Von Rosstat bis zur Kühltruhe: Cyberangriffe treffen den Alltag

Russlands Statistikbehörde meldet einen Hackerangriff, gefälschte Warnungen vor einem Atomschlag erreichen Nutzer der russischen Katastrophenschutz-App, und in europäischen Supermärkten fallen Kühlanlagen aus. Die Vorfälle zeigen unterschiedliche Formen digitaler Verwundbarkeit. Ein gemeinsamer Urheber ist bislang nicht nachgewiesen.

Zunächst traf es die russische Statistikbehörde Rosstat. In der Nacht zum 1. November erschienen auf ihrer Internetseite und auf regionalen Unterseiten Botschaften in belarussischer Sprache sowie die Logos der Hackergruppen „Cyberpartisanen BY“ und Silent Crow. Eine der Botschaften kündigte an, niemand werde der Verantwortung entgehen. Rosstat bestätigte gezielte Angriffe auf seine Informationsressourcen zwischen dem 29. Oktober und dem 1. November.

Wie tief die Angreifer in die Systeme eindrangen, bleibt umstritten. Silent Crow behauptet, rund 23 Terabyte Daten kopiert zu haben, darunter interne Dokumente, Datenbanken und Informationen über russische Verluste im Krieg gegen die Ukraine. Die Gruppe erklärte zudem, interne IT-Infrastruktur zerstört zu haben. Rosstat widersprach: Eine Kompromittierung von Datenbanken oder ein Abfluss gesetzlich geschützter Informationen sei nicht festgestellt worden. Unabhängig bestätigt sind die weitreichenden Behauptungen der Hacker bislang nicht.

Die behauptete Beute wäre politisch brisant. Nach Angaben der Moscow Times veröffentlicht Rosstat seit 2024 seine jährliche Todesursachenstatistik nicht mehr. Solche Angaben könnten helfen, die demografischen Folgen des Krieges einzuschätzen. Ob die Angreifer tatsächlich belastbare, bislang unveröffentlichte Informationen besitzen, lässt sich aus dem sichtbaren Einbruch in die Internetseite jedoch nicht ableiten.

In der folgenden Nacht richtete sich ein weiterer Angriff gegen einen Dienst, dessen Glaubwürdigkeit im Ernstfall unmittelbar zählt: die App des russischen Katastrophenschutzministeriums MSchS. Nutzer erhielten gefälschte Meldungen über angeblich gestartete nukleare Sprengköpfe. Entsprechende Nachrichten erschienen auch in regionalen Behördenkanälen. Laut Ministerium erreichte die Falschmeldung 33 Regionen.

Das MSchS teilte mit, angegriffen worden sei die Administrationsoberfläche der App. Gegen 2.45 Uhr Moskauer Zeit am 2. November hätten die Täter die Falschmeldung versandt. Nach den ersten Meldungen seien betroffene Dienste vom Netz getrennt und isoliert worden. Falsche Mitteilungen in Kanälen des staatlichen Katastrophenschutzsystems im Messenger Max wurden gelöscht. Die ausgenutzte Schwachstelle sei identifiziert worden.

Zugleich betonte das Ministerium, die grundlegende Warninfrastruktur mit Sirenen, Lautsprechern, SMS sowie Rundfunk- und Fernsehdurchsagen arbeite regulär. Die App sei lediglich ein zusätzlicher Informationsdienst. Ihre vollständige Wiederherstellung kündigte die Behörde für den Tagesverlauf an.

Bereits am Abend des 1. November war auch die ukrainische App „Luftalarm“ angegriffen worden. Über sie wurden falsche Warnungen unter anderem vor Strahlung, chemischen Gefahren und Straßenkämpfen verbreitet. Nach Angaben der Entwickler wurden Benachrichtigungen vorübergehend abgeschaltet; am Montag waren Funktionen teilweise wieder verfügbar. Die zeitliche Nähe zum russischen Vorfall ist auffällig, beweist aber weder eine koordinierte Aktion noch einen Vergeltungsangriff.

Während Behörden die falschen Warnungen korrigierten, mussten Händler in mehreren europäischen Ländern Lebensmittel aus ihren Kühlregalen räumen. In der Nacht zum 2. November waren Kühl- und Gefrieranlagen manipuliert worden. Betroffen waren unter anderem Supermärkte in Belgien und Schweden; weitere Vorfälle wurden aus Luxemburg und anderen Ländern gemeldet.

Allein in Belgien berichtete Delhaize von rund 40 betroffenen Filialen. Auch bei Carrefour und Spar traten Störungen auf. Nach Angaben des Kühltechnik-Dienstleisters Sabcobel wurden Anlagen aus der Ferne in den Abtaumodus versetzt. Aus einzelnen schwedischen Geschäften kamen Berichte über Temperaturen beziehungsweise Einstellungen von bis zu 50 Grad. Während Dienstleister und einzelne Händler von Hackerangriffen sprachen, bezeichneten andere Unternehmen das Geschehen zunächst zurückhaltender als IT-Vorfall.

Die Vorfälle erinnern an Angriffe auf Kühlanlagen französischer Supermärkte im Oktober. Nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft gegenüber dem Fachmedium The Record gab es damals rund 700 Betroffene. Auch für die neue Serie war zunächst keine öffentlich bekannte Verantwortungsübernahme dokumentiert. Ob dieselben Täter hinter beiden Serien stehen, ist offen. Für einen Zusammenhang mit den Angriffen auf russische Behörden liegen in den ausgewerteten Berichten ebenfalls keine Belege vor.

Dennoch lassen sich die Ereignisse gemeinsam betrachten: Bei Rosstat geht es um die Sicherheit staatlicher Daten und die Glaubwürdigkeit der Auskunft über deren Schutz. Bei Warn-Apps geht es um das Vertrauen in Meldungen, nach denen Menschen ihr Verhalten ausrichten sollen. Bei Kühlanlagen wird eine digitale Manipulation unmittelbar zum materiellen Schaden. Gerade die Unterschiede zeigen, wie weit die Folgen von Cyberangriffen reichen können – von umstrittenen Datenbeständen über falschen Alarm bis zu verdorbenen Lebensmitteln.

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