Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat Pawel Durow offiziell der Unterstützung terroristischer Aktivitäten beschuldigt. Auslöser ist nach Darstellung der Behörde die Nutzung von Telegram-Kanälen und eines populären Datingbots durch ukrainische Geheimdienste. Während Moskau eine internationale Fahndung vorbereitet, antwortete Telegram mit einer obszönen Geste. An der Börse profitiert ausgerechnet Durows frühere Gründung VK.
Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen dem russischen Staat und Telegram-Gründer Pawel Durow hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Der FSB teilte am Mittwoch mit, gegen den Unternehmer sei nach Teil 1.1 des Artikels 205.1 des russischen Strafgesetzbuches Anklage wegen „Unterstützung terroristischer Aktivitäten“ erhoben worden.
Durow soll nach Angaben des Geheimdienstes international zur Fahndung ausgeschrieben werden. Beim genauen Stand des Verfahrens widersprachen sich russische Meldungen allerdings zunächst: Während zahlreiche Medien berichteten, die internationale Fahndung sei bereits erfolgt, hieß es später unter Berufung auf den FSB, das dafür notwendige Verfahren sei erst eingeleitet worden. In der öffentlich einsehbaren Datenbank von Interpol war Durow zunächst nicht aufgeführt.
Im Zentrum der Vorwürfe stehen Telegram-Kanäle und Chatbots, über die nach Darstellung des FSB Anschläge und Sabotageakte in Russland vorbereitet worden sein sollen. Besonders hervorgehoben wurde der bei Jugendlichen beliebte Datingbot „Daiwintschik/Leo“. Ukrainische Geheimdienste hätten dort unter falschen weiblichen Identitäten Kontakt zu jungen Russen aufgenommen und diese anschließend zu Brandstiftungen, Anschlägen und anderen Straftaten bewegt.
Nach Angaben der russischen Behörden wurden innerhalb eines Jahres 46 Menschen im Alter zwischen zwölf und 22 Jahren festgenommen, die über den Dienst angeworben worden sein sollen. Der Ermittlungsausschuss kündigte an, eine Sperrung des Datingbots zu veranlassen. Ob und in welchem Umfang die genannten Fälle tatsächlich unmittelbar mit Handlungen der Telegram-Unternehmensleitung verbunden werden können, geht aus den Mitteilungen der Ermittler nicht hervor.
Der FSB wirft der Plattform vor, wiederholt Aufforderungen zur Löschung von Kanälen, Chats und Bots ignoriert zu haben, die von ukrainischen Diensten sowie von terroristischen und extremistischen Organisationen genutzt würden. Damit wird Durow nicht eine persönliche Beteiligung an einzelnen Anschlagsplänen vorgeworfen. Die Anklage konstruiert vielmehr eine strafrechtliche Verantwortung des Plattformbetreibers für dessen angeblich unzureichendes Eingreifen. Bei einer Verurteilung droht ihm eine langjährige Haftstrafe, unter bestimmten Voraussetzungen sogar lebenslange Haft.
Bereits im Februar hatten russische Medien über ein entsprechendes Verfahren berichtet. Durow bezeichnete die damaligen Vorwürfe als Vorwand, um Telegram zu kontrollieren und das Recht der Russen auf Privatsphäre und freie Meinungsäußerung einzuschränken. Eine offizielle Bestätigung des Strafverfahrens durch die Behörden stand damals noch aus.
Auf die jetzige Mitteilung reagierte Telegram ausgesprochen unkonventionell. Über den offiziellen Account des Unternehmens auf der Plattform X wurde ein Bild veröffentlicht, auf dem Durow Moskau den ausgestreckten Mittelfinger zeigt. Eine ausführliche Stellungnahme zu den konkreten Anschuldigungen lag zunächst nicht vor. Reuters wertete die Veröffentlichung als direkte Antwort des Unternehmens auf die FSB-Erklärung.
Durow lebt in Dubai und besitzt unter anderem die französische und die emiratische Staatsbürgerschaft. Ob eine russische Fahndung zu seiner Festnahme oder Auslieferung führen könnte, ist fraglich. Für einen internationalen Haftbefehl müsste Russland weitere gerichtliche Schritte einleiten. Zudem prüfen Interpol und die jeweiligen nationalen Behörden, ob ein Fahndungsersuchen möglicherweise politisch motiviert ist.
Auch in Frankreich wird gegen Durow ermittelt. Dort geht es ebenfalls um die Frage, inwieweit Telegram beziehungsweise sein Gründer für kriminelle Aktivitäten von Nutzern verantwortlich gemacht werden können. Durow war im August 2024 bei seiner Ankunft am Pariser Flughafen Le Bourget festgenommen und später gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro freigelassen worden. Die französischen Vorwürfe betreffen unter anderem illegale Transaktionen, Drogenhandel, Kindesmissbrauchsdarstellungen und die mangelnde Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden.
Die russische Anklage fällt zugleich in eine Phase, in der Moskau den Zugang zu Telegram technisch stark eingeschränkt hat und den staatlich geförderten Messenger Max als kontrollierbare Alternative aufbaut. Das Verhältnis des Staates zu Telegram bleibt dennoch widersprüchlich: Russische Ministerien, regionale Behörden, Militärblogger und selbst der Kreml nutzen den Dienst weiterhin zur Verbreitung ihrer Mitteilungen.
Für einen bemerkenswerten Begleiteffekt sorgte die Moskauer Börse. Die Aktien des russischen Internetkonzerns VK stiegen zeitweise um 4,7 Prozent auf 148,15 Rubel. Händler verbanden den Kursanstieg mit der Erwartung, VK könne von einer weiteren Verdrängung Telegrams profitieren. Mit Durow selbst hat der heutige Konzern allerdings nichts mehr zu tun: Er gründete das Netzwerk VKontakte zwar 2006, verlor jedoch 2014 die Kontrolle über das Unternehmen und verließ anschließend Russland.
Damit wird die Entwicklung um Durow auch wirtschaftlich als Signal verstanden: Nicht nur der Telegram-Gründer gerät unter Druck – zugleich verbessern sich die Aussichten für jene russischen Plattformen, die sich innerhalb der staatlich kontrollierten Digitalordnung bewegen. Die Börse hat diese mögliche Verschiebung schneller eingepreist als die Politik sie bislang ausgesprochen hat.

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