Typisch Russland: Spazieren mit Millionen

[Von Eugen von Arb] – Schweizer zu sein und kein Geld oder nicht besonders viel davon zu besitzen, ist in den Augen vieler Russen ein Ding der Unmöglichkeit. Als Eidgenosse werde ich bisweilen direkt dazu genötigt, “vermögend” zu sein und mit den Banken auf freundschaftlichem Fuss zu stehen.

So erkundigte sich kürzlich eine russische Bekannte meiner Frau, die vernommen hatte, dass ich Schweizer bin, danach, wie man in der Schweiz sein Vermögen in Gold anlegen könne. Meine Antwort, ich wüsste es selber nicht, wurde überhört.

Berharrlich wurde nachgehakt, so dass ich ihr in meiner Not einfach die Hotline-Nummer der Moskauer UBS-Filiale angab, die ich im Internet gefunden hatte. Ich ärgerte mich darüber –  unbewusst hatte ich das Vorurteil bestätigt, dass der Reichtum der Schweizer Banken gewissermassen “Volkseigentum” sei und jeder irgendwo ein paar Goldbarren oder mindestens einen Koffer voller Geld herumliegen habe.

Eine andere Beziehung zum Geld und zu den Banken haben die Schweizer aber auf jeden Fall. Das wurde mir kürzlich bewusst als ich auf einer Bank im Kirowski Rayon Geld an eine Bekannte überweisen wollte. Der erste Schock erwartete mich am Eingang, wo mein Ausweis von einem mürrischen Wachmann gemustert und eingescannt wurde.

Ein Bankkunde in der Schweiz wird von einer weit offenen Glastüre begrüsst. Er betritt eine Bank andächtig wie eine Kirche. Obwohl ihn in diesem Moment mindestens ein Dutzend misstrauischer Überwachungskameras registrieren, soll er das Gefühl haben, er sei volkommen frei, und Geld sei etwas gutes, freundliches.

Dann betrat ich einen völlig überfüllten Schalterraum – hinter der Theke keine Seele. Sämtliches Personal bis hin zur Direktorin rannte umher.  Nach genau einer Minute war mir klar, dass die Menschen zusammengehörten und dass hier eine “Sdelka” – der Verkauf einer Liegenschaft über die Bühne ging. Dann wurde der Packen mit Geld herumgereicht – der unverkennbare Kurierumschlag mit den zusammengepressten Banknoten. Zuerst würden sie gezählt und dann in ein Bankschliessfach gelegt werden, um nach der Registrierung im Grundbuch an den Verkäufer übergeben zu werden.

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