zahlen aus Kasachstan. Der dortige Unternehmerverband Atameken beziffert den Schaden kasachischer Wildberries-Händler vorläufig auf mehr als eine Milliarde Tenge. Eine Verkäufervereinigung spricht sogar von mehr als 1,5 Milliarden Tenge allein zum Einkaufspreis der verlorenen Waren.

Ob und in welchem Umfang Wildberries diese Schäden ersetzt, ist noch nicht abschließend geklärt. Das Unternehmen hat Unterstützungsmaßnahmen angekündigt, aber bislang keine Gesamtsumme für die Entschädigung der Händler genannt.

Der Staat beobachtet – und wartet

Die russische Regierung prüft inzwischen mögliche Hilfen für Wildberries und die betroffenen Verkäufer. Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen, erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Er lobte zugleich die Bereitschaft des Unternehmens, Händler freiwillig zu unterstützen.

Die zentrale Frage lautet nun, ob die Verkäufer dem Marktplatz weiterhin große Warenbestände anvertrauen. Solange neue Angriffe möglich sind und der Versicherungsschutz der Lager unklar bleibt, wächst für sie das Risiko, neben den Waren auch ihr Betriebskapital zu verlieren.

Wildberries dürfte einzelne Lagerausfälle auffangen können. Schwieriger wäre eine dauerhafte Verlagerung der Händler auf eigene Lager oder konkurrierende Plattformen. Denn das Unternehmen lebt von der Größe seines Angebots, dem schnellen Warenumschlag und der engen Bindung der Verkäufer an seine Logistik.

Der ukrainische Drohnenkrieg trifft damit erstmals einen für den russischen Alltag zentralen zivilen Wirtschaftskomplex. Wildberries wickelt einen erheblichen Teil des russischen Onlinehandels und Schätzungen zufolge bis zu zehn Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes ab. Die Angriffe bringen den Krieg nicht nur in die Lieferketten – sie machen sichtbar, wie verwundbar eine Wirtschaft wird, wenn ihre Effizienz auf wenigen riesigen Knotenpunkten beruht.

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