Von der atomaren Bedrohung eingeholt

Lukashenko plant neues AKW neben Umsiedlern aus der verstrahlten Region Tschernobyls

Montag war der Tag der Exkursionen für die Teilnehmer der Konferenz „25 Jahre nach Tschernobyl“, die momentan in Minsk stattfindet. Das IBB Dortmund und „Johannes Rau“ Minsk veranstalten diese Konferenz mit über 400 Teilnehmern aus 12 europäischen Ländern.

Ein Angebot aus zehn verschiedenen Zielen stand den Teilnehmern zur Auswahl: Medizinische, soziale oder ökologische Projekte konnten so je nach Interessensgebiet besucht werden.

Mit Bärbel Höhn in Druschnaja

Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen und damit u.a. mit den Bereichen Energie und Umwelt betraut, nimmt auf Einladung der Stiftung Mercator an der Konferenz teil. Sie entschied sich für die Fahrt in das Umsiedlerdorf Druschnaja im Kreis Mjadel, etwa 120 km nördlich von Minsk gelegen, in dem Familien aus dem verstrahlten Gebiet in Tschernobyl eine zweite Heimat gefunden haben. Während der Fahrt berichtete Frau Höhn, dass dies ihr erster Besuch in Weißrussland sei. Aus Ihrer langjährigen Arbeit im Landestag von Nordhrein-Westfalen ist Sie aber schon lange mit verschiedenen Initiativen bekannt: So auch mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund, das sie verbindet mit intensiver Begegnungsarbeit im osteuropäischen Raum und qualitativen Veranstaltungen. Dieses Wissen hat sie letztlich überzeugt, trotz vollem Terminkalender, an der Konferenz teilzunehmen. „Ich bin erstaunt über die Menge der Teilnehmer. Es freut mich sehr, dass das IBB diese Vielfalt an europäischen Ländern zur Teilnahme an der Konferenz bewegen konnte.“ Das Projekt des Umsiedlerdorfes in Druschnaja lernte Sie schon auf einer Veranstaltung zum 15. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kennen. Nun, zehn Jahre später wolle sie sich von dem Dorf – eines der Großprojekte aus NRW – und seinen Fortschritten vor Ort ein Bild machen.

Heim-statt Tschernobyl und ÖkoDom

Der Initiative Heim-statt Tschernobyl ist zu verdanken, dass es das Dorf Druschnaja überhaupt gibt. Sie hat für Spendengelder und Finanzmittel gesorgt, um die ersten Häuser bauen zu können. Das Dorf wurde 1997 eingeweiht und in jahrelanger Arbeit verschiedenste Projekte realisiert. Mit dem Verein ÖkoDom zusammen konnten die ersten zwei Windkraftanlagen der Republik Belarus errichtet werden, die heute zusammen eine Leistung erbringen, um 156 Haushalte zu speisen. Da in Druschnaja weniger Haushalte leben, kann mit der Einspeisung des Stroms noch Geld verdient werden, um neue Projekte zu realisieren. Eines davon ist die Fertigung von Schilfplatten, die zu Dämmzwecken, als Putzgrund oder als Sichtschutz Verwendung finden. Ein anderes das Gemeinschaftshaus in der Gemeinde Druschnaja. Das Haus ist als Niedrigenergiehaus umgebaut, mit einer Solaranlage und der für die Region ursprünglichen Reetdachdeckung versehen worden. Diese ursprüngliche Technik war in Belarus in Vergessenheit geraten, so dass das Projekt „Dach“ zu einem Workshop für Interessierte in der Region umfunktioniert wurde, der von Fachleuten aus Deutschland abgehalten wurde. Bärbel Höhn sprach große Anerkennung für die beiden Initiativen aus: „Das ist wirklich enorm, was hier auf die Beine gestellt wurde“. Vom Geschäftsführer der Initiative ÖkoDom, Jurij Suprinowitsch, wurde die Gruppe fachkundig durch den Tag begleitet.

Im Schatten des AKW

So beeindruckend diese Projekte waren, desto größer war der Schatten, der sich darüber legte. Schon während der Busfahrt gab es Rumoren über einen eventuellen Bau eines neuen Atomkraftwerkes in Belarus. Bärbel Höhn brachte die Sprache zunächst auf den Vorvertrag, den Lukashenko und Putin unterzeichnet hatten. Dieser beschließt die russische Finanzierung für den Bau eines neuen AKWs. Sie berichtete von einer Studie, die besagt, dass es für Weißrussland möglich wäre, eine unabhängige Stromversorgung zu erreichen, wenn das Land das Geld, das in den Bau dieses AKWs fließen würde für den Einsatz erneuerbarer Energien verwenden würde. Die Summe würde ausreichen, um 63% des gesamten Bedarfs zu decken. Dass die Unterzeichnung nur drei Tage nach den Ereignissen von Fukushima stattgefunden haben soll, wäre dabei allein schon schockierend gewesen. Als unsere Exkursionsrunde dann aber erfuhr, dass das neu geplante AKW nur 80 Kilometer vom Dorf Druschnaja entfernt errichtet werden soll, machte sich sichtliches Unbehagen, Wut und Entsetzen breit. Dem ersten Umsiedler des Dorfes, der selbst eine Tochter durch ein Krebsleiden verloren hat, lag die Fassungslosigkeit und Resignation in der Stimme: „Erst müssen wir vor dem ersten Atomkraftwerk flüchten und jetzt bauen sie uns ein Neues hierher. Was sollen wir tun? Wir sind doch nur kleine Leute…“