Und wieder hat der „Neunte November“ zugeschlagen

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(Hanns-Martin Wietek)

9. November 2016 8.30 Uhr (MEZ)
Die Nachrichtenagentur AP meldet Donald Trump ist zum Präsidenten der USA gewählt worden.

Ein Ereignis von nicht voraussagbarer Bedeutung für die Welt, denn es ging um Krieg oder Frieden.

Die Präsidentschaftskandidatin Clinton – der »Demokratischen Partei« angehörig und fest im politisch-finanziellen Establishment verwurzelt – hatte im Wahlkampf angekündigt, auf strengen Konfrontationskurs zu Russland zu gehen, was einen Krieg höchstwahrscheinlich gemacht hätte.

Donald Trump sprach im Wahlkampf mit Sympathie von Russlands Präsident Putin und von möglicher Zusammenarbeit zumindest auf manchen Gebieten.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass an diesem Tag, dem 9. November 2016, höchstwahrscheinlich ein neuer Weltenbrand verhindert wurde.

Diesmal war der Neunte November wahrscheinlich ein Glückstag, aber er hat im Laufe der Jahrhunderte auch viel Schlimmes gesehen und es scheint, dass er ein Tag ist, der die Ereignisse quasi magnetisch anzieht.

Es lohnt sich, ihm durch die Jahrhunderte und –tausende nachzuspüren.

In welchem Jahr, in welchem Jahrhundert beginnen? Welche herausragenden Geschehnisse gab es an diesem Tag?
Manche unserer Altvorderen hätten das sicher anders beurteilt als wir heute, manches Ereignis ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.
Wen interessiert schon, dass am 9. November des Jahres 235 der erste geschichtlich belegte Bischof von Rom, Pontianus, in einem Steinbruch erschlagen wurde?
Oder dass sich am 9. November 1313 in der Schlacht von Gammelsdorf Ludwig der Bayer, der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, gegen seinen Vetter Friedrich den Schönen durchgesetzt (für Letzteren waren die zwei 13 wohl kein gutes Omen) und die Vormundschaft für die noch unmündigen Herzöge von Niederbayern mit Stammsitz in Landshut übernommen hat. Die Landshuter waren zu dieser Zeit weit mächtiger als die Münchner und Friedrich der Schöne war Herzog von Österreich und der Steiermark. Nun, wer weiß? Hätte er gesiegt, wäre Niederbayern vielleicht heute eine Provinz von Österreich?
Hätte … würde … täte! Es war nicht so! Aber es zeigt, dass es schicksalsträchtige Tage gab, die wir heute nicht mehr beachten, obwohl sie den Lauf der Dinge bestimmt haben.

Das „Was wäre, wenn …?“ ist – Gott sei Dank – heute keine fruchtlose Spintisiererei mehr, sondern eine anerkannte Frage in der Geschichtswissenschaft.
Aus den Antworten auf diese Frage ziehen wir Schlüsse für unsere Gegenwart. Oder sollte man sagen: müssten wir ziehen? (Vielleicht sollte das Studium der Geschichtswissenschaften eine Grundvoraussetzung für den Beruf des Politikers sein!?)

Hier sollen nur Ereignisse eine Rolle spielen, die (auch wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennt) eindeutig eine noch heute fassbare Rolle für unsere Gegenwart spielen. Alles andere sei den Geschichtswissenschaftlern überlassen.

Unser Ausflug in die Geschichte beginnt mit der Französischen Revolution (1789–1799), genauer gesagt mit einem wenig beachteten Datum, dem 9. November 1799, dem 18. Brumaire VIII nach dem damals in Frankreich gültigen Republikanischen Kalender, dem Tag des Endes der Revolution – was, zugegeben, auf den ersten Blick etwas seltsam anmutet.

Der militärisch höchst erfolgreiche, rednerisch aber eher unbedarfte General Napoléon Bonaparte stürzte damals mithilfe seines Bruders Lucien und des Militärs die aus der Revolution hervorgegangene Regierung, genannt das Direktorium, und ernannte sich kaum einen Monat später praktisch selbst zum alleinherrschenden Ersten Konsul Frankreichs.
Nun, wie die Geschichte weiterging, sollte eigentlich jedes Kind wissen: Napoléon machte sich zum Kaiser, unterwarf in den schrecklichen Napoleonischen Kriegen ganz Europa, teilte es, soweit er konnte, unter seinen Verwandten auf und erlitt erst militärischen Schiffbruch, als er versuchte, Russland zu erobern. Er endete als Gefangener auf der Insel St. Helena – sic transit gloria mundi, so vergeht der Ruhm der Welt!

Diese Zeit – und damit das Ereignis des 9. November – hatte sowohl im Positiven als auch im Negativen einen bis in die heutige Zeit hineinreichenden Einfluss auf Europa (vielleicht ausgenommen Nordeuropa) und vor allen Dingen einen richtungsweisenden Einfluss auf die politische Entwicklung, insbesondere in Deutschland. Denn letztlich entwickelte sich daraus und aus dem, was sich in der Folgezeit ereignete, die sogenannte deutsch-französische „Erbfeindschaft“, der erst durch de Gaulle und Adenauer mutig der Garaus gemacht wurde. Sie beeinflusste das Leben in beiden Ländern und auch darüber hinaus mindestens 150 Jahre lang!
Adenauer ist übrigens 1964 als erster Deutscher nach 99 Jahren in die Französische Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden – natürlich am 9. November.

Nun, sieht man einmal davon ab, dass am 9. November 1818 Ivan Sergeevič Turgenev geboren (ich wäre nicht ich, wenn ich das hier nicht erwähnen würde, Literaturessay – 6 Teile) und 1843 an diesem Tag das berühmte Thalia Theater als erstes Theater in Hamburg gegründet wurde, geschah am 9. November in den nächsten Jahrzehnten nichts Weltbewegendes. Das änderte sich im Jahr 1848.

„Liberté, Égalité, Fraternité“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), die Parole der Französischen Revolution, schien verhallt, Europa war seit dem Wiener Kongress 1815 wieder unter den alten Herrschern aufgeteilt. Aber wie eine reife Frucht nach ihrem „Tod“ ihre Samen ausstreut, waren auch die Samen der Revolution über ganz Europa verweht. 1848 nun rollte eine Welle des Aufstands von Sizilien über das Kaiserreich Österreich-Ungarn, die Königreiche Frankreich, Bayern, Baden, Sachsen, Holstein und Preußen bis nach Berlin: die Revolution von 1848/49 begann. Und noch einmal sollte die alte Ordnung siegen.

Das Symbol des Scheiterns dieser Revolution, der Tod eines Mannes, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Dabei ist sein Tod sogar als geflügeltes Wort in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen – die etwas Älteren werden den Ausdruck kennen, aber wahrscheinlich nicht wissen, woher er kommt: Wenn man nach großer körperlicher Anstrengung völlig ausgelaugt ist, sagt man „ich bin erschossen wie Robert Blum“.
Robert Blum (der bitte nicht mit Norbert Blüm zu verwechseln ist!) war ein linksliberaler Abgeordneter im ersten demokratisch gewählten gesamtdeutschen Parlament, der Frankfurter Nationalversammlung, und wurde am 9. November 1848 in Wien trotz seiner Abgeordnetenimmunität standrechtlich erschossen Er war Leiter einer Delegation der demokratischen Fraktion der Nationalversammlung gewesen und wie viele andere nach Wien geeilt, um zu verhindern, dass österreichische Truppen nach Ungarn marschierten, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen. Der Aufstand war das letzte Zucken der 1848er-Revolution in Österreich, der sogenannte Wiener Oktoberaufstand. Genützt hat es nichts, denn 1849 traten die Armeen von Zar Nikolaus I. auf den Plan, der den nicht gerade geliebten Kaiser Franz Josef von Österreich aus Angst vor „Ansteckung“ im Kampf gegen die Revolutionäre unterstütze. Sie besiegten gemeinsam mit den Österreichern die für die Freiheit kämpfende ungarische Armee.

Und noch eine Revolution endete am 9. November (der nach dem damals dort gültigen julianischen Kalender allerdings ein 27. Oktober war): die Russische Oktoberrevolution im Jahr 1917, die streng genommen gar keine Revolution, sondern ein bolschewistischer Putsch war. Die eigentliche Revolution, die den Zaren gestürzt hatte, hatte im Februar des Jahres stattgefunden, doch erst am 7. November schafften es die Bolschewiki, mit dem Angriff auf das Winterpalais in St. Petersburg, in dem die bürgerliche Regierung saß, an die Macht zu kommen. Am 9. November erließ Lenin das Dekret über die Bildung des Rates der Volkskommissare und installierte damit eine neue „Regierung“, womit der drei Tage andauernde Umsturz – großmundig „Oktoberrevolution“ genannt – beendet war.
Und wieder – wie auf den Tag 118 Jahre zuvor – begannen an diesem Tag eine grausame Diktatur und eine bluttriefende Zeit, die die Welt verändern sollte.

Im Jahr 1918 erhielt der Tag sein deutsches Gewicht. Am 8. November hatte der Journalist und Mitbegründer der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschland) Kurt Eisner in der ersten Sitzung des Münchener Arbeiter- und Soldatenrats im traditionsreichen Mathäserbräu den Freistaat Bayern ausgerufen und den Wittelsbacher König Ludwig III. für abgesetzt erklärt. Das war das Fanal für Berlin: Aus dem ursprünglichen Matrosenaufstand in Preußen war die Novemberrevolution geworden.
Am 9. November verkündete der erst kurz zuvor von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannte Prinz Max von Baden in Berlin ohne Absprache die Abdankung des Kaisers und den Thronverzicht des Kronprinzen, die fast zwei Wochen zuvor aus der Stadt geflüchtet waren. Hintergrund dieses Schrittes war der Gedanke, bessere Voraussetzungen für Waffenstillstandsverhandlungen zu schaffen, da sich die Alliierten weigerten, mit dem Kaiser zu verhandeln. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief noch am selben Tag vom Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus. Max von Baden übergab die Reichskanzlerschaft an Friedrich Ebert.
Die Monarchie in Deutschland war am 9. November 1918 endgültig gestorben, die Republik geboren.

Auf den Tag genau fünf Jahre später, am 9. November 1923, hielten Putschisten die Zeit für gekommen, die Regierungen der „Revolutionäre“ in München und Berlin, denen sie die Schuld für den schmachvollen Frieden nach dem Ersten Weltkrieg in die Schuhe schoben und die sie für den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands verantwortlich machten, zu stürzen und eine „Nationale Diktatur“ zu errichten: Hitler und seine Mannen (mit General Erich Ludendorff an der Spitze) erklärten die Bayrische Regierung für abgesetzt, nachdem diese am Vortag unter Gewaltandrohung klein beigegeben hatte, und marschierten vom Bürgerbräukeller (den es heute nicht mehr gibt) zur Feldherrnhalle am Odeonsplatz.
Dieser Schritt, der heute als Hitler-Ludendorff-Putsch bezeichnet wird, sollte die erste Etappe vom Marsch auf Berlin sein.
Aber Hitler und Ludendorff hatten sich verrechnet: Der regierungstreue Kommandant der Landespolizei, die in der neben der Feldherrnhalle gelegenen Residenz stationiert war, empfing die ihren vermeintlichen Sieg feiernden Nationalsozialisten. Bei einem kurzen Schusswechsel wurde Hermann Göring verletzt, Hitler blieb unverletzt, weil sich einer seiner Getreuen vor ihn stellte und an seiner Stelle mehrere Schüsse auffing. Sechzehn Putschisten sowie fünf Polizisten und Zivilisten starben. Hitler floh in einem Sanitätswagen, wurde später verhaftet und zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt.

Nach Hitlers Machtübernahme wurde der 9. November zum staatlichen Feiertag erklärt und in München fanden jährlich an diesem Tag pompöse Totenfeiern zu Ehren der gefallenen „Blutzeugen der Bewegung“ statt.

Am 9. November 1925 hätte Hitler eigentlich noch in Landsberg auf der Festung sitzen müssen, aber der Zeitgeist war auf seiner Seite. Schon nach neun Monaten wurde er wegen „guter Führung“ entlassen. Und so kam es, dass er an diesem Tag die SS (Schutzstaffel) gründen konnte.

Und noch einmal erlangte der 9. November in Deutschland traurige Berühmtheit, und zwar im Jahr 1938: mit der Reichspogromnacht oder auch Reichskristallnacht. (Der Name »Kristallnacht« ist eine Wortschöpfung des Volkes; wahrscheinlich stammt er aus Berlin und geht darauf zurück, dass die Straßen mit den Scherben der Schaufenster jüdischer Geschäfte übersät waren.) Im gesamten Deutschen Reich wurden von SS- und SA-Männern in Zivil und in Uniform Synagogen zerstört und teilweise niedergebrannt – fast 1.500 waren es. 7.500 jüdische Geschäfte, Gemeindehäuser und unzählige Wohnungen wurden zerstört, mehrere 100 Juden wurden ermordet, unzählige verprügelt und jüdische Frauen vergewaltigt; in der Folge wurden Zigtausend Juden gefangen genommen und in Konzentrationslagern interniert, in denen ein großer Teil von ihnen umkam.

Wie kam es zu diesem Ausbruch der Gewalt?
Das Ziel der Nazis war es von Anfang an gewesen, Deutschland „judenfrei“ zu machen. Mit großem Druck und Gewalt sorgte man dafür, dass sie „freiwillig“ ausreisten. Unzählige taten das, und ihr Vermögen wurde zum größten Teil „als Bezahlung für die Ausreise“ konfisziert. Aber durch die Einverleibung des Sudetenlandes, die „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ und den Anschluss Österreichs gab es trotz Ausreisewelle immer mehr Juden im Großdeutschen Reich.
Im Juli 1938 hatte sich zudem auf der Konferenz von Evian keines der 32 teilnehmenden Länder bereit erklärt, verfolgte Juden aufzunehmen. Im Gegenteil, manche führten die Visumspflicht für Juden ein.
Polen verkündete, allen polnischen Juden, die mindestens fünf Jahre lang nicht in Polen gelebt hatten, die Staatsbürgerschaft entziehen zu wollen. Das betraf fast 20.000 meist arme, teilweise illegal in Deutschland lebende Juden.
Bevor es dazu kam, trieben die Nazis kurzentschlossen betroffene Juden zusammen und transportierten sie über die Grenze nach Polen ins Niemandsland.

In Paris erfuhr der 17jährige polnische Jude Herschel Grynszpan, dass auch seine ganze Familie zu den Vertriebenen gehörte. Er besorgte sich einen Revolver und erschoss am 7. November in der Deutschen Botschaft in Paris einen der NSDAP angehörigen Diplomaten (eigentlich wollte er den Botschafter töten). Am 9. November erlag dieser seinen Verletzungen. Hitler erfuhr nach der alljährlichen Totenfeier zum Andenken an die „Blutzeugen“ vom Tod des Diplomaten; er besprach sich kurz mit Goebbels und verschwand. Goebbels hielt eine kurze Rede, in der er viel Verständnis für die schon seit Tagen in vielen Städten immer wieder aufflammenden Übergriffe auf Juden zeigte. Anschließend gingen Telegramme an die Gauleiter und von dort an die untergeordneten Dienststellen und Mannschaften. Das war der „spontane“ Aufstand des „Volkes“ gegen die Juden.

Dabei hätte dieser 9. November aus heutiger Sicht auch als Glückstag in die Geschichte eingehen können. Denn was Hitler nicht wusste: Er ist an diesem Tag nur durch Zufall vor einem Attentat „bewahrt“ worden.
Der 22jährige Schweizer Maurice Bavaud war nach München gereist, um Hitler zu erschießen. Er gab sich als begeisterter Nazi aus, um der Ehrentribüne so nah wie möglich zu kommen, schaffte es jedoch nicht weit genug nach vorn, um eine freie Schussbahn zu haben. Die vielen ständig hochgereckten Arme behinderten seine Sicht. Bavaud versuchte noch einige Tage, Hitler nahe zu kommen, bis er kein Geld mehr hatte und schwarz in die Schweiz zurückkehren musste. Dabei wurde er erwischt, die Pistole und verräterische Schriftstücke wurden gefunden. 1941 wurde er in Plötzensee mit der Guillotine hingerichtet.
Die Schweizer Regierung spielte in diesem Fall eine klägliche Rolle (weshalb sie den Fall heute eher totschweigt): Sie verurteilte nicht nur den Attentatsversuch, sondern lehnte sogar den angebotenen Austausch gegen einen deutschen Saboteur ab.

Nun, wie es weiterging, ist bekannt: Hitler hatte aus Napoleons Geschichte ganz offensichtlich nichts gelernt – sein Untergang begann wie der Napoléons in Russland. Die Gräueltaten nahmen ein unfassbares Ausmaß an; der „Endsieg“ wurde zum totalen Ende. Zwei deutsche Staaten entstanden, deren einer nahtlos in die nächste Diktatur überging, während der andere aufgepäppelt wurde, weil man ihn im Kampf gegen einen neuen Feind zu brauchen glaubte. Die einen wählten „Auferstanden aus Ruinen“ zu ihrer Nationalhymne, sollten jedoch noch über 50 Jahre brauchen, bis sie tatsächlich aus selbigen auferstanden – die anderen aber behielten die alte Hymne und änderten nur den Text. Sie waren sehr schnell aus den Ruinen auferstanden; von Schuld sprach man nur ganz am Anfang, dann hatten die immer die anderen; die verbliebene alte Führungsschicht färbte sich die braune Wolle schwarz und war in der Führung des neuen demokratischen Staates und der boomenden Wirtschaft „unverzichtbar“.

Ewig konnte aber nicht alles unter dem berühmten Teppich bleiben. Nach und nach begannen die Nachgeborenen Fragen zu stellen und angesichts der Verlogenheit der Vätergeneration wider den Stachel zu löcken. Die Studentenunruhen der 1960er Jahre begannen.
Nachdem auf einer Protestdemonstration gegen den Schah von Persien 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen (wie sich später herausstellen sollte: von einem bei der Polizei untergeschlüpften Stasi-Agenten) wurde, kam es zu einer zunehmenden Radikalisierung. Im gleichen Jahr wurde dann auch der 9. November wieder symbolträchtig.
Bei der Amtseinführung des Rektors der Universität Hamburg setzten sich zwei Studenten an die Spitze des Zuges, der feierlich das Audimax betrat, und entrollten ein schwarzes Spruchband, auf dem die feinsinnig gedichteten Worte „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ standen. Da die hinter dem Spruchband einherschreitenden Honoratioren nur die Rückseite des Bandes sahen, hatte die Presse genügend Zeit, diesen pittoresken Einzug festzuhalten. Bild und Spruch, der auf Hitlers 1000jähriges Reich anspielt, wurden zu Ikonen der 68er-Bewegung.

In den nächsten 10 Jahren gab es zwei traurige 9. November, die mit radikalen Ablegern der 68er-Bewegung in Verbindung standen. Am 9. November 1974 starb nach 58-tägigem Hungerstreik das RAF-Mitglied Holger Meins in der Justizvollzugsanstalt Wittlich. Der Tod – und sei es auch eines noch so verblendeten – Menschen, kann niemals ein Grund zur Freude sein, außerdem führte er zu einer weiteren Eskalation der Gewalt. Und am 9. November 1977 entführten Mitglieder der linksmilitanten Stadtguerilla »Bewegung 2. Juni« (benannt nach Benno Ohnesorgs Todestag) den österreichischen Industriellen Walter Palmers und erpressten 31 Millionen Schilling.

Dann hatte der so sehr strapazierte 9. November erst einmal viele Jahre Ruhe, während sich die Welt um ihn herum veränderte. Er schöpfte sozusagen Kraft für ein nächstes gewaltiges Ereignis. Und das war wieder das Ende einer Revolution, diesmal aber einer friedlichen. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer.

Schon kurz nach seinem Amtsantritt als sowjetischer Präsident (1985) hatte Michail Gorbatschow verkündet, dass »Glasnost« (Offenheit, gemeint ist Meinungs- und Pressefreiheit) und »Perestroika« (Umbau, gemeint ist Umgestaltung, Umstrukturierung) notwendig seien, um die Sowjetunion zu modernisieren und am Leben zu halten. Er verwarf die alte Breschnew-Doktrin, nach der alle „sozialistischen Bruderstaaten“ nur das tun durften, was der „große Bruder“ Sowjetunion vorschrieb, und bekannte 1989 bei einem Staatsbesuch in Finnland, dass kein Staat das Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen einzumischen. Gerassimow, der Sprecher des damaligen sowjetischen Außenministers Schewardnadse, erklärte vor der versammelten westlichen Presse, Gorbatschow habe soeben die »Sinatra-Doktrin« verkündet. Er bezog sich auf einen berühmten Song von Frank Sinatra: „I did it my way“.

Es war eine spannende Zeit. Jeden Tag überschlugen sich die Ereignisse: In Polen zerfielen die alte Machtstrukturen, die Ungarn öffneten die Grenzen und in der DDR breiteten sich die Montagsdemonstrationen so rasch aus, dass die Staatsmacht ihrer nicht mehr Herr wurde. Mit exzessiver Gewalt konnte sie nicht antworten, denn der große Bruder war weder groß noch Bruder mehr. Schon am 7. Oktober, bei den „Feiern zum 40. Jahr der Staatsgründung der DDR“ hatte Gorbatschow angesichts der Sturheit der DDR-Führung einen heute weltberühmten Satz gesagt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Niemand ahnte damals, wie schnell sich das bewahrheiten sollte.
Der Satz „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf der abendlichen Pressekonferenz am 9. November 1989, bei der er die Grenzöffnung ankündigte, schlug ein wie ein Blitz. Noch in der Nacht stürmten die Menschen die Grenzposten, an Kontrollen war nicht mehr zu denken. Menschen aus Ost und West lagen sich in den Armen und nahmen die verhasste Mauer in Besitz.
Die Bilder sind um die Welt gegangen und mir schießen noch heute die Tränen in die Augen, wenn ich an damals denke.

Nun, der 9. November, er hat Revolutionen gesehen, die die Welt bewegten, erfolgreiche, gescheiterte, beendete. Putsch und Umsturz, ein bisserl garniert mit Kultur – am 9. November 1881 die Uraufführung des »2. Klavierkonzerts« von Johannes Brahms in Budapest, am 9. November 1914 die Uraufführung der Operette »Rund um die Liebe« von Oscar Straus in Wien, am 9. November 1926 in der Dresdener Staatsoper die Uraufführung der Oper »Cardillac« von Paul Hindemith.
Nur ein Datum sticht heraus: der 9. November 1938. Hier handelt es sich schlichtweg um ein Verbrechen aus niederen Instinkten. Aber sonst vor allem Revolutionen…
Vielleicht sollte man den Tag zum „Tag der Revolutionen“ erklären? Oder ….. selbst eine machen?
Diktatoren, die ihr oder ein anderes Volk knechten, sind sehr viel seltener geworden. Heute treiben Diktatoren – auch wenn sie nicht so genannt werden – die ganze Weltgemeinschaft vor sich her. Wie wäre es mit einer Revolution gegen die neuen, die leisen Diktatoren?

Aber halt! Dafür müssten wir erst einmal uns selbst revolutionieren – unser Denken, unser Handeln und unser Fühlen. … Doch … wie mir scheint … das wird nicht funktionieren, denn ….. Lemminge machen keine Revolution.

Ja, da wären wir wieder beim 9. November 2016.
Was wird in den Büchern – oder Computern – stehen, wenn dieser Tag Geschichte geworden ist?
Wenn auch der Große Krieg höchstwahrscheinlich nicht stattfindet, so zeigen die Bürger in den Wahlen immer mehr, dass sie das erstarrte, selbstgerechte politische Establishment, das den Spruch des Alten Fritz „Ich bin der erste Diener meines Staates“ nicht kennt, aber dafür umso besser den Ausspruch des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. „L’État c’est mois“ (Der Staat bin ich) und danach lebt.

Ob das gut geht?
Jetzt sieht es nicht mehr danach aus.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.