Tschernobyl-Katastrophe: Zehn Mrd. US-Dollar von Russland in den Wiederaufbau gesteckt

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Russland hat mehr als zehn Milliarden US-Dollar für die Beseitigung der Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl ausgegeben, sagte der russische UN-Botschafter Michail Sawostjanow in New York bei der Erörterung eines Resolutionsentwurfs zur schlimmsten Umweltkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

„Der wichtigste Bestandteil der Politik der russischen Regierung in Bezug auf Tschernobyl ist eine konsequente Berücksichtigung des Radioaktivitätsfaktors in den eingeleiteten Maßnahmen zum komplexen Wiederaufbau der betroffenen Gebiete, dessen Kosten in den zurückliegenden Jahren in unserem Land mehr als zehn Milliarden US-Dollar betragen haben“, sagte Sawostjanow.

Auf die internationale Unterstützung eingehend, äußerte der russische Vertreter sein Befremden darüber, dass die humanitäre Hilfe über nichtstaatliche Organisationen geleistet wird, deren Arbeit nicht transparent und nicht rechnungspflichtig sei.

„Es leuchtet uns unter anderem nicht ein, welche Verantwortung und wem gegenüber die nichtstaatlichen Organisation tragen, die in enger Gemeinschaft mit der UNO wirken und Partnerbeziehungen zur UNO, darunter bei der Gewährleistung der Sicherheit, pflegen und dabei Anspruch auf eine unabhängige Tätigkeit geltend machen. Die Unabhängigkeit darf nicht eine fehlende Rechnungspflicht bedeuten“, betonte der russische UN-Botschafter.

UNO verabschiedet neuen Wiederaufbauplan

Die UN-Vollversammlung hat am Montag die Resolution gebilligt, in der eine Entwicklungsstrategie für die vom Tschernobyl-Reaktorunglück betroffenen Gebiete abgesteckt ist.

Demnach soll künftig vermehrt auf Wirtschaftsinvestitionen statt humanitärer Hilfe gesetzt werden, um in den Gebieten um Tschernobyl Arbeitsplätze zu schaffen.

Russland, Weißrussland und die Ukraine, die von der schwersten Umweltkatastrophe des 20. Jahrhunderts am stärksten betroffen waren, sind der Ansicht, dass 20 Jahre danach das gewohnte Wirtschaftsleben wiederhergestellt werden muss. Laut Dokument soll dies für die Einwohner in den Kreisstädten und Dörfern „die Rückkehr zum normalen Leben“ bedeuten.

Die Resolution fordert zudem eine engere internationale Zusammenarbeit. Die Bemühungen um Minimierung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe müssen koordiniert sowie deren ökologische, medizinische, soziale und ökonomische Nachwirkungen eingeschätzt werden.

In der Resolution wird der Vorschlag des UN-Entwicklungsprogramms begrüßt, den Aktionsplan zur Unterstützung der Strategien der betroffenen Länder bis 2016 zu erarbeiten. Auch ist die Bitte enthalten, den Entwurf des Aktionsplans einer Gruppe der von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Menschen bis zum 26. April 2008 vorzulegen – dem 22. Jahrestag des Unglücks.

Geberländer bauen humanitäre Hilfe ab

Die UNO und die internationalen Geberländer wollen ihre humanitäre Hilfe für die vom Tschernobyl-Reaktorunglück betroffenen Gebiete von Russland, Weißrussland und der Ukraine abbauen, sagte die Leiterin der GUS-Projekte des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), Louise Winton, in einem Interview mit RIA Novosti.

„Die internationale Hilfe wird angesichts akuterer Weltprobleme, solcher wie die Hungersnot oder die katastrophalen Klimaänderungen, reduziert. Die Gebiete in der Tschernobyl-Zone nehmen sich gegenwärtig nicht als die schmerzhaftesten auf der Weltkarte aus, innerhalb von zwei Jahrzehnten wurde dort recht viel getan“, sagte Winton.

Die UNDP-Mitarbeiterin betonte, dass sich alle drei Staaten in einem stärkeren Maße auf ihre eigenen Ressourcen und Programme stützen werden.

Am 26. April 1986 explodierte der vierte Energieblock im Atomkraftwerk Tschernobyl – dem ersten ukrainischen AKW. Die Sprengkraft entsprach 500 Hiroshima-Bomben. Die umliegenden Gebiete im Umkreis von 30 Kilometern – 19 russische Regionen von fast 60 000 Quadratkilometern mit 2,6 Millionen Einwohnern, 46 500 Quadratkilometer weißrussisches Territorium (23 Prozent der Gesamtfläche der Republik) und 50 000 Quadratkilometer in zwölf Gebieten der Ukraine – wurden verstrahlt.

Infolge des Tschernobyl-Unglücks wurden 75 Prozent des europäischen Territoriums von radioaktivem Zäsium verseucht.