Turkmenen wollen die Hölle vermarkten

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Derweze – Für die einen ist es lediglich ein Naturschauspiel, für die anderen der Einstieg in den Abyssos. Die Turkmenen nennen den Krater in der Wüste Karakum schlichtweg „Das Tor zur Hölle“. Recht sollen sie alle behalten, denn das schaurige, voller Flammen brodelnde Loch inmitten einer staubigen trockenen Landschaft, die einst von der Seidenstrasse durchzogen wurde, ist ein Naturwunder ohne gleichen.

Die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament spart nicht mit bildlichen Metaphern, die den „Höllenschlund“ betreffen. Den Abgrund des irdischen Seins, der Inbegriff des reuelosen Sünders. „Nachdem der fünfte Engel posaunt hatte, fiel ein Stern vom Himmel, dem der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben wurde“, so steht es in der Bibel geschrieben. Dante bemühte das Inferno gleichermaßen und von Rodin bis Baudelaire beflügelten immer wieder infernalische Endzeitszenarien die Phantasie der Menschen mit der gleichen Dynamik wie die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Ziemlich phantasielos betrachtet ist der kokelnde Krater in der turkmenischen Wüste nichts anderes als ein kreisrundes Loch mit rund 70 Metern Durchmesser. 20 Meter ist es tief und existiert seit 1971. Außer Geologen und Energieexperten hat es seit dem noch niemanden sonderlich interessiert. Das soll sich nun laut Oves Kurbanow, Angestellter beim nationalen Institut für Wüsten, Flora und Fauna, ändern. Man müsste nur Strassen ausbessern und Hotels errichten. Dann stünde, ginge es nach der turkmenischen Tourismusbehörde, für Reisende spannenden Jeep- und Squadsafaris nichts mehr im Wege.

Und Touristen hätte sie ja schon recht gern, die Tourismusbehörde. Zumindest ein paar mehr, als die höchstens 15.000, die jährlich ihren Weg in den zentralasiatischen Wüstenstaat finden. Die tummeln sich meist sowieso nur entlang der antiken Seidenstrasse, denn außer der Karakum-Wüste, deren Sand sich im Sommer auf bis zu 70 Grad erhitzt, findet sich kaum etwas Sehenswertes in Turkmenistan. Zumindest sofern man sich nicht unbedingt für Rohstoff- und Energiegewinnung interessiert. Davon haben sie viel – Turkmenistan fördert aus über 40 Feldern Öl und Gas. Die Gasvorkommen werden als die Viertgrößten der Welt taxiert.

Jede Menge Wüste, viel Gas, aber wenig Touristen

Denen haben die Turkmenen wiederum ihr Riesenloch mitten in der Wüste zu verdanken. Fairerweise muss man jedoch auch ein paar sowjetische Wissenschaftler und Geologen im selben Atemzug erwähnen, die sich damals vor knapp 40 Jahren schlichtweg verrechnet hatten. Mit Sondierungsbohrungen sei damals begonnen worden, sagt der turkmenische Experte Anatoli Buschmakin. „Plötzlich bohrten sie in einen unterirdischen Hohlraum und es bildete sich ein tiefer Trichter. Das Bohrgerät stürzte ein, glücklicherweise wurde niemand getötet“, auch das sagt Buschmakin.

Zunächst sah die Idee, das dabei ausströmende Gas einfach abzufackeln, ja noch ganz vernünftig aus. Jedoch wollte die Flamme nicht wie geplant nach ein paar Tagen versiegen, sondern lodert seitdem munter weiter. 2010 gab es einmal Überlegungen das Loch zu verschließen, die aber angesichts des Aufwands auch recht schnell wieder vom Tisch waren. Nun soll sich der Höllenschlund also zumindest touristisch rechnen. Dazu hätten wir jedoch noch zwei gut gemeinte Ratschläge parat.

Zum einen sollten die Ausflüge in die Wintermonate gelegt werden, da es da in der Wüste Karakum mit Temperaturen bis zu Minus 20 Grad doch empfindlich kalt werden kann und aus dem Krater eine gemütliche Wärme emporsteigt. Und dann wäre, trotz aller ehrgeizigen Vorhaben zur Verbesserung der Infrastruktur, vielleicht doch noch ein Zaun rund um das „Tor zur Hölle“ angeraten. Denn, und das ist gewiss, der Krater von Derweze ist nicht nur tief, sondern auch höllisch heiß.

[mb/russland.RU]

Foto: Tormod Sandtorv

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.