Überragende Trotzki-Biografie

Lew Trotzki – erst ein zentraler Anführer der Oktoberrevolution, dann für die Stalinisten Staatsfeind Nummer eins – ist eine echte Herausforderung für einen Biografen. Der Brite Robert Service hat diese Herausforderung in seinem auf Deutsch neu erschienenen Werk mit Bravour gemeistert.
Trotzki, jüdisch-ukrainischer Abstammung flieht als sozialistischer Revolutionär während der Zarenzeit gleich zweifach ins Ausland. Bereits beim Arbeiteraufstand 1905 spielt er eine große Rolle und schließt sich zwar den Russischen Sozialdemokraten, aber zunächst keiner ihrer internen Fraktionen an. Erst im Revolutionsjahr stößt er zu den Bolschewiki und erklimmt mit deren Hilfe die Spitze des russischen Staates.

Federführend ist er beim Aufbau und als Kommandeur der Roten Armee im Bürgerkrieg und wird sogar zum Stellvertreter Lenins vorgeschlagen. Nach dessen Tod folgt Trotzkis Abstieg. Stalin und sein Umfeld drängen ihn zuerst in die parteiinterne „linke“ Opposition und dann außer Landes. Dort widmet er sich ab diesem Moment dem Aufbau oppositionell-kommunistischer Parteien, die dem Diktat aus Moskau widerstehen und später der trotzkistischen Vierten Internationalen. Vor dem Moskautreuen Kommunismus bis nach Mexiko geflohen wird er dort 1940 von einem Agenten Stalins ermordet.

Trotzkis Biografie von Service ist übersichtlich strukturiert und schildert einfach verständlich die Wirren der Russischen Revolutionen und sozialistischen Fraktionskämpfe. Dabei begeht der Autor – im Gegensatz zu trotzkistischen Sympathisanten, die vor ihm eine Trotzki-Biografie geschrieben haben – nicht den Fehler, sich zu stark mit seinem Protagonisten zu identifizieren. Er wahrt immer die richtige Distanz, um die Biografie ausgewogen zu gestalten. So werden Trotzkis Vorzüge wie sein großes schriftstellerisches Talent und seine rhetorische Brillanz ebenso dargestellt wie seine Selbstverliebtheit und sein fehlendes Einfühlungsvermögen, die seinen Gegnern auch helfen, ihn erst an den Rand und dann später aus der kommunistischen Bewegung hinaus zu drängen. Die Richtigkeit mancher seiner Forderungen wie der größeren innerparteilichen Demokratie im Kommunismus wird ebenso geschildert wie Trotzkis Doppelzüngigkeit bei deren Einforderung, da er sich als Mitarbeiter Lenins in Amt und Würden nie derartige Dinge gekümmert hatte.

Insgesamt wird der Leser auf über 700 Seiten umfassend über das Leben und Werk Trotzkis informiert. Dabei wird der Autor nicht zu ausschweifend, denn das abenteuerliche Leben des Revolutionärs und Politiker erfordert einfach diesen Umfang. Der rote Faden bleibt immer bei Trotzkis Leben selbst. Seine Bewegung, theoretische Hintergründe und sein Umfeld werden nur so weit detailliert geschildert, als das zum Verstehen seiner Handlungen erforderlich ist. Das Buch ist dabei in vier Teile gegliedert: Trotzkis Leben als Oppositioneller in der Zarenzeit (bis 1914), als Revolutionär (1914 bis 1919), an der Spitze von Politbüro und Zentralkomitee (1920 bis 1928) und im Exil als Oppositioneller (1929 bis 1940). Abgeschlossen wird das Werk mit zahlreichen Abbildungen von Trotzki, seinen Mitstreitern, Gegnern und Familie, Landkarten, Anmerkungen und einem umfassenden Register.

Zusammenfassend ist die Trotzki-Biografie von Robert Service ein echter Lesetipp für alle, die nicht vor einer so umfangreichen Biografie zurückschrecken. Wer sich über die Russische Revolutionszeit ab 1917 umfassend informieren will, wird an diesem kommenden Standardwerk über einen ihrer wichtigsten Anführer kaum vorbei kommen.

Daten zum Buch: Robert Service, Trotzki – eine Biographie, Suhrkamp-Verlag Berlin 2012, ISBN 9783518422359

Roland Bathon – russland.TV, Russland hören und sehen

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