Wenn der Bär ins Dorf kommt

Wenn der Bär ins Dorf kommt

Eine getötete Rentnerin, gesperrte Wanderwege und Hunderte abgeschossene Tiere: In Teilen Sibiriens werden Begegnungen mit Bären zum akuten Problem. Das russische Umweltministerium sieht dennoch keinen außergewöhnlichen landesweiten Anstieg der Angriffe. Über Ursachen und Gegenmaßnahmen wird gestritten.

In der Region Krasnojarsk ist in der Nacht zum Mittwoch eine Rentnerin von einem Bären angegriffen und getötet worden. Der tödliche Vorfall fällt in eine Zeit, in der mehrere Regionen im Osten Russlands auf gefährliche Begegnungen mit den Tieren reagieren. Im Gebiet Irkutsk und in Burjatien wurden Schulen auf Fernunterricht umgestellt, touristische Wege geschlossen und Waldbesuche eingeschränkt. In beiden Regionen zusammen wurden nach Angaben von Kommersant bereits mehr als 300 Bären getötet.

Das föderale Umweltministerium hält die landesweite Lage gleichwohl nicht für außergewöhnlich. Üblicherweise würden jährlich etwa 20 bis 30 Angriffe auf Menschen registriert. Für 2025 nennt das Ministerium 34 Fälle, für 2024 waren es 19. Ein deutlicher Ausreißer sei 2014 mit 166 Angriffen gewesen. Den Eindruck einer aktuellen Häufung führt die Behörde auch auf die schnelle Verbreitung von Meldungen in sozialen Netzwerken zurück. Eine Gesamtzahl für das laufende Jahr wird in den Berichten allerdings nicht genannt.

Auf einer Fachkonferenz am Mittwoch klang die Bewertung dringlicher. Tatjana Aramiljewa, zuständige Abteilungsleiterin im Umweltministerium, erklärte, die Bärenbestände hätten sich innerhalb von 15 Jahren nahezu verdoppelt. Zugleich fehle es an natürlicher Nahrung. Nach ihren Angaben gibt es im Föderalbezirk Sibirien erhebliche Ausfälle bei Zirbelnüssen, Haselnüssen, Beeren und Pilzen. Dadurch könnten die Tiere vor der Winterruhe nicht ausreichend Nahrung finden.

Hinzu kommen vom Menschen geschaffene Futterquellen. Das Ministerium nennt illegale Müllkippen, zugängliche Abfallbehälter und die gezielte Fütterung wildlebender Tiere als Gründe dafür, dass Bären Siedlungen aufsuchen. Zoologen betonen ebenfalls die Bedeutung von Abfällen: Tiere, die dort Nahrung finden, verändern ihr Verhalten und suchen zunehmend die Nähe menschlicher Behausungen.

Über die Konsequenzen herrscht weniger Einigkeit. Vertreter des Ministeriums plädieren für eine stärkere Regulierung der Bestände durch Abschüsse. Jäger kritisieren ihrerseits Quoten und die auf 30 Tage begrenzte Gültigkeit von Genehmigungen. Sie wollen Bären während der gesamten Jagdsaison bejagen dürfen. Aramiljewa sprach auf der Konferenz von zuletzt 400 getöteten aggressiven Bären in den Regionen; Zeitraum und genaue geografische Abgrenzung dieser Angabe bleiben im Bericht offen.

Das Umweltministerium sammelt inzwischen Vorschläge der Regionen für Änderungen am Jagdrecht. Zugleich verweist es auf bereits vorhandene Handlungsmöglichkeiten und die Verantwortung der regionalen Behörden, Angriffen vorzubeugen. Dazu gehöre insbesondere, den Zugang zu Lebensmittelabfällen zu unterbinden.

Eine landesweit unauffällige Statistik und eine örtlich gefährliche Lage schließen sich nicht aus. Für Bewohner betroffener Dörfer entscheidet sich die Sicherheit daran, ob Tiere von Häusern, Schulwegen und Abfällen ferngehalten werden können. Dass das Ministerium keinen außergewöhnlichen Anstieg erkennt, beantwortet diese praktische Frage noch nicht.

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