Transkarpatien – neuer Unruheherd in der Ukraine

Ukraine Oblast Transkarpatien Bild Steschke CC BY-SA 3.0

Am vergangenen Freitag demonstrierten in der ungarischen Hauptstadt Budapest vor der ukrainischen Botschaft Angehörige der in Transkarpatien lebenden ethnischen Minderheiten. Transkarpatien – politisch ein Oblast der Ukraine.

Sie forderten „Selbstbestimmung für Transkarpatien und Freiheit für die ruthenischen, polnischen, bulgarischen, rumänischen und armenischen Volksgruppen, die auf dem Territorium der heutigen Ukraine leben“. Sie protestierten gegen die „Barbarei der Putschisten, die die Ukraine [2014 – hmw] erobert und so die ungarischen Nationalbrüder gefangen genommen haben“. Einer der Teilnehmer der Aktion trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Transkarpatien gehört per Gesetz zu Ungarn. Selbstbestimmung für alle unterdrückten Nationen, die gezwungen sind, in der Ukraine zu leben.“

Anlass für diese Demonstration war das neue ukrainische „Bildungsgesetz“, das ab 2018 Unterricht in der Sprache der in der Ukraine lebenden Minderheiten nur noch in den ersten vier Jahren der Grundschule gestattet, danach darf Unterricht nur noch auf Ukrainisch stattfinden. Ab 2020 entfällt auch diese Regelung und auch in den ersten Jahren der Grundschule wird Ukrainisch Pflicht.

Das Gesetz verstößt gegen Artikel 1 des Protokolls Nr. 12 zur Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Artikel 7 und 8 der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, Artikel 5, 6, 13 und 14 des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten. [russland.NEWS hat berichtet]

Transkarpatien ist der südwestlichste Zipfel der Ukraine und liegt im westlichen Teil und in den davor liegenden Niederungen des ukrainischen Teils der Karpaten – ein 1.300km langer Gebirgszug von Polen bis Rumänien reichend. Es grenzt an Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien – Länder, an deren östlichen Grenzen auch Teile der ethnischen Minderheiten Transkarpatiens leben.

Traditionell gehören die zirka 1,3 Millionen Bewohner verschiedenen Völkern, vor allem aber den Russinen (Ruthenen) und Ukrainern an. Neben diesen Volksgruppen (Russinen geschätzt 400.000 und Ukrainer etwa 600.000) gibt es noch eine große Minderheit der Ungarn (offiziell 151.000) im Süden im Flachland an der Grenze zu Ungarn. Im Südosten an der Grenze zu Rumänien leben etwa 40.000 Rumänen und etwa 3.000 Karpatendeutsche.
Insgesamt besteht die Bevölkerung der Region aus einem guten Dutzend Volkszugehörigkeiten, die teils auch eigene Dorfgemeinschaften bilden: Ukrainer, Ungarn, Rumänen, Roma, Slowaken, Russen, Walachen, Deutsche, Juden, Armenier, Aserbaidschaner sowie die ukrainischen Bergvölker Huzulen, Bojken und Lemken.

Die meisten Minderheiten sind von der UNO als solche anerkannt, womit ihnen gewisse Rechte zustehen. Die Hauptgruppe, die Ruthenen (Russinen – nicht zu verwechseln mit Russen), wird von der Ukraine jedoch nicht als ethnische Minderheit anerkannt, sondern als Volksgruppe der Ukraine bezeichnet, wodurch aus 600.000 in Transkarpatien lebenden Ukrainern eine Million wird.

Das Land ist mit seiner wechselnden Zugehörigkeit zu den verschiedenen angrenzenden Staaten ein von der Welt nur wenig bis gar nicht wahrgenommener Unruheherd.

Nach dem Zerfall der k.u.k.-Monarchie (1918) schloss sich (1919 bis 1939) Transkarpatien der Tschechoslowakei an. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Nazi-Deutschland proklamiert 1939 die benachbarte Slowakei ihre Unabhängigkeit. Ebenso erklärte das Parlament der Rest-Karpatenukraine am 15. März 1939 seine Unabhängigkeit. Bis 1944 war es von Ungarn, dann bis 1945 durch Deutsche besetzt. Ab 1945 gehörte es wieder zur Tschechoslowakei und ab 1946 der Ukrainischen SSR und ab 1991 der Ukraine an.

Im Gegensatz zum eindeutigen Votum der Russinen (1991 stimmten über 78 % für den Verbleib und eine Autonomie Transkarpatiens innerhalb der Ukraine) und den Beteuerungen ihrer Führer unterstellen ukrainische Sicherheitsbehörden ihnen, Eigenstaatlichkeit anzustreben. Den russinischen Verbänden wird vorgeworfen, schon seit den 1980ern von Russland finanziert und kontrolliert zu werden.

Wenn man bedenkt, dass – wie unabhängige Experten schätzen – allein etwa 1,5 Millionen Russinen (Ruthenen) in Europa leben, davon 1,2 Millionen in der Ukraine (hauptsächlich in der Karpatenukraine) 130.000 in der Slowakei und 80.000 Lemken in Polen, könnte sich dort bei der derzeitigen Handlungsweise der ukrainischen Führung und dem nie erstorbenen Nationalbewusstsein Transkarpatiens ein neuer Unruheherd herausbilden. Sozusagen ein Analogon zum Südosten der Ukraine.

[Hanns-Martin Wietek/russland.NEWS]

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.