USA und Russland: Geschäfte vor dem Frieden?

Während über ein Ende des Ukrainekriegs weiter verhandelt wird, sprechen Washington und Moskau bereits über eine Wiederbelebung ihrer Wirtschaftsbeziehungen. Die USA prüfen Sanktionserleichterungen für einen russischen Staatsfonds, amerikanische Ölkonzerne könnten nach Russland zurückkehren. Gleichzeitig verlieren europäische Unternehmen dort zunehmend die Kontrolle über ihre Geschäfte.

In den Beziehungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten zeichnet sich eine bemerkenswerte Entwicklung ab. Während die politischen Verhandlungen über ein Ende des Ukrainekriegs weiterhin ohne abschließendes Ergebnis bleiben, werden konkrete wirtschaftliche Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Dabei geht es nicht allein um die Zeit nach einem möglichen Friedensschluss. Moskau scheint zunehmend darauf zu setzen, bereits vor Kriegsende wirtschaftliche Vereinbarungen mit Washington zu erreichen.

Zwei am Dienstag veröffentlichte Berichte des russischen Wirtschaftsmediums The Bell, die sich auf Recherchen der New York Times und der Financial Times stützen, illustrieren diese Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen mögliche amerikanische Sanktionserleichterungen für den Russischen Direktinvestitionsfonds (RDIF) und die Rückkehr amerikanischer Energiekonzerne auf den russischen Markt.

Washington prüft Sanktionserleichterungen

Nach Informationen der New York Times prüft das amerikanische Finanzministerium einen Antrag des Russischen Direktinvestitionsfonds auf Streichung von der US-Sanktionsliste. Der Fonds wird von Kirill Dmitrijew geleitet, der zugleich als Sonderbeauftragter von Präsident Wladimir Putin für internationale Wirtschaftskooperation tätig ist.

Dmitrijew gehört zu den wichtigsten russischen Gesprächspartnern der Trump-Regierung. Nach Angaben eines amerikanischen Regierungsvertreters wird der Antrag auch im Zusammenhang mit den Bemühungen um eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen und eine Beendigung des Ukrainekriegs behandelt.

Ausgangspunkt ist eine Vereinbarung über russische Diesellieferungen in die Vereinigten Staaten. Am 9. Oktober einigten sich Donald Trump und Wladimir Putin auf entsprechende Lieferungen. Das amerikanische Finanzministerium erteilte noch am selben Tag eine Ausnahmegenehmigung, die bestimmte Geschäfte mit russischem Diesel bis zum 7. April 2027 erlaubt.

Der RDIF möchte bei diesen Transaktionen als Vermittler auftreten und beantragte zugleich eine weitergehende Aufhebung seiner Sanktionierung. Das Finanzministerium hält eine solche Maßnahme für die Durchführung der Dieselgeschäfte allerdings nicht für erforderlich. Die bereits erteilte Ausnahmegenehmigung reiche dafür aus.

Auch die Umsetzung der Liefervereinbarung verläuft bislang nicht reibungslos. Nach Angaben der New York Times wurde bereits Diesel in Richtung USA verschifft, obwohl amerikanische Käufer noch nicht bezahlt hatten. Ein zunächst für New York vorgesehener Tanker änderte sein Fahrtziel auf eine noch offene Bestimmung.

Eine Entscheidung über die vollständige Aufhebung der Sanktionen gegen den RDIF liegt bisher nicht vor. Diese waren am 28. Februar 2022, wenige Tage nach Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine, verhängt worden.

Amerikanische Ölkonzerne vor einer Rückkehr?

Parallel zu den Gesprächen über den Dieselhandel verhandeln Vertreter Washingtons und Moskaus nach Informationen der Financial Times über weitere gemeinsame Wirtschaftsprojekte.

Zu den diskutierten Möglichkeiten gehört eine Rückkehr amerikanischer Unternehmen in die russische Erdölförderung, insbesondere in das Projekt Sachalin-1 im Fernen Osten Russlands.

Der amerikanische Energiekonzern ExxonMobil hielt dort ursprünglich einen Anteil von 30 Prozent. Im Zuge des russischen Vorgehens gegen westliche Unternehmensbeteiligungen nach Beginn des Ukrainekriegs verlor Exxon 2022 die Kontrolle über sein Engagement.

Allerdings bedeutet die Aufnahme entsprechender Gespräche keineswegs, dass ExxonMobil tatsächlich zurückkehren möchte. Konzernchef Darren Woods hatte noch 2025 erklärt, das Unternehmen beabsichtige keine Wiederaufnahme seiner Geschäftstätigkeit in Russland. Gespräche mit russischen Vertretern beträfen vielmehr eine Entschädigung für die verlorenen Vermögenswerte im Umfang von rund 4,6 Milliarden Dollar.

Über Sachalin hinaus reichen die diskutierten Projekte bis in den europäischen Energiemarkt. Amerikanische Unternehmen könnten sich nach den Überlegungen an einer Wiederaufnahme russischer Öllieferungen über die Druschba-Pipeline beteiligen.

Auch eine Zusammenarbeit bei der Titanproduktion, die Wiederzulassung amerikanischer Fluggesellschaften für Flüge durch den russischen Luftraum und eine amerikanische Verwaltungsrolle beim ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja werden genannt.

Bei Letzterem steht die Idee im Raum, eine amerikanische Struktur mit der Verwaltung des Kraftwerks zu betrauen und den erzeugten Strom zwischen Russland und der Ukraine aufzuteilen. Eine entsprechende Vereinbarung gibt es nicht.

Moskau will nicht bis zum Kriegsende warten

Viele der gegenwärtig diskutierten Projekte sind nicht neu. Bereits im vergangenen Jahr hatten amerikanische Vertreter, darunter Steve Witkoff und Jared Kushner, mit Dmitrijew über langfristige wirtschaftliche Kooperationsmöglichkeiten gesprochen.

Auch ein damals bekannt gewordener amerikanischer Friedensplan mit 28 Punkten enthielt Vorstellungen über gemeinsame Energieprojekte und eine Zusammenarbeit bei der Erschließung arktischer Rohstoffvorkommen.

Im Februar 2026 berichtete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj über ein russisch-amerikanisches Angebotspaket, dessen wirtschaftliches Gesamtvolumen er mit zwölf Billionen Dollar bezifferte. Eine unabhängige Bestätigung dieser Größenordnung liegt nicht vor. Die damaligen Überlegungen führten zu keiner Einigung.

Neu ist nach Darstellung der Financial Times vor allem die zeitliche Perspektive der russischen Seite. Während wirtschaftliche Normalisierung ursprünglich an eine Einstellung der Kampfhandlungen geknüpft werden sollte, möchte Moskau entsprechende Vereinbarungen inzwischen schon vorher voranbringen.

Ein amerikanischer Regierungsvertreter betonte gegenüber der Zeitung dagegen, wirtschaftliche Abkommen seien nur im Rahmen einer Friedensregelung möglich.

Damit bestehen weiterhin unterschiedliche Vorstellungen über die Reihenfolge: Washington beschreibt wirtschaftliche Kooperation als Bestandteil einer Friedensvereinbarung, Moskau möchte wirtschaftliche Interessen offenbar schon vorher als Anreiz für eine politische Annäherung einsetzen.

Die Dieselvereinbarung zeigt zugleich, dass begrenzte wirtschaftliche Ausnahmen bereits möglich sind, ohne dass ein umfassendes Friedensabkommen vorliegt.

Europäische Unternehmen verlieren ihre Positionen

Während Russland amerikanischen Unternehmen neue wirtschaftliche Möglichkeiten in Aussicht stellt, verschärft sich die Lage europäischer Firmen auf dem russischen Markt.

Eine Reuters-Recherche vom 21. Oktober zeigt, dass die russischen Behörden seit dem Amtsantritt Donald Trumps im Januar 2025 insgesamt 20 ausländisch kontrollierte Unternehmen unter vorläufige staatliche Verwaltung gestellt haben. Lediglich drei davon waren mit amerikanischen Eigentümern verbunden. Die übrigen gehörten europäischen Unternehmensgruppen.

Zu den zuletzt betroffenen Unternehmen zählen der deutsche Großhandelskonzern Metro, der französische Einzelhändler Auchan und der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Weitere Eingriffe betreffen Unternehmen aus Frankreich, Deutschland, Schweden und Belgien.

Die russische Regierung begründet entsprechende Maßnahmen mit der Unterstützung europäischer Staaten für die Ukraine und mit westlichen Sanktionen beziehungsweise Eingriffen in russische Vermögenswerte.

Die vorläufige Verwaltung bedeutet nicht in jedem Fall eine formelle Enteignung. Sie entzieht den bisherigen Eigentümern jedoch die operative Kontrolle über ihre russischen Unternehmen.

Im Fall der Metro AG wurde dies besonders deutlich: Der Konzern erklärte, nach der Übertragung seines Russlandgeschäfts unter vorläufige Verwaltung keine operative Kontrolle mehr über die Tochtergesellschaft auszuüben.

Reuters verweist zugleich darauf, dass amerikanische Unternehmen von vergleichbaren Eingriffen bislang weitgehend verschont geblieben sind. Russische und amerikanische Gesprächspartner bringen diese Ungleichbehandlung mit Moskaus Interesse an einer Verbesserung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Washington in Verbindung.

Damit entsteht eine bemerkenswerte Konstellation: Während europäische Firmen um ihre bestehenden Investitionen fürchten müssen, wird amerikanischen Unternehmen die Beteiligung an neuen Projekten angeboten.

Wirtschaftliche Annäherung ohne politische Einigung?

Aus den laufenden Gesprächen lässt sich noch keine grundlegende Neuordnung der amerikanisch-russischen Beziehungen ableiten. Die meisten diskutierten Projekte befinden sich im Stadium von Vorschlägen und Verhandlungen. Weder ist eine Rückkehr von ExxonMobil beschlossen noch eine umfassende Lockerung der amerikanischen Sanktionen erfolgt.

Dennoch werden wirtschaftliche Interessen erkennbar zu einem eigenständigen Bestandteil der diplomatischen Kontakte.

Für Russland bieten gemeinsame Projekte die Möglichkeit, internationale wirtschaftliche Isolation zu durchbrechen, Investitionen anzuziehen und bestehende Sanktionen schrittweise zu überwinden. Die amerikanische Regierung wiederum kann wirtschaftliche Kooperation als möglichen Anreiz für Verhandlungsergebnisse einsetzen.

Für europäische Staaten stellt sich damit eine zusätzliche Frage. Sie tragen weiterhin einen erheblichen Teil der politischen und wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekriegs und unterstützen die Ukraine mit Sanktionen sowie finanziellen und militärischen Leistungen. Gleichzeitig könnten amerikanische Unternehmen bei einer teilweisen Öffnung des russischen Marktes früher als europäische Konkurrenten neue Geschäftsmöglichkeiten erhalten.

Ob daraus eine dauerhafte unterschiedliche Behandlung amerikanischer und europäischer Wirtschaftsinteressen entsteht, bleibt offen.

Die Entwicklung deutet jedoch darauf hin, dass wirtschaftliche Vereinbarungen zwischen Washington und Moskau nicht mehr ausschließlich als Ergebnis eines möglichen Friedens betrachtet werden. Sie sind selbst zum Gegenstand der Verhandlungen geworden.

Während über die Bedingungen eines Friedens noch gestritten wird, stehen die möglichen Geschäfte danach – und möglicherweise schon davor – bereits auf der Tagesordnung.

Wie schnell sich eine politische Verständigung wirtschaftlich auswirken kann, zeigt die Entwicklung der russischen Ölverarbeitung. Nach dem vorläufigen Ende ukrainischer Drohnenangriffe auf Raffinerien stieg die tägliche Rohölverarbeitung nach Reuters-Schätzungen innerhalb weniger Wochen um rund 25 Prozent. Zugleich erhöhte sich die Dieselproduktion erheblich. Ein Teil davon könnte aufgrund der jüngsten Vereinbarungen wieder exportiert werden. Ob die Unterbrechung der Angriffe unmittelbar auf amerikanische Vermittlung zurückzuführen ist, bleibt offen. Doch die zeitliche Nähe von Dieselvereinbarung, angekündigter Energie-Waffenruhe und Produktionsanstieg verleiht den amerikanisch-russischen Wirtschaftsgesprächen eine zusätzliche Bedeutung.

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