Von Enten und Grizzlies im Cyberkrieg

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[Von Michael Barth] – Eine Zeitungsente rüttelt am Sicherheitsbewusstsein einer ganzen Nation. Politiker lassen sich zu gewagten Äußerungen hinreißen und die Verunsicherung nimmt unter der Bevölkerung beängstigende Formen an. Wird nun bald der nationale Notstand ausgerufen?

Was sich liest wie ein Kapitel aus einer Lektüre von George Orwell, findet zur Zeit tatsächlich statt. Die Vereinigten Staaten von Amerika, insbesondere der Bundesstaat Vermont, haben ein virtuelles Sicherheitsproblem. Dass sich dieses Szenario ausgerechnet in den, derzeit politisch in der öffentlichen Wahrnehmung vor sich hin bröckelnden, USA abspielt, mag einer Realsatire gleichkommen. Vorbei die Zeiten in denen man jenseits des Atlantiks in Selbstherrlichkeit schier zerging. Der selbsternannte Weltpolizist ist angeschlagen und wird bereits angezählt. Wer nun glaubt, die Rückkehr auf den harten Bretterboden der Realität wirke heilsam im Angesicht der kritischen Weltenlage, der sieht sich getäuscht. Die Reaktionen gleichen denen eines waidwunden Tieres, das nurmehr blind um sich beißt.

Als Auslöser der momentanen Misere in amerikanischen Sicherheitskreisen war ein Artikel der „Washington Post“ vom 1. Januar diesen Jahres. Da schien es klar wie Kloßbrühe, dass russische Hacker mittels eines Computerangriff das komplette Stromnetz des Bundesstaates Vermont nachhaltig stören wollten. Zwar wurde diese Meldung bereits am nächsten Tag wieder revidiert, die Lawine jedoch war bereits los getreten und ließ sich nicht mehr stoppen. „US-Infrastruktur als leichtes Ziel“ titelt die „Berner Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 3. Januar 2017 und beruft sich dabei auf Aussagen amerikanischer Behörden. Demnach hätte das Heimatschutzministerium zwar den Fund am Freitag bekannt gegeben, jedoch habe die Schadsoftware mit dem Namen „Grizzly Steppe“ das System des Burlington Electric Department aber nicht infiziert.

Skrupellose Russen oder hausgemachte Sicherheitsprobleme?

Ähnliche Vorgänge seien auch in anderen Teilen des Landes registriert worden, wie Bundesbehörden laut den Verantwortlichen des Versorgers am Sonntag mitgeteilt hätten. Die Brisanz solcher Aussagen machen deutlich, wie Politik in den letzten Tagen eines aus dem Amt gewählten Präsidenten in den USA geschrieben wird. Die neuerlichen Sanktionen, von Barack Obama gegen Russland verhängt, sowie die daraufhin veranlasste Ausweisung russischer Diplomaten wegen angeblicher Manipulationsversuche der amerikanischen Präsidentschaftswahlen entsprechen dieser Logik bis ins letzte Detail. Selbst als der WikiLeaks-Gründer Julian Assange kategorisch ausschloss, dass Russland etwas mit dem vermeintlich gefälschten Wahlausgang zu tun habe, ließ sich der ins Rollen gebrachte Stein der Unterstellungen nicht mehr aufhalten.

Für den demokratischen Ab­geordneten des Repräsentantenhauses, Peter Welch aus Vermont, indes ist die Faktenlage unumstößlich: „Dieser Angriff zeigt, wie skrupellos die russischen Hacker sind“, ereiferte sich der Politiker aus der zweiten Reihe in gewohnter US-Manier und setzte noch dazu „Sie werden überall zuschlagen, sogar in Vermont, um eine Gelegenheit zu nutzen, unserem Land zu schaden.“ Für ihn gibt es keine Zweifel, dass russische Hacker „Grizzly Steppe“ genutzt haben, um mittels eines Angriffs auf die demokratische Partei E-Mails entwendet zu haben, die der Plattform Wikileaks zugespielt worden wären. Da kann der Kreml Vorwürfe zurückweisen wie er will, für die amerikanische Regierung steht schon lange fest, dass ihr Staat mitsamt seiner selbstbewussten Einstellung sowohl von zivilen Hackern als auch von den militärischen Geheimdiensten Russlands angegriffen würden.

Gebetsmühlenartig verweisen Berichte des Heimatschutzministeriums und der Bundespolizei FBI auf anhaltende Aktivitäten gegen die USA. Auch wenn die „Washington Post“ ihren Artikel zu dem Angriff auf das Burlington Electric Departement längst zurückgenommen hat, scheint dies keine Rechtfertigung dafür zu sein, weiterhin Russland als die Saat des Bösen zu verurteilen. Vielmehr hätten die Sorgen um die nationale Sicherheit der USA erheblich zugenommen, weiß Peter Shumlin, der demokratische Gouverneur von Vermont. „Die Menschen aus Vermont und alle Amerikaner sollten besorgt und verärgert sein, dass einer der weltweit führenden Schurken, Wladimir Putin, versucht hat, unser Stromnetz zu hacken, fordert der Hardliner im Nordosten der Vereinigten Staaten.

Gibt es überhaupt ausreichend Schutz?

Zudem hätte der Chef der National Security Agency und der Behörde United States Cyber Command, Admiral Michael Rogers gewarnt, dass ausländische Kräfte die amerikanische Infrastruktur auf der Suche nach Schwachstellen bereits durchkämmt hätten. Inwieweit sie dabei fündig wurden ließ Rogers hingegen offen. Wenn man Rogers‘ Worte richtig deutet, mag man den, seiner Meinung zufolge, Nachholbedarf bei den Sicherheitsmaßnahmen erkennen. Mark Weatherford, der bei dem US-Unternehmen VArmor für die Internetsicherheit verantwortlich ist, sieht hingegen eine logische Tendenz. „Es ist keine Überraschung, dass das jetzt passiert ist. Wenn irgendetwas mit dem Internet verbunden ist“, so sagt er, „wird sich das jemand anschauen und Zugang erlangen, wenn es möglich ist.“ Es hört sich ein kleines bisschen nach Kapitulation an was er da über die Sicherheit seines Landes im weltweiten Netz resümiert.

Jedoch sei das amerikanische Stromnetz derart komplex, sodass es kompliziert sei, es einfach so lahmzulegen, meint Weatherford. Eine einzelne Attacke schließe er daher von vornherein aus. Selbst wenn die Schadsoftware in der Lage wäre, ein einzelnes Kraftwerk abzuschalten, so der Sicherheitsexperte, stünde es zu bezweifeln dadurch einem Energieversorger wie in Vermont große Schäden zu verursachen. Auch wenn der Technologiechef der Sicherheitsfirma Percipient Network in Massachusetts, Todd O’Boyle kritische Äußerungen zu dem jüngsten Fall an Datenunsicherheit verteilte. Er sieht ebenfalls bei den US-amerikanishen Schutzmassnahmen Nachholbedarf. Für O’Boyle steht fest: „Die Angriffe sind immer ein Teil eines Musters. Wir sollten anfangen, darüber zu sprechen“. Deshalb müsse das Land müsse auf nationaler Ebene einfach besser verstehen, was für Absichten die Hacker hätten.

Der designierte Präsident Donald Trump allerdings bewertet den Vorfall und dessen russische Beteiligung an Neujahr als weit weniger eklatant. Schnippisch argumentierte er gegenüber den Medien: „Ihr wollt, dass etwas wirklich unentdeckt bleibt? Dann schreibt es auf und verschickt es mit einem Kurier“ und hakte das Thema für sich ab. Mit einer Frage jedoch wird sich die schreibende Zunft in den USA nun auseinandersetzen müssen. Was, wenn eine Zeitungsente wie die der „Washington Post“ zu Neujahr schon solche Turbulenzen lostreten kann, mag dann erst am 1. April das Land der unbegrenzten Möglichkeiten beschäftigen?

[Michael Barth/russland.RU]

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Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.